+
In Gera (Thüringen) diskutieren SPD-Mitglieder über das Programm für die Wahl im Oktober.

SPD

Das Zittern der Genossen

  • schließen

Die Partei sinkt in den Umfragen weiter, wer sie wieder aufbauen soll, ist noch immer unklar.

Wenn SPD-Politiker bislang über die Sozialisten in Frankreich geredet haben, taten sie das wie Familienmitglieder, die über den früher mal wohlhabenden aber inzwischen mittellosen und alkoholkranken Großonkel sprechen. „Schlimm, was aus ihm geworden ist – aber mit uns hat das alles ja zum Glück nichts zu tun.“

Bestenfalls als mahnendes Beispiel galt der Absturz der französischen Genossen, die bei der letzten Parlamentswahl auf sieben Prozent gefallen sind, ihre Parteizentrale verkaufen mussten und einen wichtigen Teil ihres Nachwuchsverbandes verloren haben. Im Grunde aber war man sich in der SPD ziemlich sicher, dass es so weit schon nicht kommen würde. Immerhin ist die deutsche Partei mehr als 100 Jahre älter als ihre französische Schwester.

Nun stellen die Sozialdemokraten gerade fest, dass Paris womöglich näher ist, als gedacht. Es sind zwei Meinungsumfragen, die in der SPD für Entsetzen sorgen. Elf Prozent in der Sonntagsfrage bei Forsa, zwölf bei Insa und bei beiden Instituten hinter der AfD. Die SPD als vierte Kraft in Deutschland? Das gab es nach dem Krieg noch nie.

Öffentlich äußern will sich zu den Umfragewerten kein Spitzengenosse. Was sollen sie auch sagen? Dass es vielleicht doch keine gute Idee war, Andrea Nahles vom Hof zu jagen ohne einen Nachfolger zu haben, oder eine Nachfolgerin? Dass die Partei nun Tempo machen muss bei der Besetzung ihrer Führungsposten? Oder dass sie endlich ausgehen muss aus der ungeliebten großen Koalition?

Hinter vorgehaltener Hand heißt es nur, der Niedergang in den Umfragen überrasche nicht. Die Demoskopen lebten von den zugespitzten Zahlen und die Medien hätten gerade Freude an Untergangsfantasien. Der Weg aus der Krise sei möglich. Dass er hart wird, darüber macht sich niemand Illusionen.

Zumal noch immer unklar ist, wer die SPD wieder aufbauen soll. Mit Arbeitsminister Hubertus Heil hat am Wochenende der nächste potenzielle Parteichef abgesagt. „Ich habe nicht vor, zu kandidieren – ich weiß aber, wen ich will“, hatte der Niedersachse dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gesagt, seinen Favoriten allerdings für sich behalten.

Die Zahl der Genossen, die noch nicht abgewunken haben, ist so klein geworden, dass man die Absagen inzwischen im Wortlaut studiert. Er haben „keine Ambitionen“ hatte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil gesagt. Viele lesen daraus, wenn die Partei nur laut genug rufe, stehe er doch bereit. Auch Generalsekretär Lars Klingbeil hat seine Ambitionen nicht endgültig dementiert. Er habe in seiner aktuellen Rolle „gerade genug zu tun“, hatte der Mann aus dem Heidekreis erklärt – und sich damit ein Hintertürchen offengehalten.

Bundesaußenminister Heiko Maas und Juso-Chef Kevin Kühnert sollen ebenfalls mit einer Kandidatur liebäugeln, Kühnert allerdings musste gerade einen Dämpfer in den Umfragen hinnehmen. Nur 23 Prozent der Deutschen können sich den Juso-Chef als SPD-Vorsitzenden vorstellen.

Eine gute Nachricht immerhin gibt es noch für die SPD. 59 Prozent der Bundesbürger würden es laut Forsa „persönlich bedauern“ wenn die Partei in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde. Es muss also nicht so kommen wie in Frankreich. Ausgeschlossen ist es im Moment aber nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion