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Studenten im Gedenken an Benno Ohnesorg im Jahr 1967.

Benno Ohnesorg

Der Zeuge

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Hans Brombosch beobachtete, wie der Student Benno Ohnesorg zu Tode kam. 50 Jahre später sieht er erstmals seine Aussage ein, die er vor Gericht nicht machen durfte.

Ich sah ein Katz- und Mausspiel ... Es hörte sich so an, als würden sich alle gegenseitig anfeuern.“

Aus Neugier hat sich Hans Brombosch verabredet. Bestimmt erfährt er das eine oder andere, an das er sich nicht erinnert. Oder falsch. Es ist mit dem Erinnern ja so eine Sache: Das Gedächtnis neigt dazu, einem Streiche zu spielen. Der 58-Jährige hat eine Verabredung mit der Vergangenheit. Wenn es gut läuft, hat sie vielleicht sogar eine große Überraschung für ihn, ein besonderes Steinchen für das Mosaik seiner Erinnerung an das, was er vor 50 Jahren sah. Und was ihm keiner glauben wollte.

Die Vergangenheit erwartet Hans Brombosch im Landesarchiv Berlin, in einem zur Kaiserzeit gebauten Fabrikgebäude am Eichborndamm in Reinickendorf. Der Backsteinbau gehörte einst zu den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM); sein rotes Mauerwerk umschließt seit 2001 das Gedächtnis der Berliner Geschichte. Jeder kann die Bestände des Archivs nutzen: Akten, Urkunden und Handschriften, Plakate und Karten, Fotografien, Ton- und Filmaufnahmen. „Wir haben annähernd 50 Kilometer Archivgut“, sagt Archivarin Bianca Welzing-Bräutigam. Sie wird Hans Brombosch und die Vergangenheit miteinander bekannt machen. Ironie der Geschichte: Hans Bromboschs Geschichte handelt von einem Schuss.

Um noch nicht mal einen Millimeter Archivgut geht es Hans Brombosch – um seine Aussage zum Tod eines Mannes: des 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg, erschossen vom Polizisten Karl-Heinz Kurras auf dem Innenhof an der Krummen Straße 66/67 am Rande einer Demonstration vor der Deutschen Oper gegen den Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967. Brombosch will seine Aussage, die er vor 50 Jahren bei der Polizei machte, zum ersten Mal einsehen.

Manches von damals sei noch sehr präsent, manches sei weg, vieles habe er sich angelesen, sagt der mittelgroße, schlanke Mann mit den hellwachen Augen. Er sieht jünger aus, als er ist.

Damals, vom 2. bis zum 3. Juni 67, besuchte Schah Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Gattin Farah Diba West-Berlin. Auf dem Programm standen: Eintrag ins Goldene Buch der Stadt im Rathaus Schöneberg, Stadtrundfahrt, Teetrinken im Schloss Bellevue, Empfang im Schloss Charlottenburg, Besuch der Deutschen Oper.

Der Schah polarisierte: Die Mehrheit der bundesdeutschen Öffentlichkeit sah in dem Mann auf dem Pfauenthron einen märchenhaften Kaiser; andere hielten ihn für einen willigen Statthalter der USA und folternden und mordenden Diktator.

Die Polizei hatte Sicherheitsstufe I ausgegeben. 5000 Polizisten waren im Einsatz, darunter 88 Kriminalbeamte der Abteilung I, der Politischen Polizei. Einer von ihnen war Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, damals 39 Jahre alt. Als Polizisten waren die Einser nicht zu erkennen. Sie trugen Sommeranzüge. Und darunter ihre Dienstwaffe, eine Walther PPK, Kaliber 7,65.

Hans Brombosch betritt das Ausstellungsfoyer des Landesarchivs. In einer Vitrine liegen Dokumente zum 2. Juni 67: Fotos und Schriftstücke. Ein Foto zeigt Benno Ohnesorg im Hof an der Krummen Straße, kurz vor dem tödlichen Schuss. Er steht an einer Teppichklopfstange, seine linke Hand hält ein zusammengeknülltes Tuch; er steht so da, als glaube er nicht, was er sieht. Ein Mann krümmt sich auf dem Boden, umgeben von einem Polizisten, der einen Gummiknüppel hält, und zwei Männern in Sommeranzügen.

Ein Schriftstück ist Teil des Berichts von Karl-Heinz Kurras über seinen Schusswaffengebrauch: Er sei „von etwa 8-10 unbekannten Aufrührern“ auf das Grundstück „Krummestr. 68“ gedrängt und „mit Faust- und Handkantenschlägen“ zu Boden gestoßen worden. Er habe seine Dienstpistole ergriffen und durchgeladen. „Etwa 8 Aufrührer“ hätten versucht, ihm die Waffe zu entreißen, zwei hätten „je ein längeres, etwa 15 bis 20 cm feststehendes Messer“ gezogen und versucht, „unmittelbar auf mich einzustechen“. Da habe er zwei Warnschüsse in Richtung Hausbetondecke abgegeben. Diese Decke war – und ist – Teil des auf Betonpfeilern stehenden Vorderhauses, das knapp die Hälfte des Hofs überdacht.

Hans Brombosch sagt, nachdem er den Bericht gelesen hat, mit seiner ruhigen Stimme: „Das stimmt ja alles nicht!“

Ein Fernseher im Foyer weckt Bromboschs Interesse. Auf dem Bildschirm sind Szenen vom Besuch des Schahs zu sehen. Es sind Aufnahmen ohne Ton, gedreht von Hans Jaehner, der fast 50 Jahre lang Kameramann bei der Landesbildstelle war, vor der Deutschen Oper: protestierende Schahgegner; jubelnde Schahanhänger; prügelnde Polizisten; eine junge Frau, der Blut übers Gesicht rinnt, eine große Wiese, auf der Menschen wuseln...

„Diese Szene“, sagt Brombosch plötzlich, „da, da waren unsere Fenster noch offen!“ Mit der Fernbedienung des Fernsehers holt er die Szene zurück, die große Wiese an der Ecke Bismarckstraße/Krumme Straße. Heute stehen dort Häuser, an der Ecke gegenüber liegt der Shakespeareplatz. Die Fernsehbilder zeigen vorne Polizisten, hinten Demonstranten, ganz hinten ein sechsgeschossiges Haus an einem Innenhof – ganz unten wohnten die Bromboschs.

Der größere Teil der Wohnung lag am Innenhof des Grundstücks Krumme Straße 66/67, der andere an der Schillerstraße 29. Das Fenster ganz links im Hof gehörte zum Schlafzimmer, es folgten Bad, Küche, Kinderzimmer; das Wohnzimmer war auf der anderen Seite. Der Hof war zur Straße hin offen; vorne parkten Autos, hinten wuchs Rasen. Die offenen Fenster bedeuten: Hans Brombosch war länger als er bislang angenommen hat auf dem Hof, der zum Tatort wurde.
Der 2. Juni 1967 war für den achtjährigen Hans ein Freitag wie jeder andere: zur Schule gehen, zu Hause Mittagessen und Schulaufgaben machen, auf der Wiese bolzen, im Hof buddeln. Er saß abends im Sandkasten, als von der Wiese, die ein Maschendrahtzaun vom Hof trennte, Stimmengewirr zu ihm drang.

„Ich stand auf und ging zum Zaun und sah ein Katz- und Mausspiel“, erinnert sich Hans Brombosch: „Polizisten gingen vor, Demonstranten zurück, Polizisten gingen zurück, Demonstranten vor ... Es hörte sich so an, als würden sich alle gegenseitig anfeuern.“ Eine Weile schaute Hans dem Treiben zu, dann buddelte er weiter. Plötzlich rief sein Vater: Hans, du musst reinkommen! „Mein Vater hatte die Gefahr offenbar erkannt“, sagt Hans Brombosch. „Er ließ die Rollläden runter.“

Das war nicht, wie Brombosch bislang angenommen hat, kurz vor 20 Uhr, sondern gegen 20.15 Uhr. Die Polizei hatte die Demonstranten und Schaulustigen vor der Oper um 20.07 Uhr weggeknüppelt, sie jagte die meisten von ihnen auf die Wiese und spülte sie mit einem Wasserwerfer in die Krumme Straße.

Hans war in seinem Kinderzimmer, als er Rufe von der Straße hörte. Neugierig lüpfte er die Rollläden, nur so hoch, dass er beobachten konnte, was draußen vor sich ging. Sein Vater saß im Wohnzimmer; seine Mutter war nicht zu Hause. Der Junge sah, wie sich die Straße mit Menschen füllte; er lief in die Küche, hob auch die Rollläden ein wenig. Plötzlich kamen Leute auf den Hof. Er rannte ins Schlafzimmer. In den folgenden Minuten flitzte er von Fenster zu Fenster, damit ihm ja nichts entging.

Was er sah, erzählte Hans zwei Tage später, am Sonntag, 4. Juni 1967, einer Kriminalmeisterin.

Hans Brombosch setzt sich in den Lesesaal des Landesarchivs an einen der Schreibtische mit den langarmigen Lampen. Die Archivarin Bianca Welzing-Bräutigam rollt auf einem Wägelchen Aktenbände heran. Achtzehn sind es, fast ausschließlich weiche Pappordner in einem ausgeblichenen Rot, vollgestopft mit Zeugenaussagen zum Strafverfahren gegen Kurras. Bromboschs Aussage befindet sich in einem handtellerdicken Ordner, der mit einem grauen Deckel und Boden verstärkt ist. Er trägt die Signatur B Rep. 058, Nr. 13052. Die Archivarin hat einen weißen Zettel eingelegt: „Band I., Bl. 37, Aussage Hans-Hermann BROMBOSCH „HANSI“. Vorsichtig blättert er zur Seite 37. Er fängt an zu lesen, halblaut.

„Hansi, weißt du, warum du heute hierherkommen solltest zur Polizei?“

„Ich soll erzählen, was ich gesehen habe, vorgestern, am Freitag.“

„Was hast du denn da gesehen?“

„Wie der Polizist auf einen ,Denunstranten‘ geschossen hat.“

„Das hast du gesehen?“

„Ja, vom Küchenfenster aus.“

„Das erzähle mir bitte mal ganz genau.“

„Na ja, am Küchenfenster habe ich gestanden und gesehen, wie die ganzen ,Denunstranten‘ auf den Hof kamen, und dann hat ein Polizist geschossen.“

Die spätere Auswertung von Fotos und Filmaufnahmen – insbesondere 2009, nachdem bekannt geworden war, dass Kurras Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR war – sowie weiterer Zeugenaussagen ergaben: Ohnesorg wollte den Hof, auf dem Polizisten auf Demonstranten einschlugen und eintraten, verlassen, als ihm zwei Beamte den Weg versperrten. Ein dritter knüppelte auf seinen Kopf ein. Ohnesorg sackte zusammen; zu dritt schlugen sie auf ihn ein. Kurras stand hinter ihm, mit hochrotem Kopf und gezogener Dienstwaffe.

Hans Brombosch liest weiter.

„Hansi überleg nochmal genau, warum du meinst, daß es ein Polizist war, der geschossen hat.“

„Na, weil nur ein Polizist eine Pistole hat, andere Leute haben ja keine Pistole.“

„Weißt du, ob der Mann der geschossen hat, einen Hut oder eine Mütze aufhatte?“

„Nein, einen Hut nicht und eine Mütze auch nicht.“

„Kannst du dich vielleicht erinnern, ob er ein Hemd oder eine Jacke anhatte?“

„Nein, ich weiß nur, daß der Tote ein rotes Hemd anhatte und einen Schnurrbart hatte.“

Benno Ohnesorg hatte das rote Hemd von seiner Frau Christa geschenkt bekommen. Die beiden waren seit fünf Wochen verheiratet und erwarteten im November ein Baby.

Hans Brombosch liest weiter, er liest nicht alles vor.

„Hast du gesehen, ob jemand ein Messer hatte?“

„Nein (...)“

„Wie sah denn die Pistole aus, die du gesehen hast?“

„Schwarz, und weiter weiß ich nichts.“

„Woher weißt du denn, das geschossen worden ist?“

„Na, weil ich einen Knall gehört habe (...)“

„Was war denn das für ein Knall?“

„Das war nur einmal und gar nicht so laut, aber gleich wo der Schuß gefallen ist, ist der Mann umgefallen.“

Kein Messer, ein Schuss, nicht zwei Messer und zwei Schüsse, wie Kurras in seinem Bericht behauptete. Es geht aus dem Dokument nicht hervor, wo Hans seine Aussage machte, wie lange sie dauerte, ob sein Vater oder seine Mutter anwesend waren.

„Das würde heute so nicht mehr ablaufen.“ Da ist sich Hans Brombosch sicher. „Heute wäre ein Psychologe dabei.“ Noch etwas beschäftigt ihn: „Was tatsächlich aufgeschrieben wurde und was nicht, kann ich nicht mehr nachvollziehen.“ Das Protokoll ist nur von der Polizistin unterschrieben.

Zweieinhalb Seiten nimmt die Aussage ein

Zweieinhalb Seiten, inzwischen vergilbt, nimmt die Aussage ein. Am Fuß der dritten Seite vermerkte die Polizistin: „Hans Brombosch machte seine Angaben in recht kindlicher Form. Er wirkte körperlich sehr zierlich und schien auch geistig nicht altersgemäß entwickelt zu sein. Es wurde der Eindruck gewonnen, dass er zwischenzeitlich aufgrund äußerer Einflüsse (Fernsehen, Zeitung, Unterhaltung mit Erwachsenen und Kindern) in keiner Weise in der Lage war, tatsächliches Geschehen wiederzugeben. Er wurde nach der Vernehmung dem Vater übergeben.“ Die Zeilen von „der Eindruck“ bis „wiederzugeben“ sind unterstrichen.

Hans Brombosch schüttelt den Kopf. „Wie sonst, wenn nicht in kindlicher Form! Ich war ja ein Kind!“

Und das Kind war sehr wohl in der Lage, „tatsächliches Geschehen“ wiederzugeben. Längst ist bewiesen, dass Kurras unbedrängt und unbedroht war und nur einmal schoss, sehr wahrscheinlich gezielt. Die Kugel, die Ohnesorg traf, drang hinter dem rechten Ohr von unten nach oben verlaufend ins Gehirn.

Der siebenzeilige Vermerk der Polizistin verhindert, dass Hans auch vor Gericht aussagt.

Der Knall, der Mann im roten Hemd, die schwarze Pistole: Hans sprach ein einziges Mal mit seinem Vater darüber und unterhielt sich mit Freunden, dann verdrängte er das Gesehene und Gehörte.

Kurras wird in zwei Verfahren freigesprochen

„Ich habe mich nicht weiter damit beschäftigt, aber immer wenn ich etwas darüber las, kamen Erinnerungen“, sagt Hans Brombosch. Je mehr er las, desto größer wurde seine Überzeugung, „dass nicht alles mit rechten Dingen zuging“.

Kurras wird in zwei Verfahren, 1967 und 1970, freigesprochen: Der Angeklagte habe sich bedroht gefühlt und daher unkontrolliert gehandelt („putative Notwehr“).  „Ich habe etwas Entscheidendes gesehen, und keiner hat mir geglaubt“, bedauert Hans Brombosch. „Man wollte meine Aussage wohl nicht, weil sie nicht passte.“ Er klappt den Aktenband zu.

Und er klappt einen anderen Band auf. Es geht jetzt nicht mehr nur um seine Aussage. Es geht um das große Ganze. Er überfliegt Zeilen, er begutachtet Fotos. „Auf dem Laubengang über dem Parkplatz, da standen Leute“, sagt er, mehr zu sich selbst, „die haben doch alles mitkriegen müssen!“ Er verschränkt die Arme vor der Brust; es arbeitet in ihm. Seine Verabredung mit der Vergangenheit dauert schon gut vier Stunden. Das Archiv hat eigentlich schon geschlossen. Er will wiederkommen. Er muss.

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