In Tscheremsa kommen täglich Polizisten vorbei und fotografieren die Kohle-Gegner - um sie später unter Druck setzen zu können?

Russland

Die Zivilgesellschaft kämpft um ihre Existenz

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Tagebau, Atommüll, Mietwucher: Russlands Bürger machen mobil. Doch die Initiativen haben es schwer – nicht nur wegen der Staatsgewalt.

Anfangs spannte sich ein rot-weißes Plastikband über die Wiesen, jetzt ist die Frontlinie unsichtbar. Auf der einen Seite sind die ersten Erdhügel im Gras zu sehen, die die Bagger der AG „Kusnezki Juschni Tagebau“ aufgeworfen haben. Auf der anderen Seite steht ein selbst geschweißter Samowar, dahinter die Zelte der Umweltschützer, kleine Mädchen laufen einem Welpen hinterher.

Seit einem Monat protestieren Hunderte Anwohner und Umweltaktivisten gegen die Kohleverladestation, die die AG 300 Meter hinter dem Dorf Tscheremsa in der sibirischen Grubenregion Kemerowo bauen will. Sie wehren sich gegen den Kohlestaub, der von der Station ausgehen wird, gegen den neuen, 20 Kilometer entfernten Tagebau, von dem aus die Kohle herangefahren werden soll. Und gegen 51 andere offene Gruben, die die Gegend immer mehr in eine Kraterlandschaft verwandeln, im Winter den Schnee schwärzen und die Lebenserwartung der Menschen vor Ort drei Jahre unter den russischen Durchschnitt drücken.

„Fünf meiner Freunde sind an Krebs gestorben“, sagt Alina Morosowa, Fotografin und Mutter zweier Söhne aus dem Nachbarstädtchen Myski. Sie war eine der ersten Hungerstreikenden im Lager. „ Ich will nicht sterben, ich will nicht, dass meine Kinder sterben.“ Sie werde bis zum Ende hier stehen. „Ich will auch nicht, dass meine Kinder mich einmal verfluchen, weil ich nicht für ihre Gesundheit gekämpft habe.“

Russlands Bürgerinnen und Bürger machen mobil. 2019 verteidigten sie Archangelsker Wälder gegen Deponien für Müll aus Moskau oder Jekaterinburger Parks gegen einen weiteren russisch-orthodoxen Dom. Auch bei Tscheremsa sind die Baufahrzeuge wieder abgezogen – bis auf weiteres. Aber oft scheitern die Gruppen daran, dass zu wenig Menschen mitmachen, und am gnadenlosen Gegendruck der Staatsgewalt. Russlands Zivilgesellschaft kämpft vor allem um ihre Existenz.

„Zuerst habe ich geglaubt, es sei eine Erfindung der Grünen.“ Katja Maksimowa war früher Journalistin beim Staatsfernsehen, jetzt stellt sie Videos knatternder Geigerzähler, giftgrüner Teiche oder rempelnder Einsatzpolizisten ins Netz. Diese Videos sind beim Staatsfernsehen tabu, beispielsweise solche vom „Hang“, der inzwischen berühmten Atommüllkippe am S-Bahnhof Moskworetschje im Moskauer Südosten. Eine nukleare Rüstungsfabrik hat dort jahrzehntelang ihre radioaktiven Abfälle entsorgt, jetzt will man eine Autobahnbrücke darauf setzen.

Bürgermeister Sergej Sobjanin versicherte, die „unwesentlichen Reste der Verschmutzung“ störten den Bau nicht. Obwohl Greenpeace fünf Strahlenherde mit einer Strahlung von bis zu 1,62 Mikrosievert pro Stunde registriert hat – das Achtfache des normalen Wertes. Hier liegen Thorium 232, Radium 226, weitere Radionuklide, außerdem Blei, Arsen, Kadmium und andere chemische Gifte.

In Moskau geht es wie im 3000 Kilometer entfernten Tscheremsa um die Luft zum Atmen. Katja Maksimowa sitzt mit Gleb Kosorukow, IT-Manager, in einem Straßencafé zwischen den Plattenbauten des Wohnbezirks Saburowo auf der anderen Seite der U-Bahn. Sie trinken Airan, es ist heiß und windig, Staubfahnen wirbeln empor. „Bei dem Anblick wird mir anders“, sagt Gleb, der mit seiner Frau 150 Meter vom Hang entfernt lebt. „Wenn du ein paar radionuklide Teilchen einatmest, scheidet der Körper sie nicht mehr aus, die strahlen in dir bis zum Ende.“

Im März begann der Staatskonzern Rodon, zuständig für atomare Entseuchung, im Hang zu baggern. Staubwolken stiegen auf; in einer aus 500 Metern Höhe entnommenen Probe wurden Radionuklide gefunden.

Die Menschen in Saburowo öffnen ihre Fenster nur noch bei Regen, aus Angst vor dem Staub. Viele aber haben angefangen, vom Balkon aus das Treiben auf dem Hang zu filmen. Andere posten die Videos, sammeln Geld, besorgen Messgeräte. „Eine Kampagne wie ein Ameisenhaufen“, sagt Antiatomkraftveteran Andrej Oscharowski, „jeder macht etwas und am Ende funktioniert es.“

Für umgerechnet 1200 Euro kauften sie einen alten Sobol-Kleinbus, von dem aus sie die Zufahrt zur Atommüllkippe bewachen. Als im März die Bautechnik vorfuhr, verteidigten gut 600 Anwohner den Bus drei Tage lang gegen die Polizisten. Ältere Frauen sangen untergehakt ein Weltkriegslied: „Wir brauchen einen Sieg, einen Sieg für alle.“ Aber für diesen Sieg hätten es wohl 60 000 Demonstrierende sein müssen.

63 Männer wurden bei den Protesten festgenommen, die meisten inzwischen zu Geldstrafen verurteilt. Die Aktivisten sammeln wieder Geld. „Wir haben beschlossen, keine NGO zu gründen“, erklärt die ehemalige TV-Journalistin Katja. „Weil du damit riskierst, dass der Staat dich als Feind ansieht, argwöhnt, dass du von irgendjemand bezahlt wirst. Das ist gefährlich.“ Das Justizministerium setzt Bürgerinitiativen gern auf die schwarze Liste „ausländischer Agenten“.

Trotzdem versuchen immer wieder Russinnen und Russen öffentlich und gemeinsam, ihre Ziele unabhängig vom Staat oder gar gegen ihn durchzusetzen. 2018 versammelten sich in Magas, der 12 000-Seelen-Hauptstadt der kleinen Kaukasusrepublik Inguschetien, 60 000 Menschen aus Protest gegen eine neu gezogene Grenze zum benachbarten Tschetschenien. Die Obrigkeit schaltete erst das Internet aus, dann begann sie die Aktivisten festzunehmen. Und dann die Leute, die den Aktivisten Essen in die U-Haftanstalt brachten.

Katja Maksimowa und Gleb Kosorukow.

In Tschetschenien wurde einem Menschenrechtler der Prozess gemacht, der Vorwurf lautete Drogenschmuggel. Und obwohl in Moskau die Corona-Regeln gelockert sind, werden einzelne Protestierende, die mit dem falschen Plakat auf dem Bürgersteig stehen, abgeführt – wegen „Verstoßes gegen die Selbstisolierung“. Ende März erstickte die vorgeschrieben Quarantäne, die in vielem einem Ausgangsverbot glich, auch die Proteste an der Moskauer S-Bahnstation Moskworetschje.

„Der Staat hat sich eine Pseudozivilgesellschaft organisiert“, schimpft der Moskauer Jurist Konstantin Krochin. „Die Gesellschaftskammer oder die allrussische Volksfront, oder die Gesellschaftsräte, in die jede Behörde ihre Jasager setzt.“

Viele Bürger versuchen, sich herauszuhalten. „Fünf Prozent sind aktiv“, sagt die Historikerin Galina Iwanowa, Aktivistin einer Gruppe Moskauer Wohnungsbesitzer, die gegen ihre Wucherpreise kassierende Hausverwaltung mobil macht. „30 Prozent sind positiv, sie machen mit, wenn man sie um etwas bittet.“ Aber zwei Drittel der Bewohner hätten den Konflikt in ihrem Haus mehrere Jahre lang gar nicht wahrgenommen.

Andere Aktivisten klagen, die meisten Landsleute hätten die Angst und Hörigkeit der Sowjetmenschen mit der Trägheit der Konsumbürger vereint. „Im Fernsehen heißt es, der Hang sei frei von Radioaktivität“, sagt Katja Maksimowa über die Atommüllkippe im Moskauer Südosten. „Viele Leute wollen das glauben. Es ist bequemer als die tägliche Angst vor radioaktivem Staub.“

Tscheremsa gilt als Zeltlager des Friedens, die Umweltschützer veranstalten Kinderfeste, Konzerte und Volleyballturniere. Aber täglich kommen Polizeikräfte in Zivil vorbei, fotografieren alle Anwesenden. „Wir denken, sie sammeln Material für spätere Repressalien gegen uns“, sagt Alina.

Das Boulevardportal bezcenxury.wordpress.com verhöhnt Alina als angebliche Ökokarrieristin und Steuerhinterzieherin. Gegen ihren Mitstreiter Nikolai Metalnikow läuft schon seit vergangenem Jahr ein Verfahren wegen Brandstiftung. „Aber wir machen weiter, bis wir die Garantie haben, dass nicht gebaut wird“, Nikolai grinst. „Bis zum Sieg!“ Für so ein Grinsen braucht es in Russland viel Zivilcourage.

Auf der Moskauer Atommüllkippe lärmen Maschinen, trotz aller Proteste wird die Brücke gebaut. „Sie lassen keine unabhängigen Experten auf das Gelände“, sagt Atomkraftgegner Oscharowski. „Darum befürchten wir, dass ein Großteil der radioaktiven und chemischen Giftstoffe nicht beseitigt wurde.“

Deutsche Umweltschützer feiern mehr Siege gegen Kohle- oder Atomindustrie. Dafür importiert Deutschland jährlich 17 Millionen russischer Kohle und schafft Atommüll nach Sibirien.

Kürzlich sollte Moskaus Bürgermeister Sobjanin eine neue S-Bahnstation im Nachbarbezirk Petschantniki eröffnen. Die Aktivisten stellten ihren bunt bemalten Anti-Atomkraft-Kleinbus auf den nächsten Parkplatz, als Blickfang für die Fernsehteams. Am Morgen waren alle Reifen zerstochen, die Benzinleitung gekappt und die Antriebswelle herausgedreht. Mehrere Aktivisten, darunter eine Frau mit ihrer zweijährigen Tochter, die den Schaden begutachteten, wurden als mutmaßliche Ruhestörer festgenommen. Die Obrigkeit möchte offenbar schon den Kleinkindern alle Initiative austreiben.

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