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Gewalt gegen die Presse in Mexiko: Zonen des Schweigens

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Von: Klaus Ehringfeld

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In Mexiko herrscht Krieg gegen die freie Presse. Doch der geht nicht nur von der Mafia aus – die Politik mischt mit.

Mexiko City – Für Armando Linares war der 31. Januar ein fürchterlicher Tag. An dem kalten Montag musste der Chef des Nachrichtenportals „Monitor Michoacán“ vor laufender Kamera eine Todesnachricht überbringen. „Die Aufdeckung von bestechlichen Beamten und Politikern führte heute zum Tod unseres Kollegen Roberto Toledo“, sagte Linares. Und man merkte ihm die lähmende Angst und Fassungslosigkeit an, als er in dem kurzen Video um die richtigen Worte rang. Toledo war kurz zuvor von zwei jugendlichen Angreifern mit acht Schüssen regelrecht hingerichtet worden. Direkt vor der Redaktion in der Stadt Zitácuaro. Drohungen gegen das Onlinemedium und seine Mitarbeitenden gab es zuvor viele.

Michoacán, im Westen Mexikos gelegen, ist einer der gefährlichsten Bundesstaaten. Von hier stammen Kartelle, hier gründeten sich Bürgerwehren, hier werden Drogen transportiert, und die lukrativen legalen Geschäftszweige wie Avocados und Zitronen sind vom Organisierten Verbrechen unterwandert. „Monitor Michoacán“ war darauf spezialisiert, Korruption und Gewalt anzuprangern und die Verbindungen zwischen Politik und Mafias aufzudecken.

Gewalt in Mexiko: Seit Jahresbeginn neuen Medienschaffende getötet

Wer das heute in Mexiko tut, steht meist mit einem Bein im Grab. „Wir sind nicht bewaffnet, unsere einzige Verteidigung ist ein Stift“, erklärte Armando Linares in dem Video und hielt sichtbar einen Kuli in die Kamera. Vermutlich war dieses Video auch sein eigenes Todesurteil. 43 Tage später wurde auch er mit acht Schüssen exekutiert. Am 15. März lauerten ihm seine Mörder daheim auf, als er das Haus verlassen wollte. Die Täter entkamen unerkannt auf einem Motorrad.

Verlorene Stimmen: Bilder der bis Mitte Februar ermordeten Journalist:innen vor dem Innenminsterium. Armado Linares war zu dem Zeitpunkt noch am Leben. Pedro PARDO/AFP
Verlorene Stimmen: Bilder der bis Mitte Februar ermordeten Journalist:innen vor dem Innenminsterium. Armado Linares war zu dem Zeitpunkt noch am Leben. © Pedro Pardo/afp

Seit Jahresbeginn wurden neun Reporterinnen, Fotografen und Redakteure getötet. Das sind zwei Opfer mehr, als im ganzen Jahr 2021 zu beklagen waren. Schon damals war Mexiko laut „Reporter ohne Grenzen“ das dritte Jahr in Folge das gefährlichste Land für die Presse. 2022 – das ist jetzt schon sicher – wird noch blutiger werden. Erst am vergangenen Donnerstag wurde in Culiacán im Bundesstaat Sinaloa der Journalist Luis Enrique Ramírez tot aufgefunden. Die Leiche des 59-Jährigen lag in Plastik eingewickelt auf einem Feldweg, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte. Ramírez wurde seit Jahren bedroht.

Der Fall von Toledo, Linares und dem „Monitor Michoacán“ belegt zudem exemplarisch die Folgen der Aggressionen gegen Einzelne. Kaum war Linares beigesetzt, stellte das Medium seine Arbeit ein. Der einzig verbliebene Journalist, Joel Vera, wollte nicht mehr: „Zwei Reporter ermordet, zwei gekündigt. Ich bin der Einzige, der noch übrig ist. Und ich fühle mich dazu nicht in der Lage“, sagte er. Wie Vera haben in den vergangenen Jahre Hunderte mexikanische Journalistinnen und Reporter ihren Beruf aufgegeben oder gleich das Land verlassen.

Mexiko

Mexiko ist mit einer Bevölkerung von knapp 129 Millionen Menschen eine der größten Demokratien der Welt. Aber die Menschen sind nicht nur der organisierten Kriminalität ausgeliefert, sondern vor allem einem Staat, der unfähig oder unwillig ist und oft genug mit Drogenkartellen gemeinsame Sache macht. Die Regierungen der früheren Jahre ließen die Kartelle lange gewähren oder waren mit ihnen sogar verbündet.

Die Staatschefs Felipe Calderón (2006 bis 2012) und Enrique Peña Nieto (2012 bis 2018) erklärten ihnen dann den Krieg. Es wurde allerdings nur schlimmer statt besser. Der aktuelle Präsident López Obrador wollte von 2018 an alles anders machen, hat aber nichts erreicht. Die organisierten Banden sind immer zahlreicher geworden. Zwischen Beginn des Drogenkriegs und dem Jahr 2020 starben in Mexiko etwa 150.000 Menschen. Im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Mexiko den 127. Platz. keh/fme

So erreichen die kriminellen Mächtigen das, was sie wollen. In immer mehr Städten und Landstrichen Mexikos entstehen „Zonen des Schweigens“; Gebiete, in denen die Medien nicht mehr über Schießereien, Kartelle oder bestechliche Politiker:innen berichten. Auch Armando Linares hatte nach dem Mord an seinem Kollegen Toledo lieber über die Monarchfalter geschrieben, die berühmten Schmetterlinge, die in Michoacán heimisch sind. Gerettet hat es ihn nicht.

Für die Anthropologin Natalia Mendoza, die sich mit der Gewalt in Mexiko beschäftigt, führen die Zonen des Schweigens dazu, dass ein Großteil des Landes nicht mehr abgebildet wird. Denn jenseits der Journalistenmorde sterben pro Tag hundert Menschen eines gewaltsamen Todes, verschwinden Männer und Frauen spurlos. „Die Gesellschaft erlaubt es so, die Tatsache zu ignorieren, dass wir in einem Land mit erschreckenden Zahlen von Gewalt leben“, sagt Mendoza.

Gewalt in Mexiko: Medienschaffende kommen den Mächtigen zu nahe

Die Motive der Angriffe auf Medienschaffende sind immer gleich. Mit ihren Berichten, Recherchen und Fotos kommen sie den Mächtigen zu nahe. Dabei sind die Täter nicht nur die großen Kartelle und kleinen Mafiabanden, die etwa in den Provinzstädten wie Zitácuaro den Ton angeben oder mit der Politik zusammenarbeiten. Genauso häufig bedrohen staatliche Akteure die Presse- und Meinungsfreiheit. 2020 wurden nach Angaben der mexikanischen Sektion der Menschenrechtsorganisation „Article 19“ von 692 dokumentierten Angriffen auf die Pressefreiheit 343 von Bürgermeister:innen, Mitgliedern von Gemeinderäten, Pressesprecher:innen, Polizist:innen oder Soldat:innen verübt. Betroffen sind überwiegend lokale Medien in oft kleineren Städten, wo die Autorinnen und Autoren jedem bekannt sind. „Machen wir uns nichts vor: in Mexiko herrscht offener Krieg der Mächtigen und Machthaber gegen die Medien und die Informationsfreiheit“, zürnt der Schriftsteller und frühere Journalist Antonio Ortuño.

Perfekt macht diesen toxischen Cocktail, dass die Täter praktisch ungestraft davonkommen. Es ist ein Problem, das weit über die Morde an Journalist:innen hinausgeht. 95 von 100 Gewalttaten bleiben in Mexiko ungeahndet. Erschwerend kommt hinzu, dass in Mexiko die Medien nicht als vierte Gewalt wahrgenommen werden, sondern als Störfaktor, der den Eliten ihre Geschäfte oder den Regierungen oder Kartellen ihre unsauberen Praktiken vor Augen führt. Der Respekt gegenüber der Profession ist gleich null. Und die Bezahlung ist in den meisten Fällen so prekär, dass viele nicht davon leben können, auf Nebenjobs angewiesen sind. Manche Medien überleben nur dank staatlicher Werbung.

Präsident Andrés Manuel López Obrador schützt die Journalist:innen nicht

Und die fehlende Lobby macht sich gefährlich auch unter der aktuellen Regierung bemerkbar. Linkspräsident Andrés Manuel López Obrador schützt die Journalist:innen in dieser Krisenlage nicht etwa besonders. Es ist das Gegenteil. Er attackiert sie, wo er kann, und bezeichnet sie als „Medien-Söldner“. Das gilt besonders für diejenigen, die seine Regierungsarbeit hinterfragen.

Dabei hatte die Zunft gerade auf López Obrador große Hoffnungen gesetzt. Er war noch aus der Opposition heraus ein harter Kritiker seiner Vorgänger wegen des mangelnden Schutzes der Medien und ihrer Mitarbeitenden. „Aber schon während der Hälfte seines Mandats sind mehr Kollegen und Kolleginnen ermordet worden als in den kompletten Amtszeiten seiner beiden direkten Vorgänger“, unterstreicht der Schriftsteller Ortuño.

Massive Kritik an der Lage in Mexiko und der Stigmatisierung der Journalist:innen durch die Regierung seitens des Europaparlaments und der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) wies López Obrador wütend zurück. Vor allem die CIDH hatte kritisiert: Der Präsident lasse „Zweifel aufkommen an der Intention des Staates, die Pressefreiheit zu verteidigen“.

Dies glauben die Kolleginnen und Kollegen landauf und landab inzwischen fast alle. „Der Präsident ist kritikunfähig, sieht in uns korrupte Verräter, die Interessen mächtiger Gruppen vertreten – und er hält es für das Beste, dass die Leute uns als solche sehen“, sagt eine Journalistin, die López Obrador schon kannte, als er in den 1990-er Jahren noch Provinzpolitiker war. (Klaus Ehringfeld)

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