1. Startseite
  2. Politik

Zu ungesund, zu fad, zu teuer

Erstellt:

Von: Martin Rücker

Kommentare

Schulessen kann gewährleisten, dass Kinder ein Mal am Tag eine gesunde Mahlzeit zu sich nehmen.
Schulessen kann gewährleisten, dass Kinder ein Mal am Tag eine gesunde Mahlzeit zu sich nehmen. © Renate Hoyer

Schulessen ist Sache der Länder, die sich dafür aber höchst unterschiedlich interessieren. Dabei gibt es Beispiele, die zeigen: Kinder, die gut essen, sind gesünder und leistungsfähiger.

Als die damalige Bundesernährungsministerin Julia Klöckner neben 72 weiteren Regierungsvertreter:innen aus aller Welt ihre Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung für gesundes Schulessen setzte, waren ihre Tage im Amt bereits gezählt. An vielen Orten der Welt hatte die Corona-Pandemie zu Schulschließungen geführt und Kinder, vor allem armutsbetroffene, um ein warmes Mittagessen gebracht. Die „School Meals Coalition“ (Koalition für Schulernährung) nahm dies auf Initiative Finnlands und Frankreichs zum Anlass, die Ernährungsbedürfnisse der Kinder ins Blickfeld zu rücken. Das Ziel der Initiative: gesunde Ernährung, und zwar „jeden Tag für jedes Kind“.

Schulmahlzeiten unterstützten das Lernen, das langfristige Wohlbefinden und die Gesundheit der Kinder, heißt es in dem Manifest, das Klöckner im Sommer 2021 unterzeichnete. Damit bestätigte die CDU-Politikerin, dass Deutschland bis spätestens 2030 eine Vision verwirklichen werde: Jedes Kind solle die Möglichkeit erhalten, „eine gesunde und nahrhafte Mahlzeit in der Schule zu genießen, die die volle Entfaltung seines persönlichen Potenzials unterstützt“.

Nicht wegen dieses Ziels überrascht Klöckners Unterschrift, sondern wegen der Verpflichtung, welche die Bundesministerin einging. Sie war gar nicht zuständig für die Schulverpflegung – die ist in Deutschland Ländersache.

So ergeben sich Fragen an das Bundesernährungsministerium, das inzwischen von dem Grünen Cem Özdemir geleitet wird: War der Beitritt Deutschlands zur „School Meals Coalition“ vorher mit den Bundesländern abgestimmt? Hat Klöckner Ideen hinterlassen, wie sie die Verpflichtungen trotz fehlender Befugnisse umsetzen wollte? Ließ Özdemirs Vorgängerin im Amt den in der Erklärung genannten Langzeitplan noch erarbeiten oder wenigstens vorbereiten?

Anscheinend nicht. Ein Ministeriumssprecher hält sich zu den konkreten Fragen weitgehend bedeckt. Eine Abstimmung sei nicht mit den Bundesländern, sondern mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesentwicklungsministerium erfolgt. Das zeigt, wie die Ziele der Koalition gesehen wurden: Offenbar vor allem als Problem anderer Erdteile.

Özdemirs Sprecher verweist auch auf die „übergeordneten internationalen Ziele“ der School Meals Coalition, weshalb Deutschland den „internationalen Erfahrungsaustausch“ und Schulernährungsprogramme „in ernährungsunsicheren Ländern“ unterstützen werde. Zweifellos ist die Ernährungssituation von Kindern dort weitaus prekärer als in Deutschland – doch das Bündnis und damit auch Klöckners Verpflichtung zielt nicht ohne Grund ausdrücklich auf eine ausgewogene Ernährung und eine bessere Schulverpflegung „in allen Ländern“ ab.

Hier gäbe es auch in Deutschland genügend zu tun. 15 Prozent der Kinder in Deutschland gelten als übergewichtig, sechs Prozent sogar als fettleibig – zahlreiche chronische Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislaufbeschwerden nehmen hier ihren Ursprung. Auch eine schlechtere körperliche und geistige Entwicklung sowie ein schwächeres Immunsystem führen Ernährungsexperten darauf zurück, dass Kinder – vor allem solche aus armutsbetroffenen Haushalten – zwar mehr als genügend Kalorien, aber zu wenige Vitamine und Mineralstoffe erhalten. Die Kantinen der Gemeinschaftsverpflegung gelten vielen als Schlüssel für einen Wandel.

Gut zwei Jahre ist es her, dass der Wissenschaftliche Beirat des Ministeriums einen „Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung“ forderte. Als „zu schlecht“ bewerteten die Professor:innen die überwiegend angebotene Qualität: Es gebe deutlich zu wenig Gemüse, Rohkost oder Vollkornprodukte, auch sei das „Essumfeld“ oft „wenig attraktiv“.

Abhilfe schaffen sollen die Qualitätsstandards für Schul- und Kitaverpflegung, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Auftrag der Bundesregierung bereits vor mehr als zehn Jahren entwickelt hat. Doch nur einzelne Bundesländer schreiben sie verbindlich vor, vielen Einrichtungen sind sie unbekannt. Die meisten Schulträger vereinbaren noch nicht einmal eine Leistungsbeschreibung für die Essensanbieter, ergab eine DGE-Studie Ende 2019.

Auch das Land Hessen gibt keine verbindlichen Standards vor. „Eine flächendeckende Anwendung der DGE-Qualitätsstandards wird grundsätzlich befürwortet“, heißt es zwar beim Hessischen Umweltministerium. Doch verweist man auf das „hohe Gut“ der kommunalen Selbstverwaltung. Zuständig seien die Kita- und Schulträger, die die Qualitätsanforderungen festlegten. Im Zuge der Ernährungsstrategie des Landes sollen nun Großküchen und Kantinenbetreiber:innen bei der Speiseplangestaltung beraten werden, direkt bei den Schulen setzt sich zudem seit 2016 eine „Vernetzungsstelle Schulverpflegung“ für die Verbreitung der DGE-Standards ein.

Anders als in den meisten anderen Bundesländern fehlt in Hessen eine ähnliche Stelle für Kitas noch, sie sei jedoch „für das Jahr 2023 in Planung“. Das Hessische Sozialministerium verweist zudem auf ein Qualifizierungs- und Beratungsangebot für Kitaträger und Leitungskräfte. Worauf sich die schwarz-grüne Koalition offenbar nicht verständigen kann: Qualitätsstandards per Gesetz vorzuschreiben. Das griffe in die Kompetenz der Kommunen ein und zöge Kosten nach sich – den wenn das Land mehr Qualität bestellt, müsste es dafür auch bezahlen.

Was der Wissenschaftliche Beirat des Bundesernährungsministeriums unter „Systemwechsel“ versteht, führte er in seinem Gutachten von 2020 aus: Wenigstens 5,5 Milliarden Euro staatliche Mehrausgaben veranschlagte er bundesweit und jährlich für die Schul- und Kitaverpflegung. Neben verpflichtenden Qualitätsstandards forderten die Professor:innen Investitionen in Mensen – und ein „beitragsfreies Mittagessen“ für alle Kinder. Was für Eltern wie ein Geschenk, für manchen Haushälter eher wie ein unfinanzierbarer Wunschtraum klingen dürfte, wäre gesamtgesellschaftlich betrachtet wohl ein gutes Geschäft. Das legen Erfahrungen aus Schweden nahe.

Dort begann der Staat bereits in den 1940er-Jahren damit, an Schulen ein kostenloses, gesundes Mittagessen anzubieten. In Langzeitstudien beschreiben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dies als bemerkenswerte Erfolgsgeschichte: Erwachsene, die im Laufe ihrer gesamten Schulzeit ein solches Mittagessens erhalten hatten, waren größer, gesünder, erreichten einen höheren Bildungsstand und folglich ein um drei Prozent höheres Lebenseinkommen als Menschen, denen der Zugang zum Schulessen fehlte. Als besonders positiv erwies sich der positive Effekt des Schulessens für Kinder aus ärmeren Haushalten.

Das Problem aber scheint: Der finanzielle Benefit – sei es durch niedrigere Gesundheitskosten, eine größere Produktivität oder höhere Steuereinnahmen – ist zwar erwartbar. Er entsteht jedoch zeitverzögert und nicht in den Kassen derer, die die Investitionen tätigen müssten: bei den Schulträger:innen. Die vorherrschenden Themen dort aber sind die gegenwärtige Rekordinflation und der Druck der Eltern, die ihren Beitrag zum Mittagessen nicht allzu steil wachsen sehen möchten.

Einen Ansatz, um Eltern und Anbieter:innen vom Kostendruck zu entlasten, verfolgt Berlin seit einigen Jahren. Die Hauptstadt schreibt die DGE-Standards verbindlich vor, bietet allen Grundschüler:innen ein kostenloses Mittagessen an – und hat einen Festpreis definiert, um den Preiskampf der Caterer zu stoppen. In den Ausschreibungen geht es damit nicht länger vor allem um den günstigsten Preis. Doch die Inflation macht es auch den Berliner Anbietern schwer, die Qualität zu halten.

Einen neuen Weg schlug der Freiburger Gemeinderat im vergangenen Jahr ein: In den Schulen und Kitas der badischen Stadt wird es künftig ausschließlich vegetarisches Essen geben. Der Verzicht aufs Fleisch soll nicht nur dem Klima helfen, sondern auch Kosten sparen. Zu diesem Zweck entschieden die Kommunalpolitiker auch, die Auswahl zu streichen, den Kindern nur noch ein Standardessen am Tag anzubieten. Wie sich das auf die Akzeptanz des Angebots auswirkt, bleibt abzuwarten – schließlich müssen die Kinder das Essen auch annehmen, um in den Genuss einer gesunden Verpflegung zu kommen.

Auf Bundesebene hat derweil auch der amtierende Ernährungsminister die Bedeutung des Schulessens betont. Kurz vor Weihnachten stellte Özdemir erste Eckpunkte seiner „Ernährungsstrategie“ vor. Eine solche zu erarbeiten, hatte sich das Ampelbündnis im Koalitionsvertrag vorgenommen – zunächst ohne festzulegen, welche Themen sie behandeln soll. Özdemir setzte nun die Schul- und Kitaverpflegung ganz oben auf die Liste und gab ein Ziel aus: Die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung müssten „verbindlich werden“. Fortan muss er damit allerdings dasselbe Problem bekämpfen wie Vorgängerin Klöckner: Die fehlende Zuständigkeit.

Mehr als ein „Modellregionenwettbewerb“ und „Förderprojekte für die Gemeinschaftsverpflegung“ sind Özdemir bei der Vorlage seines Eckpunktepapiers noch nicht eingefallen.

Auch interessant

Kommentare