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Nachdem sie seit Dienstag in Bussen festsaßen, sind inzwischen etwa 900 Migranten zurück im zerstörten Camp - ohne Schutz vor Schnee, Wind und Minusgraden. Foto: Dado Ruvic/Reuters
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Nachdem sie seit Dienstag in Bussen festsaßen, sind inzwischen etwa 900 Migranten zurück im zerstörten Camp - ohne Schutz vor Schnee, Wind und Minusgraden. Foto: Dado Ruvic/Reuters

Balkanroute

Zurück im ausgebrannten Lager

  • vonAdelheid Wölfl
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Der Skandal um das bosnische Flüchtlingscamp Lipa ist um eine unmenschliche Episode reicher: Weil keine Stadt, kein Dorf sie aufnehmen will, müssen die Insassen mitten im Winter im Freien campieren. Eine Reportage.

Von weitem glitzert es verheißungsvoll, fast weihnachtlich in der Landschaft. Doch wer sich der Lichterkette auf dem Feld nähert, blickt direkt ins Elend der wohl größten Flüchtlingskatastrophe, die sich derzeit in Europa abspielt.

Hunderte Migranten sind seit Mittwochnachmittag wieder der Nässe und Kälte ausgeliefert. Denn die etwa 900 jungen Männer, die ab Dienstag in zwanzig Bussen eingesperrt in der Nähe des abgebrannten Camps Lipa ausharrten, wurden von der Polizei wieder zurück in das aufgelassene Lager eskortiert. Dort haben sie nur ein paar schäbige Plastikplanen zur Verfügung. Einige Container stehen hier auch noch herum, aber diese sind nicht zum Schlafen, sondern als Waschgelegenheiten und als Toiletten aufgestellt worden.

Niemand hier in Bosnien-Herzegowina hat einen Plan für die Zukunft der 900 Männer, die im Niemandsland in Westbosnien feststecken. Die Regierung ist mit den Migranten in eine Krise geschlittert. Denn bislang hat sich keine Stadt, kein Dorf bereit erklärt, die Afghanen und Pakistaner aufzunehmen, die im harten bosnischen Winter im Freien nicht überleben können. „Wir wissen von nichts“, sagen die Männer im Bus. „Wir brauchen Brot“, fügen manche hinzu.

Nach wochenlangen Verhandlungen war es am Dienstag zunächst zu einem politischen Durchbruch gekommen. Endlich fand man eine Kaserne in der Nähe der Stadt Konjic, wo man die Männer hinbringen wollte. Und diese dachten, dass sie nun nicht im Schlamm und im Regen das neue Jahr beginnen müssten.

Die Evakuierung begann plangemäß, doch dann stellten sich die bosnisch-kroatischen Minister quer, weil das Dorf Gradina, wo die Kaserne steht, in einem Kanton liegt, in dem die bosnisch-kroatische HDZ regiert. Ein paar Bürgerinnen und Bürger protestierten zudem vor der Kaserne, als sie Wind davon bekamen, dass die Migranten kommen sollten. Der bosnische Sicherheitsminister Selmo Cikotic konnte sich nicht gegen die Lokalfürsten durchsetzen. Und so blieben die Migranten zunächst in den Bussen eingesperrt.

Sie sind einem Machtspiel ausgeliefert, das Tag für Tag an Absurdität und Ausweglosigkeit gewinnt. Für die Menschen hier, die zu den Leidtragenden dieser Politik werden, ist dies alles undurchschaubar. Schon seit Wochen verweigern bosnische Politiker, zu einer Lösung beizutragen und gefährden damit Menschenleben.

Vertreter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) versorgen die Leute, die krank sind und verteilen Essenspakete. Viele Migranten haben bereits die letzten Tage im Schnee und im Freien verbracht und sind sichtlich erschöpft. Unklar ist, ob einige auch an Covid-19 erkrankt sind.

Tödliche Fluchtroute über die kanaren

Fast 2200 Menschen sind in diesem Jahr bei dem Versuch gestorben, Spanien von Afrika aus auf dem Seeweg zu erreichen. Die große Mehrheit sei auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln tödlich verunglückt, teilte die Hilfsorganisation Caminando Fronteras am Dienstag mit. 2020 seien mehr Menschen auf der Inselgruppe angekommen als je zuvor. Verstärkte Patrouillen vor der südspanischen Mittelmeerküste ließen die Migrantinnen und Migranten nach alternativen Routen suchen, um Europa zu erreichen. Insgesamt starben 2170 Menschen auf dem Seeweg nach Spanien. 2019 waren es laut Caminando Fronteras 893 Tote. Fünfundachtzig Prozent der Todesfälle im Jahr 2020 ereigneten sich laut dem Bericht bei 45 Schiffsunglücken auf der Route zu den Kanarischen Inseln. Die kürzeste Route zu den Inseln ist mehr als hundert Kilometer von der marokkanischen Küste entfernt. Wegen der starken Strömungen im Atlantik gilt sie jedoch als sehr gefährlich. Zwischen dem 1. Januar und dem 30. November erreichten insgesamt 19 566 Menschen die Kanarischen Inseln, wie Zahlen des spanischen Innenministeriums zeigen. Ein Jahr zuvor waren es nur 1993. afp

Der IOM-Leiter in Bosnien-Herzegowina Peter Van der Auweraert ist sichtlich verzweifelt. Er versucht gemeinsam mit der EU-Kommission seit Wochen eine Lösung zu finden, um die Menschen vor dem Kältetod und Ansteckungen zu schützen.

„Jetzt wird alles noch schwieriger. Denn nun haben alle im Land gesehen, dass man nur dreißig, vierzig Demonstranten braucht, um zu verhindern, dass die Migranten untergebracht werden“, sagt er zu dieser Zeitung. „Jedes Dorf kann das nun nachahmen und die Umsiedlung der Migranten verhindern.“ Dabei gäbe es ausreichend Kasernen, um den Leuten Schutz zu bieten, moniert er. Doch der umkämpfte Zentralstaat in Bosnien-Herzegowina zeigt sich gerade in der Migrationskrise als viel zu schwach, um sich durchzusetzen.

Die Umsiedlung war notwendig geworden, weil vor Weihnachten das Lager Lipa, etwa 25 Kilometer außerhalb von Bihac geschlossen werden musste, um es winterfest zu machen. Die großen Zelte können nämlich der Schneelast nicht standhalten. Doch die Behörden hatten sich geweigert, die Halle Bira in der Stadt, die jahrelang als Migrationszentrum gedient hatte, wieder für die obdachlos gewordenen Männer zu öffnen. Aus Verzweiflung zündeten einige Migranten die Zelte in Lipa an. Manche verblieben dicht gedrängt im letzten übrig gebliebenen Zelt.

Hilfsorganisationen warnen davor, dass Migranten in der Kälte und im Schnee schwer krank werden oder sogar sterben könnten. Doch viele Bürger:innen von Bihac, die seit Jahren unter der Migrationskrise leiden, wollen nicht, dass die Männer in die Stadt in die Halle Bira zurückkehren. Aber es gibt auch andere, die Herz zeigen.

Vor einem der Abbruchhäuser, gefährliche Betonskelette am Rande der Stadt, in denen Dutzende Pakistaner im Schutt, in der Nässe und im Dreck hausen, steckt eine Frau mit zwei kleinen Kindern den Männern zwanzig bosnische Mark zu - hierzulande viel Geld - und legt ihre Hand auf ihr Herz. „Wir sind Muslime und ihr auch“, sagt sie zu Nizra, einem 30-jährigen Mann, der vor wenigen Tagen aus dem Lager Lipa hierher gekommen ist.

„Ich weiß nicht, wo wir nun hingehen sollen. Es gibt kein Lager für uns, keine Unterkunft“, sagt Nizra. Die Männer, die in den Abbruchhäusern leben, schöpfen sich Wasser aus dem Fluss Una. Hunderte andere lagern außerhalb der Stadt auf den Feldern. „In der Nacht wird es jetzt schrecklich kalt“, erzählt etwa der 21-jährige Mohammed aus Peshawar. Um zu ihrem Lager zu gelangen, muss man durch Regenpfützen und Gestrüpp stapfen.

Mohammed und seine Freunde leiden unter juckenden Hautinfektionen. Weil die kroatische Grenzpolizei ihnen vor vier Tagen, als sie versuchten über die Grenze zu kommen, die Schuhe wegnahm, stehen sie nun mit nackten Füssen in Plastikschlappen im Schlamm. Sie bräuchten vor allem eine Powerbank, um ihr Handy aufzuladen und Mehl, um sich in dem verrußten Topf Brot zu machen, erzählen sie.

Neben den 900 Männern, die in Bussen eingepfercht sind, befinden sich über 1000 weitere hier im Kanton Una-Sana im Freien oder in Abbruchhäusern. „Hier können wir nicht überwintern“, räumt der 26-jährige Ali ein, der schon seit 2016 versucht von Bosnien-Herzegowina aus nach Kroatien und in die EU zu gelangen. 50 Mal sei er bereits hinauf in die Berge gewandert, wurde aber immer von den Grenzern erwischt. Ali spricht mittlerweile ausgezeichnet Bosnisch. „Wir warten auf den Frühling“, antwortet er auf die Frage, wie es nun weitergehen könnte.

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