Symbolfoto Thema Rassismus
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Sozialpsychologie

„Zivilcourage kann man lernen“

  • vonMathis Brinkmann
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Sozialpsychologin Margarete Boos spricht über die Möglichkeiten, selbst gegen den alltäglichen Rassismus aktiv zu werden – und woran das zu oft scheitert.

Frau Boos, wenn Menschen rassistische Anfeindungen in der Öffentlichkeit sehen, schreiten sie oft nicht ein. Woran liegt das?

Gerade wenn solche Anfeindungen in der Öffentlichkeit geschehen, erfordert es Mut, aus der Anonymität herauszutreten und seine Meinung zu sagen. Ich gehe das Risiko ein, dass ich selber angefeindet werde. Zudem muss man in vielen Situationen erst einmal wahrnehmen, dass etwas vor sich geht, was mein genaueres Hinsehen erfordert und vielleicht später auch mein Handeln. Eine Barriere, die einen davon abhält, ist Ablenkung: Ich bin in etwas anderes vertieft, höre Musik oder lese gerade etwas und bekomme Dinge in meiner Außenwelt gar nicht mit. Oder will sie vielleicht auch nicht mitbekommen. Ich kann mich ja auch bewusst abschotten.

Scheitert Eingreifen also auch daran, dass Leute eine Situation falsch bewerten und nicht unbedingt immer daran, dass sie nicht den Mut haben einzuschreiten?

Ja genau. Die Frage ist: Interpretiere ich das jetzt als eine Situation, die mein Handeln erfordert – oder nicht. Und wenn wir in der Situation keine objektiven Anhaltspunkte haben, dann orientieren wir uns an anderen Menschen. Wenn alle beobachten und die anderen als Informationsquellen heranziehen, kann man sich ja vorstellen, was passiert: Es tut keiner etwas. Das bezeichnet man als „Bystander-Effekt“ – das paradoxe Phänomen, dass ein Opfer geringere Chance auf Hilfe hat, je mehr andere Menschen anwesend sind.

Was kann ich denn tun, wenn ich einen rassistischen Übergriff erlebe?

Was ganz wesentlich ist: sich selber nicht in Gefahr zu bringen und opferbezogen zu handeln. Also das Opfer fragen: Brauchen Sie Hilfe. Oder: Wollen Sie sich nicht hier zu uns setzen? Und nicht täterfokussiert zu handeln. Denn wir alle tendieren sehr stark dazu, uns mehr auf die Täter statt auf die Opfer zu fokussieren. Das bedeutet immer ein Eskalationspotenzial, vor allem wenn die Täter gewaltbereit sind.

Lesen Sie hier den Gastbeitrag von Dunja Hayali

Steht man sich in solchen Situation auch selber im Weg?

Professorin MargareteBoos trainiert Zivilcourage.

Hier gilt die Devise: kleine Schritte statt Heldentaten. Man sollte sich überlegen, was ist mein Ziel? Ich sehe beispielsweise wie ein Kind im Supermarkt von Mutter oder Vater geschlagen wird. Dann sollte ich reflektieren. Ist mein Ziel, das Erziehungsverhalten der Eltern zu verändern? Das werde ich in einem Supermarkt wahrscheinlich nicht schaffen. Aber wenn ich mir ein geringeres Ziel vornehme, dann werde ich mich eher äußern. Also versuche ich dem Kind und den Umstehenden zu signalisieren, dass ich das nicht richtig finde und damit nicht einverstanden bin.

Lässt sich Zivilcourage lernen?

Ja, davon bin ich überzeugt. Oft muss man blitzschnell handeln, da sonst die Situation vorbei ist. Es fällt eine Äußerung oder jemand wird angegriffen. Wenn ich dann nicht in meinem Verhaltensrepertoire bestimmte Dinge schon mal geübt habe, Sätze, die ich mir zurechtgelegt habe, dann denke ich zu lange nach und das bremst mich. Aber man kann das eben üben. Genau das machen wir in unseren Trainings.

ZUR PERSON

Margarete Boos,geboren 1954, hat den Lehrstuhl für Sozial- und Kommunikationspsychologie der Georg-August-Universität Göttingen inne. Sie hat das Göttinger Zivilcourage-Impuls-Training (GZIT) mitentwickelt, das für das Thema Zivilcourage sensibilisiert und anleitet, wie man beherzt einschreitet und sich gleichzeitig selber schützt. prmb

Welche Unterschiede gibt es zwischen Zivilcourage im Netz und in der analogen Welt?

Zivilcourage bedeutet im Wesentlichen, in einer öffentlichen Situation, mit einem inneren Konflikt mutig zu handeln. Ich gehe ein Risiko ein und trete für Werte ein, die mir wichtig sind. Diese Merkmale gelten sowohl online als auch offline, die Formen sind lediglich anders. Hinzu kommt, dass Hass im Netz einen unglaublichen Beschleunigungseffekt hat, Shitstorms zum Beispiel. Es geht unheimlich schnell, hat eine größere Reichweite und ist tendenziell öffentlicher. Auf der anderen Seite habe ich unglaublich viele Positivbeispiele gefunden, wo Menschen sich zusammenschließen und Netzwerke zur Intervention bilden, gerade junge Erwachsene. Ein Beispiel ist die Online-Plattform „hassmelden“.

Also spielt die physische Konsequenz in der digitalen Welt keine Rolle?

Ich muss zumindest nicht fürchten, dass ich zusammengeschlagen werde und es ist noch leichter, die Augen zu verschließen und nicht zu handeln. Online-Hass kann sich aber auch offline auswirken, die Welten sind ja verbunden. Also zum Beispiel Klassen-Chats: Wenn man gemobbt wird, ist das ja nicht nur auf den Chat beschränkt, sondern findet auch in der Pause auf dem Schulhof statt.

2014 wurde die 22-jährige Studentin Tugce Albayrak in Offenbach im Rhein-Main-Gebiet schwer verletzt, als sie sich in einen Streit einmischte und erlag später ihren Verletzungen. Der Fall zeigt, dass ein couragiertes Einschreiten auch gefährlich sein kann. Wie kann ich helfen, ohne mich selber in Gefahr zu bringen?

Da gibt es bestimmte Regeln, die man einhalten sollte: Abstand zu den Tätern halten, diese siezen, nicht anfassen – und dann auch Gruppen bilden, Herumstehende mit einbeziehen. Es ist ja auch schon Hilfe, wenn man die Polizei ruft oder wenn man sich als Zeugin bereithält.

Was für eine Wirkung hat es auf die Opfer, wenn die Anwesenden nicht einschreiten?

Häufig berichten Opfer im Nachgang, dass sie genau das am schlimmsten fanden, dieses Alleingelassen sein. Und gar nicht mal die Diskriminierung als solche. Die Passivität der anderen hat dann eine verheerende Wirkung auf die Opfer. Und die Täter interpretieren das als eine Art Unterstützung für ihre Tat.

Welche Bedeutung hat das Thema Zivilcourage aktuell in Zeiten der Corona-Pandemie?

Ich denke Zivilcourage ist momentan nicht das vorherrschende Thema, eher Solidarität. Klar kann es Situationen geben, in denen man Leute darauf hinweist, dass sie gegen bestimmte Regeln verstoßen und andere in Gefahr bringen. Beispielsweise weist man jemanden, der da alles hamstermäßig aufkauft, darauf hin, dass das nicht besonders solidarisch ist. Der Unterschied ist aber der Faktor Risiko: Mit Zivilcourage überschreite ich eine Grenze und etwas bringt mich potenziell in Gefahr.

Interview: Mathis Brinkmann

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