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Nigerianische Prostituierte sind häufig Opfer von Menschenhändlern

Netzwerk

Die Zuhälterinnen

Es gibt in Europa immer mehr Nigerianerinnen, die zur Prostitution gezwungen werden. Verstörend dabei: Es sind meist Frauen, sogenannte Madames, die sie ausbeuten.

Von MARY KREUTZER UND CORINNA MILBORN

Die italienische Polizei hat in unzähligen Telefonüberwachungen und Ermittlungen versucht, das Netzwerk der nigerianischen Madames in Europa zu durchblicken. Sie konnte kaum Anzeichen für das finden, was normalerweise unter organisierter Kriminalität verstanden wird: Das Netzwerk der Frauenhändler ist nicht hierarchisch gegliedert wie etwa die Mafia, es gibt keine klaren Befehlsstrukturen - es ist ein "Cluster"-Netzwerk, das mit sehr niedrigem Profil in ärmlichen Verhältnissen arbeitet, sich nicht mit anderen Kriminalitätsformen wie Drogenhandel vermischt und dadurch extrem flexibel ist - und umso schwerer zu fassen.

Die Knotenpunkte des Netzwerks sind die Madames. "Die meisten sind selbst nach Europa gehandelt worden und steigen langsam in den Job als Zuhälterin ein", berichten Antonio Runci und Luigi Vetere von der Kriminalpolizei in Turin. "Sie helfen sich gegenseitig: Etwa 15 von ihnen tun sich zusammen und zahlen regelmäßig in einen gemeinsamen Topf ein. Wenn 10 000 Euro zusammengekommen sind, dann kann sich eine der Frauen ein Mädchen kaufen, mit den nächsten 10 000 die nächste und so weiter." Dieses "Bausparen" für Menschenhändlerinnen heißt "Osusu". Auch für den Fall von Verhaftungen ist vorgesorgt: "Wenn eine ins Gefängnis kommt, ist das gar kein Problem: Dann springt sofort eine andere ein und übernimmt die Mädchen, bis die verhaftete Frau wieder frei ist", erzählen die Polizisten. Die Madames tauschen auch häufig Mädchen untereinander aus, verkaufen sie weiter oder übernehmen - auf "Kommission" - Mädchen von anderen Madames.

Jede Madame unterhält ein eigenes Netzwerk von Helfern: In Nigeria arbeiten Rekrutierer für sie, die neue Mädchen anwerben. Mittelsmänner besorgen die Dokumente und eigene Helfer bedrohen, wenn nötig, die Familien der Mädchen. Auf dem Weg gibt es ein ganzes Netzwerk von Schleppern, die die Mädchen nach Europa bringen. In Europa selbst haben die meisten Madames einen "Black Boy" - einen jungen Mann, der ihnen dabei hilft, die Mädchen einzuschüchtern, am Strich zu kontrollieren, das Geld einzutreiben und die Standplätze gegen andere Zuhälter zu verteidigen.

Die Madames spielen für die Mädchen und Frauen, die sie ausbeuten, eine seltsame Doppelrolle: Sie sind Unterdrückerinnen und zugleich die einzigen Ansprechpartnerinnen. Sie drohen den Mädchen und schlagen sie, aber sie bilden auch die Kontaktstellen zu den Familien. Sie nehmen den Mädchen das ganze Geld ab, aber versorgen sie mit dem Lebensnotwendigen. Sie schreien sie an, sind aber auch die Einzigen, die sie trösten. Die meisten Opfer von Menschenhandel haben ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Ausbeuterinnen.

Es ist verstörend, dass der Frauenhandel aus Nigeria in den Händen von Frauen liegt. Das bricht mit dem Gut-Böse-Schema, in das Frauenhandel normalerweise eingeordnet wird - böse Männer, arme Frauen. Es gibt auch keine klare Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern, die meisten Zuhälterinnen waren einmal selbst Opfer.

Warum sind es hier Frauen, die den Frauenhandel betreiben? Wir haben keine eindeutige Erklärung gefunden. Man kann darüber nur Vermutungen anstellen: Erstens waren es im nigerianischen Benin City immer schon Frauen, die handelten und mit der Handelsware reisten - bis nach Italien, das sie ab Mitte der 1970er Jahre, in den Zeiten des Wirtschaftsbooms in Nigeria, als Markt entdeckten. Als Anfang der 1980er Jahre der Ölpreis und der Wert der nigerianischen Währung in den Keller fielen, wechselte die Ware, die Händlerinnen blieben.

Zweitens erkennt man Parallelen zu anderen Formen der Unterdrückung von Frauen: Zwangsheiraten werden von Männern arrangiert, aber von den Müttern durchgesetzt. Weibliche Genitalverstümmelung wird von Männern verlangt, doch es sind Frauen, die die Operation vornehmen und die Töchter, Nichten, Enkelinnen ausliefern. Vielleicht ist Frauenhandel im Fall Nigerias auch einer jener Aspekte des Patriarchats, der von den Frauen erledigt wird, im Sinne der Männer.

Drittens waren die meisten Madames vorher selbst Opfer und wurden traumatisiert. Ein Trauma wird, erklären Experten, so lange reinszeniert, bis es verarbeitet ist. Selbst zur Madame zu werden gibt die Möglichkeit, sich aus dem System, das einem Schmerzen zugefügt hat, etwas zurückzuholen. Dadurch wächst das System.

Es irritiert auch, wie anerkannt die Frauenhändler, vor allem aber die Madames, in den Communitys sind. Als wir gegen Ende unserer Recherche bei einer nigerianischen Messfeier eingeladen sind, sehen wir sie im Festsaal: In der ersten Reihe eine Madame, die schon seit vielen Jahren Mädchen in Wien ausbeutet, selbstbewusst und mit gerecktem Kinn, mit zwei blutjungen, stummen Mädchen im Schlepptau. Hinten stehen zwei, aufgeputzt in traditionellen orangefarbenen und blauen Kleidern mit Goldornamenten sowie glitzerndem Kopfschmuck auf den erhobenen Häuptern: Sie sind beide Chefinnen eines ganzen Netzwerks, haben Mädchen in Italien, Deutschland und Österreich. Die Madames stolzieren durch den Kirchensaal, grüßen herablassend nach links und rechts und beten am lautesten mit. Man spürt, dass sie Ansehen genießen. Es ist ein seltsames Erlebnis: Immerhin sind diese Frauen Menschenhändlerinnen - und damit Verbrecherinnen. Seltsam auch, dass wir nach einigen Monaten der Recherche die Madames identifizieren können, während die Polizei offenbar im Dunkeln tappt. (?)

Man fragt sich oft, wenn man die Geschichten der Opfer hört: Warum um alles in der Welt bist du nicht einfach weggelaufen? Doch Weglaufen ist für die nigerianischen Zwangsprostituierten so gut wie unmöglich. Die Madames spannen ein dichtes Netz aus Zwängen rund um ihre Opfer, das ihnen keinen Ausweg lässt.

Zunächst werden jene Mädchen, die sich nach der Ankunft weigern zu arbeiten, gefügig gemacht. Die Mädchen werden ohne Essen und Trinken in dunkle Räume gesperrt, manchmal tagelang. Oft übernehmen noch die Trolleys diesen Job, bevor sie die nun ausbeutungsfähige Ware den Madames übergeben: Hunger bricht den stärksten Willen in kurzer Zeit.

Wenn die Mädchen zu arbeiten beginnen, setzen die Madames fünf Kontrollstrategien ein: Als Erstes wird den Mädchen klargemacht, dass sie ohne ihre Madame in Europa keine Chance haben. Nicht nur, dass sie sich nicht auskennen, die Sprache nicht beherrschen und vor dem Rassismus der Weißen gewarnt werden: Noch am Tag der Ankunft nimmt man den Opfern die Pässe ab, die ja meistens noch dazu vom Netzwerk der Menschenhändler selbst gefälscht worden sind. Damit verlieren die Mädchen und Frauen ihre Bewegungsfreiheit und werden zu "Illegalen": Wenn sie mit der Polizei Kontakt aufnehmen, landen sie sofort im Gefängnis, drohen die Madames.

Und leider haben sie damit recht. Unzählige Afrikanerinnen und Afrikaner, die nichts verbrochen haben, außer keine Aufenthaltsgenehmigung oder keinen Pass zu besitzen, werden in Europa verhaftet.

Die Fälle, die in der Community natürlich schnell die Runde machen, beweisen den Mädchen täglich: Bei "den Weißen" oder gar bei der Polizei dürfen sie nicht auf Hilfe hoffen.

Zweitens setzen die Madames auf Gewalt. Die meisten ihrer Opfer haben Erfahrungen mit Gewalt hinter sich - sei es in der Kindheit oder während der Reise - und sind traumatisiert. Sie sind deshalb leichte Opfer für Gewaltdrohungen. Die Madames selbst schlagen die Mädchen. Wenn sich eines von ihnen aber weigert, zu arbeiten oder zu zahlen, kommen noch viel härtere Methoden zum Einsatz. Antonio Runci und Luigi Vetere von der Kriminalpolizei Turin erzählen: "Die physische Gewalt geht von der einfachen Ohrfeige über den Tritt bis zu Stockhieben. Wir hatten auch Fälle von Mädchen, deren Zuhälterin sie mit Stöckelschuhen am Kopf verletzt hat. Andere wurden mit Elektrokabeln ausgepeitscht."

Drittens bauen die Madames ein System gegenseitiger Kontrolle unter den Mädchen auf, parallel zur Überwachung durch die Madame und ihre Black Boys: Jene, die schon länger da sind, führen die Neuen in den Job ein und kontrollieren sie auf der Straße. "Warum sollte sie es besser haben als ich?", mag einer der Gedanken sein, mit dem die älteren Mädchen die neuen kontrollieren. Vor allem aber sorgt die Madame dafür, dass sie aufeinander angewiesen sind - etwa durch fixe Beträge, die die Mädchen gemeinsam abliefern müssen. Fällt eines aus, müssen die anderen mehr arbeiten - das sorgt für sozialen Druck in der Gruppe.

Viertens verfügen die Menschenhändler über das beste Erpressungsszenario, das man sich vorstellen kann: Sie haben einen Pakt mit der Familie zu Hause in Afrika geschlossen. Wenn ein Mädchen nicht spurt, lässt man es wissen, dass die Familie in Nigeria bereits bedroht wird. Danach erfolgen Angriffe auf das Haus der Familie und Überfälle durch die Helfer der Madame. In erschreckend vielen Fällen sterben Verwandte von Opfern von Frauenhandel.

Mary Kreutzer und Corinna Milborn: Ware Frau. Ecowin, Wien 2008. 240 Seiten, 19,95 Euro.

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