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Merkel lächelt, gestikuliert, tut normale Dinge, die rund um einen solchen Pressetermin von einer Kanzlerin getan werden.

Angela Merkel

Zitteranfälle werden zum Politikum

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Der Gesundheitszustand der Kanzlerin gibt Rätsel auf – eine Analyse.

Es ist kurz vor halb zwei am Mittwoch, als Angela Merkel neben ihrem finnischen Amtskollegen Antti Rinne durch die hohen, offenen Räume im ersten Stock des Bundeskanzleramts läuft und alles ganz normal erscheint. Merkel lächelt, gestikuliert, tut normale Dinge, die rund um einen solchen Pressetermin von einer Kanzlerin getan werden. Und doch ist etwas nicht gewöhnlich an diesem Mittwoch. Zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen hat Merkel am ganzen Körper gezittert, als sie stillstehen musste. Merkels Krankheit, dessen genaue Ursache sie verhüllt, ist damit endgültig zu einem Politikum geworden.

Es geschah rund eineinhalb Stunden zuvor, als Merkel und Rinne vor dem Kanzleramt nebeneinander den Nationalhymnen zuhörten, ähnlich wie vor einigen Wochen geschehen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Nach einigen Takten begann Merkel unkontrolliert zu zittern. Im Moment, als die Hymnen zu ende gespielt waren, löste sich auch bei der Kanzlerin die Anspannung.

Zuerst der Selenskyj-Vorfall, das zweite Mal bei der Urkundenübergabe im Schloss Bellevue, nun beim Besuch des finnischen Kollegen: Der Gesundheitszustand Angela Merkels ist in den vergangenen Wochen nicht nur zum Politikum, sondern auch zum Mysterium geworden. Beim ersten Vorfall lautete die Erklärung, ihr hätten nur einige Glas Wasser gefehlt, es sei heiß gewesen, die Kanzlerin dehydriert. Doch schon beim zweiten Zitteranfall neun Tage später war die Temperatur keineswegs mehr hoch, die Kanzlerin stand zudem in einem geschlossenen Raum. Was nun?

Die Erklärung wandelte sich. Allerdings nicht offiziell von Merkel selbst verkündet, sondern „aus Regierungskreisen“, wie es so schön in Berlin heißt, wenn eine Information ohne direkte Quelle verbreitet werden soll. Sie lautete damals: Merkel verarbeitete das Ereignis des ersten Zwischenfalls, das dauere. In die Mikrofone sagte sie lediglich, es gehe ihr gut.

Es ist ein eigenartig verdruckster Umgang mit den Vorfällen, die Erklärungen sind auch nicht stimmig. Dehydriert sein passt

als Erklärung nicht zu dem, was nach Vorfall zwei folgte: der „psychologischen Verarbeitung“. Letztere Erklärung lässt eher darauf schließen, dass die Kanzlerin eine Krankheit in sich trägt, die aber eben nur in bestimmten Stresssituationen zum Vorschein kommt.

Beim Vorfall am Mittwoch mit dem finnischen Amtskollegen Rinne blieb es ähnlich sibyllinisch, obwohl spätestens dieser dritte Zwischenfall zeigt, dass es keinesfalls eine Frage einiger Glas Wasser ist. Sie befinde sich in einer Verarbeitungsphase, die offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen sei, sagte Merkel, „aber es gibt Fortschritte“.

Für Angela Merkel mag die sichtbare äußere Schwäche schwieriger zu verarbeiten sein, als für andere Politiker. Merkel hat sich seit langem antrainiert, äußere Schwächen zu verstecken, unsichtbar zu machen. Das ist legitim für eine Spitzenpolitikerin, die zu Beginn ihrer Zeit als Parteichefin und Kanzlerin brutal nach Äußerlichkeiten wie ihrer Frisur oder ungelenken Art zu reden beurteilt wurde.

Krankheiten sind Politikern gestattet, sie haben ein Recht auf Regeneration von ihren kräftezehrenden Aufgaben. Aber eine Krankheit wird zu einem Politikum, wenn nicht mehr gewährleistet ist, dass der Politiker oder die Politikerin die Aufgaben in voller Energie ausfüllen kann. Es ist sehr gut möglich, dass daran im Fall von Angela Merkel gar kein Zweifel bestehen müsste. Möglicherweise ist es punktuell und auf Momente des Stillstehens beschränkt. Aber vielleicht auch nicht. Die Kanzlerin sollte sich selbst einen Gefallen tun und diese Fragen offensiv aufklären.

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