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Hat sich ihren Platz als Autorin erkämpft: Virginia Woolf.

Streiterinnen

Zickenkrieg im Forst ...

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... gibt es zum Glück nicht. Die meisten Frauen können sich im 21. Jahrhundert doch nüchtern miteinander auseinandersetzen.

Sachbezogener Streit unter Frauen ist etwas sehr Seltenes – zumindest wenn man der medialen Berichterstattung glaubt. Von Zickenkriegen oder Stutenbissen ist dort allerorten die Rede, deren Topthemen modische Differenzen oder Männer darstellen. Und wenn es irgendwo heißt: „Heidi Klum stinksauer“, kann man ziemlich sicher sein, dass es nicht um die Klimaerwärmung oder das Erstarken des europäischen Nationalismus geht.

Dabei haben Frauen im Streit um politische und gesellschaftliche Themen, jenseits des Boulevard-Radars, längst aufgeholt. Im Hambacher Forst sind über die Hälfte der AktivistInnen weiblich, in der MeToo-Debatte ohnehin.

Wortgewaltige weibliche Streiterinnen gibt es mehr denn je, ob Margarete Stokowski, Juli Zeh oder die „Schnodderschnauze“ Andrea Nahles, die eins „auf die Fresse“ der CDU einforderte, und zwar durchaus sachlich begründet. Es gibt legendäre „Kratzbürsten“ wie Rosa Luxemburg oder Rosa Parks, und wenn die englischen Suffragetten vor 100 Jahren nicht leidenschaftlich für das Frauenwahlrecht gekämpft hätten, müsste Frau heute noch draußen in der Kutsche vorm Wahllokal warten.

Das eine oder andere eingeworfene Schaufenster war die Sache dabei locker wert. Wenn es verbal nicht weiterging, waren eben auch mal nonverbale Attacken erlaubt, wie der berühmte „Tomatenwurf“ vor 50 Jahren, als die Studentin Sigrid Rüger einem männlichen SDS-Mitglied einen prallroten Liebesapfel gegen die Adamsstirn warf, Geburtsstunde einer feministischen Revolution.

Gerne denke ich auch an jene sagenumwobene Xanthippe, Ehefrau von Sokrates, Inbegriff des „zänkischen Weibes“. Worüber aber sich die antike Querulantin mit ihrem Manne alle naselang stritt, ist gar nicht überliefert. Ich glaube ja, über abendländische Philosophie und die Attische Demokratie.

Streitende Frauen waren in unserer Gesellschaft lange Zeit suspekt und sind es zum Teil noch heute. Ein Mann ist „streitbar“, eine Frau „zickig“. Googelt mal „streibar + Frau“, ihr werdet fast nichts finden. Und dann googelt mal „zickig + Frau“. Aber bitte nur ganz kurz, sonst wird es deprimierend.

Auffällig ist, dass es auf dem Feld des Streitens kaum geschlechterneutrale Bezeichnungen gibt. Hier Streithahn und Zankteufel, dort Furie und Giftspritze, selbst Verben sind binär zugeordnet: „zanken“ tun irgendwie nur Frauen. Und dass diese jahrtausendelang meist nur die Möglichkeit hatten, in den eigenen vier Wänden Dampf abzulassen, zeigen Begriffe wie „Hausdrache“ oder „Besen“.

Woher kommt überhaupt diese Mär, dass sich Frauen am liebsten um Männer streiten? Als ob es die – meist männlichen – Boulevard-Chefredakteure nicht ertragen könnten, dass es mal nicht um sie geht. Ich streite mit meinen Freundinnen andauernd: über Flüchtlingspolitik, Kohleausstieg oder wer nachts am schnellsten betrunken heimradeln kann, aber doch nicht um Männer! Was soll man sich denn da sagen: „Meiner ist streitbarer als deiner?“ Lieber regen wir uns über die Darstellung von Frauen in Boulevard-Medien auf – wenn auch in einhelliger Meinung.

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