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Verdun im Jahre 1918.

Der Erste Weltkrieg

Zündstoff für Jahrzehnte

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100 Jahre Erster Weltkrieg: Der Vertrag von Versailles und die Pariser Nachkriegsordnung von 1919 wurden zu einer Jahrhunderthypothek.

Auch dies ein Geschehen mit einer unabsehbaren Eigendynamik. Dazu eine alte und eine ältere Stimme. Die alte stammt von Golo Mann, dem Konservativen und noch viel größeren Erzähler unter den Historikern, der 1958 den Paragraphen über Deutschlands „Alleinschuld“ im Versailler Friedensvertrag vom 28. Juni 1919 eine „hirn- und sinnlose, von Wut, Leid und Übermut eingegebene Behauptung“ nannte. Und der soeben verstorbene Linksintellektuelle Hans-Ulrich Wehler meinte vor zehn Jahren: „Die Konstellation von 1918/19 barg bereits den Zündstoff für einen neuen Weltbrand in sich.“

Nein, nicht nur zwei seit langem gesetzte Urteile, noch eines, das des bei historisch interessierten Lesern beliebten Sebastian Haffner. Als er 1987 davon sprach, der Versailler Vertragsentwurf habe die Deutschen getroffen wie ein „Keulenschlag“, kam er auf den „Alleinschuldvorwurf“ merkwürdigerweise nicht ausdrücklich zu sprechen. Anstelle der moralischen Dimension monierte Haffner allein juristisch, ahndete eine „Behandlung Deutschlands nicht wie eines besiegten, aber immer noch zur Staatengemeinschaft gehörenden Kriegsgegners, sondern wie eines Angeklagten, der sein Strafurteil empfing“.

Mit dem Versailler Friedensvertrag am 28. Juni 1919 machten sich seine Verfasser im besiegten Deutschland eine Mehrzahl zu Gegnern, und darunter befand sich eine nicht nur kleine Minderheit zu allem entschlossener Feinde. Ganz bestimmt war es nicht der Sinn des Vertrags, Zustimmung zu erheischen, zumal bei soeben noch überwundenen, offensichtlichen Kriegstreibern. Aber er war so formuliert, dass die Triumphierenden keinerlei Sinn für die Verbitterung der Besiegten aufbrachten. „Als geradezu ungeheuerlich“, so geben Gerhart Hirschfeld und Gerd Krum-eich die Stimmung im Deutschland von 1919 wieder, wurde der Artikel 231 des Vertragswerks empfunden, der berüchtigte „Kriegsschuldartikel“, mit dem Deutschland als „Urheber“ am Kriegsausbruch verantwortlich gemacht wurde.

Für diese Bilanz war man seit dem 18. Januar 1919 in Paris zu einer Friedenskonferenz zusammengekommen, die Repräsentanten von 27 Nationen, ausschließlich Vertreter der Alliierten, denn die Verlierer des Krieges hatte man nicht an den Verhandlungen beteiligt. Das stellte ein „Novum in der Geschichte der Friedensverträge“ dar, so betonen Hirschfeld und Krumeich.

Einer Teilgeschichte der modernen Friedensvertragsgeschichte, gewiss. Denn seit der Beilegung des Dreißigjährigen Kriegs, Beilegung, weil ein Sieg in diesem Abnutzungskrieg ja nicht mehr zu erzwingen war, zeichnete sich im Gegensatz zu diesem Verhandlungsfrieden von 1648 nun, 1919, unzweideutig ein Triumphgefühl ab. Auch das steigerte in Deutschland die Empörung über die Vorgänge in Paris, schließlich gegen den Vertrag in Versailles. Das erklärt, so betont etwa Wolfgang Kruse in seinem vor allem an Geschichtsstudenten adressierten Buch (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt) über den Ersten Weltkrieg, warum der Vertrag „aus deutscher Perspektive zeitgenössisch als ein völkerrechtlich fragwürdiger Diktatfrieden verstanden worden ist“.

Ein wutentbranntes Deutschland empörte sich über den zornbebenden Satz des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau, der die „Stunde der Abrechnung“ ankündigte. Während die USA weiterhin den „Wilson-Frieden“ anstrebten, einen Abschluss gemäß des 14-Punkte-Programms des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, beharrte Frankreich, schwer verwüstet, schwer verletzt, ein Land, das Millionen Tote zu beklagen hatte, ein Land mit Zehntausenden Zivilisten als Opfern, ein Land, das vom Krieg zum Teil entsetzlich umgegraben worden war, auf einem „echten Siegfrieden“. Hirschfeld und Krumeich spitzen es so zu: „Auf den totalen Krieg sollte ein totaler Sieg folgen.“

Diese Formel, keine exklusive Erkenntnis der beiden Autoren, sie taucht als Leitmotiv immer wieder auf, verkennt, dass die Urheberschaft am „totalen Krieg“ in Deutschland zu finden ist, so 1916 propagiert vom Generalquartiermeister des Reichs, Erich Ludendorff, als Steigerung des „absoluten Kriegs“. Im totalen Ausblutungskrieg wurden sämtliche zivile Normen vorab betäubt.

Die Urheberformel von Versailles, die die Anfänge des Krieges beurteilt (nicht eine weitere Etappe seiner Eskalation), wurde übersetzt mit der „Alleinschuld“ des Deutschen Reichs am Ersten Weltkrieg. Und über diese Feststellung bestand kein Zweifel. Nicht während der Monate der Vorverhandlungen, nicht am Tag der Übergabe des alliierten Entwurfs der Friedensbedingungen. Die vom französischen Präsidenten Clemenceau angekündigte „Stunde der Abrechnung“ war geprägt von Ritualen militärisch geschulter Verachtung – maßlos aber war die Brüskierung durch den deutschen Delegationsleiter. Er verlas seine Antwort, indem er demonstrativ sitzen blieb.

Das war symbolisch zu verstehen: Horrende deutsche Hybris, die soeben erst und unter Millionenverlusten zu Fall gebracht worden war, verharrte in einer anmaßenden Stellung, unumwunden Front machend. Was dann, in der Republik von Weimar, vorsätzlich von Revanchisten und Chauvinisten bejubelt und befeixt wurde. Doch auch unter zivilisierten Vorzeichen wurde Einspruch erhoben gegen den Vertrag, weil er neben dem ultimativen „Strafurteil“ (Haffner) weitere Kompromisslosigkeiten vorsah. Eine kompromisslose Rüstungsbeschränkung. Kompromisslose Gebietsabtretungen. Kompromisslose Entschädigungszahlungen. Dem nicht mehr wilhelminischen Reich, dem mittlerweile demokratischen Deutschland wurde „Versailles“ zum Ort eines „Schandfriedens“.

Die Psychodynamik einer solchen Polemik ist auch damit zu erklären, dass nicht etwa nur unverbesserliche Chauvinisten fest davon überzeugt waren, das Kaiserreich sei, bei aller Kriegsmüdigkeit, trotz aller Erschöpfung, um den Sieg gebracht worden. Aus der Selbsttäuschung entwickelte sich die Selbstlüge einer Nation, die „Lebenslüge einer Gesellschaft“, so der Versailles-Historiker Eberhard Kolb, der soeben noch der Kriegsüberdruss in den schrecklich ausgezehrten Gesichtern stand.

Diese Erfahrung hat nicht davon absehen lassen, an die Formel vom „Dolchstoß“ zu glauben. Die damit verbundene Denunziation, der Krieg sei nicht an der Front verloren worden, sondern der Sieg sei an der Heimatfront durch „vaterlandslose Elemente“ zersetzt, durch Streiks und Unruhen hintertrieben worden, verfing millionenfach.

Da half es auch nicht im Geringsten, dass das Vorbild in England zu finden war. Wiederum diese Urheberschaft durfte sich der britische „Punch“ zuschreiben, eine Satirezeitschrift, die sich über die Vorgänge in Deutschland auf britisch-propagandistische Weise lustig machte. Der Dolchstoß, den das Blatt zeigte, verhöhnte den Feind.

Paul von Hindenburg machte als Chef der Obersten Heeresleitung im November 1918 auf diese britische Urheberschaft, quasi Handreichung aufmerksam, die dann von Erich Ludendorff als Infamie aufgegriffen wurde, um sie in Deutschland in Umlauf zu bringen. Ludendorff ist die Figur, die 1916 den „totalen Krieg“ erfand, ein Generalpatent hat er auf eine ständig gesteigerte Gewaltenthemmung.

Im Herbst 1918, zweifellos unter dem „Eindruck einer ungeklärten Niederlage“, so Jörn Leonhard, wurde die „Dolchstoßlegende“ wie ein allwissendes Urteil ernst genommen. Tatsächlich, da keine bedingungslose Kapitulation unterschrieben wurde, glaubte tout Deutschland an einen knapp verpassten Sieg, „um den man in letzter Minute gebracht worden sei“. Wenn etwas das „politische Klima verpestete“, so ebenfalls Leonhard, und man muss hinzufügen, die politische Kultur und das kulturelle Klima der Weimarer Republik, dann Ludendorffs Dolchstoßlüge.
An dieser Stelle noch einmal Golo Mann, weil er nicht mehr zitiert wird, obwohl es so wie bei ihm heute nicht auch nur annähernd zu lesen ist: „Sie, die froh sein sollten, nicht die Angeklagten zu sein, klagen Gott und Welt an, England, Russland, Wilson, die Sozialdemokraten, das deutsche Volk. Es wird übersehen, verwischt, verdreht, geleugnet, was ihnen nicht in den Kram ihrer Selbstanpreisungen passt.“

Nicht erst weil einer der „Schuldigsten“ (Golo Mann) unter den Schuldigen, der obendrein skrupellose Antisemit Ludendorff in den 1920er Jahren zum Strategen an der Seite des Reißbrettantisemiten Hitler wurde, ist er einer der drei, vier maßgeblichen Urheber einer dreißigjährige Katastrophengeschichte (am Ende nicht nur Deutschlands). Mit dem Aufstieg Hitlers, dem 1. September 1939, nicht endend mit dem Überfall auf Polen.

Hitlers Wahn arbeitete sich an vielem ab, extrem auch an seiner exklusiven historischen Erkenntnis, dass der Erste Punische Krieg Roms gegen Karthago einen zweiten erforderlich gemacht hatte. Aus diesem Irrsinn folgte die Schlussfolgerung, dass ein weiterer Weltkrieg die verhasste Nachkriegsordnung von 1918 wegfegen sollte.

Der zum Letzten entschlossene Imperialismus Hitlers geschah aus Traditionspflege des wilhelminischen Weltmachtstrebens. Das ist nicht zu leugnen, und doch war zumindest Letzteres, die wilhelminische Spielart, kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Der deutsche Imperialismus war 1914 bestimmt nicht alleine auf der Welt gewesen.

Auch wenn sich eine selbstgerechte und unberechenbare deutsche Diplomatie als etwas Besseres empfand, kulturell, moralisch höhergestellt als die mit ihnen konkurrierenden Kollegen, so war man sich diesseits und jenseits der Grenzen einig, einen Präventivkrieg unter allen Umständen führen zu müssen. Der Imperialismus (und der deutsche war zweifellos besonders ehrgeizig), die Doktrin der Übervorteilung der imperialistischen Konkurrenten, war verstrickt in eine Präventivkriegspsychose. Alle Großmächte fühlten sich angegriffen, herausgefordert, provoziert – streng gesehen, hätte man das anfechten können, etwa pragmatisch. Aber in einer Ära, die auf Strenge und Gehorsam gegründet war, wurde alles getan, den Konkurrenten Provokations- und Angriffsbereitschaft spüren zu lassen. Durch Heeresreformen, Eisenbahnbau, Hochrüstung – harten Fakten auch in England, Frankreich, Russland.

Gemeinsam mit der Donaumonarchie in Wien glaubte man sich in Berlin aufgerufen, nein, berufen zu einem Vabanquespiel, an dem sich allerdings auch St. Petersburg, Paris und London beteiligten. Aggressiv zeigte sich eine Alles-oder-nichts-Stimmung vor allem in Deutschland, doch eine allgemeine Kriegsgeneigtheit entsprach dem Zeitgeist überhaupt. Man dachte in London, Berlin, Paris und St. Petersburg in Feindbildern, man fühlte nach dem Maßstab des Militärischen. So schrieb etwa der Erste Seelord Winston Churchill am 28. Juli an seine Frau, weil er es gar nicht erwarten konnte: „Alles treibt auf eine Katastrophe und Zusammenbruch zu. Ich bin interessiert, gerüstet und glücklich.“

Das Ungeduldige, das Aufbrausende und Erregbare waren Verhaltensweisen, die man pflegte und lebte. Viele Faktoren, weiche und harte Faktoren führten den Krieg herbei, nicht ein jeder gezielt, nicht ein jeder von gleicher Wirkung, aber zusammen ein ungeheurer Zündstoff.

Deutschland durfte ganz bestimmt gemeinsam mit der Doppelmonarchie in Wien die Urheberschaft auf ein Hochrisikospiel beanspruchen, das Patent darauf aber wurde ihm im Juli 1914, wie es in den Darstellungen Christopher Clarks, Herfried Münklers, Sean McMeekins, Jörn Leonhards, Annika Mombauers oder Gerd Krumeichs rekonstruiert wird, durchaus streitig gemacht. Und es ist wohl kaum eine Verabredung unter diesen Historikern, wenn Leonhard schreibt: „Die später behauptete Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Krieges zu relativieren, indem man die Verantwortung aller Akteure mit einbezieht, bedeutet keine unangemessene Apologetik.“

Eine unübersehbare Mitschuld Deutschlands, ja. Hauptschuld, auch das. Aber Alleinschuld? Unaufhaltsam wurde „Versailles“ zum schroffen Monument einer arroganten Siegermentalität, mit dem über Deutschland eine jahrzehntelange Hypothek verhängt wurde, und es betraf nicht nur Deutschland. Überhaupt die Pariser Vorortverträge, es waren insgesamt fünf, wurden zur Jahrhunderthypothek. Auch sie wurden es weniger, weil sie den Kriegsverlierern Rüstungsbeschränkungen und Reparationszahlungen auferlegten. Sie wurden es, weil sie durch die „zum Teil radikale Verschiebung alter Grenzen“, so der Historiker Volker Berghahn, neue Staatengebilde schufen, in Osteuropa und Südosteuropa als Pufferzone gegen das bolschewistische Russland. Auch das radikale Verschieben barg Zündstoff, Explosionsstoff für Jahrzehnte.

Das ursprünglich von dem amerikanischen Präsidenten Wilson verkündete Selbstbestimmungsrecht der Völker ging unter in einer Neuordnungspolitik, die weiterhin von kolonial-imperialistischen Interessen bestimmt war. Am krassesten verfolgten die Mandatsmächte Frankreich und England in Palästina und Mesopotamien ihre Interessen – mit den katastrophalen Folgen bis heute. Nicht zu vergessen erlebte schließlich die Gründung Jugoslawiens, die unterschiedliche Ethnien, Religionen und Kulturen nationalstaatlich zusammenbrachte, in den 1990er Jahren ihr politisches Debakel und ihre humanitäre Katastrophe. Wer auch immer das Wort vom „Dreißigjährigen Krieg“, beginnend mit 1914, aufgebracht hat, ob Charles de Gaulle oder Winston Churchill: Es war treffend.

Zugleich stellt sich die Frage: Gab es Alternativen, etwa für den Nahen und Mittleren Osten? Konnten es die Urheber der Pariser Vorortverträge mit ihrer Neuordnung der Verhältnisse vom heutigen Irak über Israel bis Syrien besser wissen? Und diese Frage gilt nicht zuletzt für das Nachkriegsprodukt Ukraine.

Für eine bestimmte historische Schule ist diese Frage unzulässig. Der britische Historiker Hugh Strachan hat sich die Freiheit genommen, eine Antwort zu geben, ohne ausdrücklich die Frage zu stellen; aber er hat die Formulierung von der „Arroganz“ des Urteils aus der Distanz der Nachwelt gewählt.

Nachträgliches Besserwissertum gegenüber der „Innensicht und Eigenzeit der Miterlebenden“ (Jörn Leonhard) hat immer schon die Einsicht in die Komplexität und den Konfliktreichtum vergangener Epochen verstellt. Das gilt in einem besonderen Maße für den Ersten Weltkrieg – eine Epoche, in der die Gegner nicht zuletzt einen ungeheuren moralischen Überschuss mobilisierten. Gleich einem Religionskrieg hat auch der Erste Weltkrieg seine vernichtenden Energien aus einer Moralisierung der Gegnerschaft bezogen. Ein hypermoralischer Furor schuf die Unterscheidung in Gut und Böse – und diese Hypermoral entschied auch drakonisch in der Kriegsschuldfrage.

Gerade „Versailles“ wurde zum Erinnerungsort im „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm). Das soll nicht heißen, es gäbe nur Kontinuitäten. Das wäre absurd! Der überzeugendste Einspruch ergibt sich dadurch, dass gerade der enthemmten Gewaltgeschichte immerhin in Europa eine Zeit des Friedens gefolgt ist. Eine Friedensepoche, die sich nach 1945 ihrer prekären Stabilität deswegen bewusst geblieben ist, weil der Schrecken der „kontinuierlichen Brutalisierung aller Gesellschaften der Zwischenkriegszeit“ (Leonhard) präsent blieb.

Zur Geschichte gehören die Kontinuitäten ebenso wie die Diskontinuitäten. Die Geschichte lässt nicht die Möglichkeit der Wahl. Sie wirft Fragen auf: Wie war das mit der Weimarer Republik? Fiel sie aus dem Kontinuum der Gewaltpolitik heraus? War sie als Demokratie auf das Dauer das Beispiel der Diskontinuität schlechthin? Nicht nur Maßstab nach 1945, sondern Mahnung angesichts der Kontinuität der Extreme? Zu sagen, nur die Diskontinuitäten stimmten optimistisch, während die Kontinuitäten bloß erschreckten, wäre eine Schwarz-Weiß-Sicht.

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