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Eingang des Stutthof-Museums in Sztutowo.

Stutthof-Prozess

Zeuge im Stutthof-Prozess: „Ich kann diesen Herrn nicht hassen“

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Im Stutthof-Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. sagt ein in dem KZ geborener Zeuge aus - und zeigt eine emotionale Geste.

Es ist nicht der Angeklagte, der um Vergebung bittet, sondern der Zeuge. „Schauen Sie mir in die Augen“, wendet sich Peter Moshe Loth an den weißhaarigen Mann auf der Anklagebank. „Würden Sie mir vergeben? Dafür, dass ich so hasserfüllt und so wütend war auf die Deutschen?“ Sein Adressat, der ehemalige SS-Wachmann Bruno D., der sich wegen 5230-facher Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Stutthof vor dem Hamburger Landgericht verantworten muss, wirkt etwas überrumpelt. Doch schnell antwortet er: „Natürlich. Ich habe keinen Hass.“

Dann fragt der Zeuge, ob er Bruno D. umarmen darf. Er darf. „Passen Sie auf“, ruft er mit lauter Stimme in den Saal, „ich werde ihm vergeben.“ Dadurch, verkündet der 76-Jährige, befreie er sich selbst. Es sind erstaunliche Szenen, mit denen am Dienstag der siebte Verhandlungstag im Hamburger Stutthof-Prozess zu Ende geht. Es war aber auch kaum fassbar, was Peter Moshe Loth zuvor aus seinem Leben erzählt hat.

Stutthof-Zeuge war Opfer grausamer Versuche

In dem nationalsozialistischen Konzentrationslager bei Danzig, in dem der Angeklagte 1944/45 als Wachmann Dienst tat, ist Loth auf die Welt gekommen. Seine schwangere Mutter war als „Halbjüdin“ in das Lager verschleppt worden – ausgeliefert, so sagt Loth, vom eigenen Vater, der auch schon seine jüdische Frau habe umbringen lassen. „Er war Nazi, ein hochrangiger Offizier.“ Und sein Sohn, Loths Onkel, sei sogar SS-Offizier in Stutthof gewesen.

Eine Überlebende von Stutthof vor dem Berg von Schuhen der Ermordeten, 1946.

Von Menschenversuchen der Nazis, denen er als Baby ausgesetzt gewesen sei und von denen er bis heute Narben auf dem Rücken trage, berichtet Loth – und von einer Leidensgeschichte, die auch nach 1945 noch lange nicht geendet habe. Er erzählt von dem polnischen Waisenhaus, in dem er aufgewachsen sei und in dem Misshandlungen, Vergewaltigungen, gar Erschießungen an der Tagesordnung gewesen seien. Er erzählt, wie er, der noch in einem Stutthofer Außenlager von seiner Mutter getrennt worden war, jahrelang nicht gewusst habe, wer er eigentlich sei. Erst als Jugendlichem sei es ihm gelungen, mit Hilfe des Roten Kreuzes seine Mutter ausfindig zu machen – sie hatte in der Bundesrepublik einen US-Soldaten geheiratet.

Seine Odyssee, sagt der Zeuge, sei aber auch in den USA, wohin die Familie schließlich zog und wo Peter Moshe Loth bis heute lebt, immer und immer weiter gegangen. Mit Diskriminierung wegen seines schwarzen Stiefvaters, mit antisemitischen Schmähungen, mit sexuellem Missbrauch auch hier. „Sie haben uns ein Leben geschildert, vollkommen ausgestoßen“, sagt die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring. „Wie kann man mit dieser Geschichte leben? Wie können Sie nicht an der Menschheit verzweifeln?“ Er habe gelernt zu vergeben und um Vergebung zu bitten, erklärt Loth. „Sonst hört es nie auf.“

Ob er denn auch denen vergeben könne, die keine Schuld empfinden, will die Strafkammervorsitzende wissen – und hat dabei wohl den Angeklagten im Sinn, der seinen Einsatz in Stutthof zwar nicht bestreitet, sich aber, weil zum Dienst gezwungen, für unschuldig hält. „Wenn ich diesen Herrn hier anschaue“, sagt Loth, „kann ich ihn nicht hassen.“

Zusätzliche Verhandlungstage im Stutthof-Prozess

Vor der Vergebung nimmt er den 93-Jährigen jedoch noch regelrecht ins Kreuzverhör – als Nebenkläger sind ihm auch Fragen an den Angeklagten erlaubt. Wo er als Wachmann untergebracht war, will Loth von Bruno D. wissen, wie er bewaffnet war, wer seine Vorgesetzten waren, wie sein Einsatz in Stutthof endete. Aber auch: wie er sich heute fühlt. „Mir tut leid, was Ihnen passiert ist“, sagt Bruno D. „Ich bin erschüttert.“ Schon damals habe er alles bedauert, was in dem Lager geschehen sei. „Aber ich konnte nichts dagegen unternehmen.“

Ob das wirklich stimmt, gehört zu den entscheidenden Fragen, die in diesem vielleicht letzten NS-Prozess beantwortet werden müssen. Und das wird wohl länger dauern als ursprünglich geplant: War das Verfahren zunächst nur bis Jahresende terminiert, hat das Gericht mittlerweile zehn weitere Verhandlungstage bis Ende Februar angesetzt. (mit epd)

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