Stutthoff-Prozess

Zeugenaussage im Stutthoff-Prozess: „Sadistische Shows“ im Konzentrationslager

  • vonJoachim F. Tornau
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Im Stutthof-Prozess berichtet ein Überlebender von den Grausamkeiten der Wachmannschaften.

Ohne zu zögern, hat Abraham Koryski alle Fragen des Gerichts beantwortet, hat mit fester Stimme von den unvorstellbaren Grausamkeiten berichtet, die er im Konzentrationslager Stutthof erlebt hat.

Erst bei der allerletzten Frage kommen dem 92-Jährigen die Tränen. Warum es ihm so wichtig gewesen sei, im Prozess gegen den ehemaligen Stutthof-Wachmann Bruno D. auszusagen, fragt ihn die Strafkammervorsitzende Anne Meier-Göring am Montag im Hamburger Landgericht. Nach langer Pause sagt Koryski: „Nicht, um Rache zu nehmen. Meine Rache – in Anführungszeichen – ist, dass meine Familie hier im Saal sitzt“, sagt er. „Dass ich Nachkommen in die Welt setzen konnte, obwohl man mich vernichten wollte.“ Bruno D. ist wie immer nicht anzusehen, wie die Worte des Zeugen auf ihn wirken.

Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem 93-Jährigen vor, weil er als SS-Wachposten auf den Lagertürmen ein Rädchen in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gewesen sei. Abraham Koryski aber geht noch weiter. „Die Wachmannschaften waren überall, das will ich hier betonen“, sagt er. „Sie waren nicht nur auf den Wachtürmen.“ Sie waren auch dabei, wenn die SS wieder einmal zu dem rief, was Koryski „sadistische Shows“ nennt.

Einmal, erzählt er, hätten zwei Gefangene – Vater und Sohn – wählen sollen, ob sie beide erschossen werden oder sich mit einem Stuhlbein so lange gegenseitig schlagen wollen, bis einer stirbt. „Der Vater hat dann entschieden, dass der Sohn ihn töten soll“, sagt der Zeuge. „Die Idee war, dass wir alle zu Tieren werden. Der Mensch dachte nicht mehr, dass er ein Mensch war.“

Koryski, der heute in Israel lebt, wurde als lettischer Jude im August 1944 nach Stutthof deportiert. In dem Lager bei Danzig starben sein Onkel und seine Tante: Sie, so berichtet er es, geriet bei dem Versuch, eine Zwiebel aufzusammeln, die der Onkel zu ihr ins Frauenlager geworfen hatte, in den Elektrozaun. Der Onkel erhängte sich.

Koryski ist das einzige Mitglied seiner Familie, das den Holocaust überlebt hat. „Glück“ möchte er das nicht nennen. Vom allmorgendlichen Einsammeln der Menschen, die in der Nacht an Hunger oder Krankheiten gestorben waren, spricht Koryski, von ständigen Misshandlungen, von den Morden in der Gaskammer, die niemandem verborgen geblieben seien. Und von seiner Arbeit im Krematorium, wo er die Knochen der Toten zusammenraffen musste. „Die Knochen wurden in einen Graben geschüttet“, sagt er. „Ich weiß nicht, ob es diesen Graben noch gibt – wenn, dann muss er voller Knochen sein.“

Beobachtet wird dieser neunte Verhandlungstag auch von Esther Bejarano, Überlebende von Auschwitz und trotz ihrer mittlerweile 95 Jahre immer noch äußerst streitbar im Kampf gegen rechts. „Ich war zum ersten und zum letzten Mal hier“, sagt sie im Anschluss. Für sie ist es eine „Farce“, dass über die Rolle von Bruno D. so aufwendig verhandelt wird. „Dadurch, dass er dabei war“, meint Bejarano, „hat er eine Schuld.“

Von Joachim F. Tornau

Der Prozess am Hamburger Landgericht gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des KZ-Stutthof bietet denen, die das KZ überstanden, ein spätes, aber wertvolles Forum. Nun kam der letzte Überlebende zu Wort.

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