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60 Jahre danach

Zeuge Jehovas

Josef Niklasch wurde nach zweijähriger Flucht vor den Nazis quer durch Europa am 12. Juni 1940 in Wien verhaftet. Dort hatte er eine Untergrunddruckerei betrieben, von der aus die heimlich gedruckten "Wachttürme" der Zeugen Jehovas und Abschiedsbriefe hingerichteter Kriegsdienstverweigerer in Österreich verteilt wurden.

Eigentlich wäre heute wieder Hinrichtungstag im Zuchthaus Brandenburg gewesen. Jede Woche einmal wurden zum Tode verurteilte Regimegegner hingerichtet. Die letzte Hinrichtung vor einer Woche, am 20. April, forderte noch 27 Opfer.

Doch heute sollte es anders kommen. Am Vormittag rollte ein russischer Panzer auf den Hof des berüchtigten Zuchthaus Brandenburg. Alle Gefangenen mussten antreten. Der russische Kommandant befahl, dass keiner das Zuchthaus verlassen darf. Da im Osten die Rote Armee stand, im Westen die Truppen der Nazis, wäre es für die Gefangenen zu gefährlich gewesen, das Zuchthaus zu verlassen. Wer ohne Dokumente angetroffen würde, würde Gefahr laufen, erschossen zu werden.

Zuerst sollten die Akten aller Gefangenen geprüft werden, danach würden wir entlassen. Ich hatte Glück. Ich hatte eine niedrige Gefangenen-Nummer - etwa 300 -, so bekam ich noch am 27. April meine wenigen Habseligkeiten und meine Zivilkleidung, in der sich auch meine Anklageschrift befand.

Warum war ich fünf Jahre bei den Nazis eingesperrt, im Moorlager Börgermoor, danach im Zuchthaus Brandenburg? In meiner Anklageschrift stand: "Unter den von Niklasch hergestellten Bibelforscherschriften befinden sich insbesondere solche, die Abschiedsbriefe hingerichteter Kriegsdienstverweigerer wiedergeben. Der Angeklagte gibt den vorstehenden Sachverhalt zu und bekennt sich noch heute als Zeuge Jehovas. Er erklärt, dass er nie Kriegsdienst mit der Waffe oder Arbeit in einer Waffen- oder Munitionsfabrik leisten würde."

Die Nacht verbrachten alle etwa 5500 Gefangenen im Keller nur mit dünnen Decken zugedeckt. Wir suchten etwas Schutz, denn die Rote Arme und die Nazis lieferten sich Gefechte über das Zuchthaus und über unsere Köpfe hinweg.

In der Nacht hörten wir lautes Poltern. Was war geschehen? Einige Gefangene versuchten die mit einer Stahltür gesicherte Aktenkammer zu stürmen. In der Aktenkammer befanden sich die Freiwilligen-Meldungen von 48 Gefangenen, die sich vor etwa vier Wochen gemeldet hatten. 50 bestimmten Gefangenen war die Chance geboten worden, "wieder ein echter deutscher Volksgenosse" zu werden, wenn sie sich freiwillig im Kampf gegen die russische Armee melden; nur die beiden Bibelforscher hatten sich geweigert, die Aufforderung zu unterschrieben.

Die anderen 48 Gefangenen hatten nun große Sorge, dass den russischen Befreiern des Zuchthauses diese Freiwilligen-Meldungen in die Hände fallen. Die Aktenprüfung wäre wohl nicht positiv ausgefallen, deshalb die Anstrengungen in der Nacht, schnell die Akten zu vernichten. Schließlich ist dies auch gelungen. Am Morgen wurden wir aus dem Zuchthaus evakuiert, da die Nazis gedroht hatten, es zu sprengen. Nach dreitägigem Marsch kamen wir in Berlin-Spandau an, nach fünf Jahren Haft wegen meiner Glaubensüberzeugung.

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