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Jutta Limbach ist Präsidentin des Goethe Instituts und vormalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.

Zivilisation ist immer gefährdet

Ein Gespräch mit Ruth Klüger und Jutta Limbach zur Erinnerungskultur 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und Buchenwald

Frankfurter Rundschau:Frau Klüger, das Goethe Institut hat Ihnen kürzlich in Weimar die Goethe-Medaille für die Verbreitung der deutschen Kultur und Sprache im Ausland verliehen. Sehen Sie sich als eine Botschafterin der deutschen Sprache?

Ruth Klüger: Ich bin gerührt, dass gerade mir eine solche Auszeichnung zuerkannt wird, während mein Verhältnis zur deutschen Sprache immer eine gewisse Spannung in sich birgt. Ich traue Deutschland und der deutschen Literatur nicht so richtig. Aber es ist meine Muttersprache und es ist die Literatur, mit der ich seit frühester Kindheit vertraut war. Und deswegen ist diese Spannung eigentlich ganz gut. Das versuche ich in Amerika zu vermitteln. Wenn dies von der Jury anerkannt wurde, freut es mich diebisch.

Frau Limbach, welche Erinnerungskultur kommt für Sie in den Schriften und Reden von Ruth Klüger aus Amerika zurück nach Deutschland?

Jutta Limbach: Ich gehöre zu der Generation, für die das mit Auschwitz verbundene Verantwortungsgefühl zur Staatsraison der Bundesrepublik Deutschland gehört. Bei der jüngeren Generation mag dies anders sein. Denn Erinnerung setzt Erlebtes voraus. Für die jüngeren Menschen ist der Holocaust vor allem ein Paradigma für Unmenschlichkeit. Dies hat für sie eine herausfordernde Kraft, weil sich dabei immer neu die Frage stellt: Wie kann es zu einem solchen Zivilisationsbruch kommen? Ich war übrigens bei meinem gestrigen Besuch in Buchenwald erstaunt darüber, wie viel didaktisches Wissen es inzwischen über den Holocaust gibt.

Ruth Klüger: An zuviel didaktischem Material kann sich aber auch ein gewisser Widerstand bis hin zum Rechtsradikalismus verdichten.

Jutta Limbach: Diesem Wiederaufleben von nationalsozialistischem Ungeist, Ruth Klüger, sind wir in der Vergangenheit doch immer schnell Herr geworden.

Ruth Klüger: Ja, aber früher waren die Rechtsextremen auch dümmer. Nur der Schönhuber hatte etwas Grütze im Kopf. Jetzt tragen sie eine weiße Rose als Zeichen des Widerstands. Andererseits habe auch ich mit großem Vergnügen den Rückschlag für die NPD bei den Wahlen in Schleswig-Holstein verfolgt. 1, 9 Prozent muss eine Demokratie ertragen können.

Jutta Limbach: Diese wenigen Rechtsextremen üben sogar eine positive Funktion aus, als sie nämlich das Wissen, dass eine Zivilisation immer gefährdet ist, wach halten. Noch die Richter in der Weimarer Republik waren der Meinung, es sei für sie gleichgültig, in welcher Staatsform sie agieren.

Ruth Klüger: Das kommt übrigens in dem letzten Sophie-Scholl-Film von Marc Rothemund wunderbar zum Ausdruck. Das lange Verhör durch den Gestapo-Mann, der anscheinend Sympathie mit Sophie Scholl hatte, wirkt wie die Konfrontation von Antigone und Kreon. Er vertritt das Gesetz - egal, wer es erlässt. Und sie spricht vom Gewissen. Ein guter Film - auch wenn das Versöhnungsversprechen am Ende problematisch ist. Da wird ein Flugblatt der Weißen Rose von Geschwadern der Alliierten über Deutschland abgeworfen und man bekommt das Gefühl vermittelt, dass Sophie Scholls Opfer doch nicht umsonst war. Aber der Krieg ist nicht durch Flugblätter gewonnen worden.

Mit dieser Skepsis haben Sie auch oft auf die deutsche Gedenkstättenkultur geschaut, Frau Klüger.

Ruth Klüger: Ja. Die Leute suchen sich aus, an was sie sich erinnern, wovon sie lernen wollen. Haben wir vor wenigen Jahren nicht alle bei dem Anblick der Lager auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien gedacht: Die haben von Hitler gelernt!?

Jutta Limbach: Das bleibt aber die Ausnahme.

Ruth Klüger: Man kann von den Tätern lernen, man kann von den Opfern lernen. Sie sind optimistischer als ich. Aber Sie sind ja auch jünger.

Jutta Limbach: Drei Jahre! Aber Sie haben Recht: Ich habe ein relativ optimistisches Menschenbild. Jedes Mal, wenn ich in Gedenkstätten war, habe ich eine große Betroffenheit der Menschen erlebt.

Ruth Klüger: Das freut mich zu hören. Ich glaube es Ihnen aufs Wort.

Jutta Limbach: Ich war erstaunt, wie viele Gruppen von jungen Menschen selbst an einem Sonntag nach Dachau kamen, und wie nüchtern die Führung war. Da können wir Älteren uns nur etwas abgucken.

Ruth Klüger: Nach vierzig Jahren ist es leichter, sich diese Untaten mit der dazugehörigen Distanz anzuschauen. Aber sie verlieren auch an Bedeutung. Schon heute unterscheiden sich die rechtsradikalen Bewegungen in jedem Land und beziehen sich dabei immer weniger auf Hitler.

Frau Limbach vertritt die Meinung, dass die Erinnerung an die Hitlerzeit Teil unserer Staatsraison ist. Frau Klüger, welches wäre das richtige Mittel, diese Erinnerungskultur lebendig zu halten, auch für spätere Generationen?

Ruth Klüger: Wir müssen unsere Erinnerung auf die Gegenwart beziehen. Gleichzeitig bleibt ja für viele Menschen jene dünne Grenzlinie zwischen dieser Erinnerung, die für die Gegenwart Bedeutung hat, und einer Erinnerung, die nicht bewältigt werden kann, bestehen. Dann tauchen Gespenster auf, die sich von der Kontrolle des Erinnernden losgelöst haben.

Jutta Limbach: Wir werden viel Aufmerksamkeit auf die Bücher der Zeitzeugen legen müssen: Auf Ruth Klüger, auf die Bücher von Jorge Semprun oder Imre Kertesz, die in einer so nüchternen Weise schildern, wie der Alltag von Antisemitismus durchsetzt war. Aber auch der Artikel 1 des Grundgesetzes ist eine Antwort auf die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.

Im Grundgesetz ist der Buchenwaldschwur eingeschrieben.

Jutta Limbach: Das "Nie wieder!" ist im Parlamentarischen Rat wiederholt gefallen! Der Katalog der Grundrechte war das Kontrastprogramm zu Auschwitz und Buchenwald.

Frau Klüger hat sich ausdrücklich gegen die jetzt beschlossene Verschärfung des Versammlungsrechts geäußert.

Jutta Limbach: Da bin ich ganz ihrer Meinung!

Ist diese Verschärfung nicht durch diese inhaltliche Parteinahme des Grundgesetzes gerechtfertigt?

Jutta Limbach: Ich glaube: Nein. Es beweist einen Mangel an Selbstvertrauen ?

Ruth Klüger: Ja!

Jutta Limbach: ?, dass wir jetzt so etwas verbieten. Wir müssen mehr Meinungsfreiheit zulassen. Damit es zur Gegenrede kommt. Wenn ich von vornherein dafür sorge, dass diese Aufmärsche nicht stattfinden, nehme ich den Menschen ihre Gegendemonstrationen ab.

Ruth Klüger: Die Bürgerrechte geben uns das Recht zu sagen: Wir haben nicht die beste aller möglichen Regierungsformen. Das tun die Rechtsradikalen. Ich stimme damit nicht überein. Die Demokratie ist wohl das beste, was wir uns derzeit ausdenken können. Perfekt ist sie nicht. Die Familie ist auch die beste Form, Kinder zu erziehen und trotzdem nicht perfekt. Natürlich ist es unsympathisch, sich anzuhören, wie die Rechtsradikalen über die Demokratie reden. Mit Verboten aber stellen wir uns selbst ein Bein. Gegen Tätlichkeiten gibt es die Gesetze. Aber so schnell jagt man uns sowieso keine Angst ein.

Jutta Limbach: Nein! Die Demokratie ist keine Staatsform, die von der Eintracht ihrer Bevölkerung lebt. Sie lebt davon, dass sie Verfahren kennt, mit denen man Konflikte löst. Auch wenn es uns schwer fällt.

Interview: Fritz v. Klinggräff und Michael Helbing

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