Frauen in Adama lächeln in die Reporterkamera – doch Äthiopiens Alltag ist weiter von ethnischen Feindschaften geprägt.
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Frauen in Adama lächeln in die Reporterkamera – doch Äthiopiens Alltag ist weiter von ethnischen Feindschaften geprägt.

Äthiopien

Zerreißprobe im Vielvölkerstaat Äthiopien

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Premier Abiy Ahmed bekommt heute in Oslo den Friedensnobelpreis – Anerkennung für die demokratischen Reformen, die er umgesetzt hat. Doch zu Hause hat er starke Gegner: ethnisch-nationalistische Gruppen, die mehr Macht für ihre Provinzen wollen.

Das zweite Mal in kaum drei Jahren, dass Murat Ismael seine Bäckerei verlor. „Sie kamen über diesen Hügel“, zeigt der 39-Jährige auf einen Höhenzug, der sich nördlich der Provinzstadt Adama aus dem äthiopischen Hochland erhebt: Von Murats Bäckerei blieb lediglich die betonierte Bodenplatte und ein paar verkohlte Holzstücke übrig. „Mein zwölfjähriger Neffe kam bei dem Angriff ums Leben“, fügt Murat hinzu: Die Bilder von der Beerdigung hat er auf seinem Handy gespeichert.

Murat, der dem äthiopischen Mehrheitsvolk der Oromo angehört, erzählt fast beiläufig von dem Angriff Ende Oktober – als ob es sich dabei um einen ganz alltäglichen Zwischenfall handelte. Tatsächlich gehören Zusammenstöße zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien in Äthiopien inzwischen zur Tagesordnung: Über drei Millionen Menschen haben in den vergangenen Jahren ihr Zuhause verloren. Murats erste Bäckerei ging in Jijiga, der Hauptstadt der Somali-Provinz, in Flammen auf: Dort versuchten militante Somali, sich ihrer oromischen Nachbarn mit Pogromen zu entledigen. Umgekehrt vertrieben Oromo-Milizen im Süden des Landes binnen 14 Tagen fast 800.000 Angehörige des Gedeo-Volkes. „Die Äthiopier haben es mit der größten Massenvertreibung der Welt zu tun“, urteilen die Vereinten Nationen (UN): „Und trotzdem redet keiner darüber.“

Dabei machte der für seine Hungersnöte berüchtigte Staat in jüngster Zeit ausnahmsweise einmal durch hoffnungsvolle Schlagzeiten auf sich aufmerksam. Nach seiner Ernennung im April 2018 ließ der neue Regierungschef Abiy Ahmed die bisher verbotenen Oppositionsparteien wieder zu und zigtausende politischer Häftlingen frei. Außerdem beendete er den seit Jahrzehnten andauernden Kriegszustand mit dem Nachbarland Eritrea, wofür „Äthiopiens Gorbatschow“ der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde. Den wird er heute in Oslo entgegennehmen. Zu unrecht, brummt Murat missmutig: Der Premierminister hätte den Preis niemals erhalten sollen. „Er hat uns verraten“, sagt der Bäcker verdrossen.

Murat Ismael, Oromo, sagt über den vielgelobten Premier: „Er hat uns verraten.

Seit seiner Vertreibung aus Jijiga lebt Murat mit rund 50.000 Schicksalsgenossen im Flüchtlingslager am Nordrand Adamas: Hütten aus Wellblech, Straßen aus Staub, kein Baum, der Schatten spenden könnte. Bei den Bewohnern der trostlosen Siedlung handelt es sich ausschließlich um vertriebene Oromo aus der Somali-Region, die auch an ihrem Zufluchtsort keine Ruhe finden können. Regelmäßig brechen in Adama gewaltsame Konflikte aus – in diesem Fall zwischen Amhara und Oromo. „Auch wenn die Regierung das nicht hören will“, meint ein westlicher Diplomat: „Äthiopien wird von Wellen ‚ethnischer Säuberungen‘ erschüttert.“

Ausgerechnet Abiy Ahmeds Perestroika droht zum Totengräber des Vielvölkerstaats zu werden. In Afrikas einziger Nation, die nur für wenige Jahre kolonialisiert gewesen war, leben über 80 Ethnien: Die Oromo machen 34, die Amhara 26 und die Somali gut sechs Prozent der Bevölkerung aus. Fast hundert Jahre hatten die Amhara mit Kaiser Menelik II und dessen Nachfolger Heile Selassie das Land beherrscht, ihm folgte der „rote Terror“ Mengistus. Nachdem der Militärdiktator 1991 von einer mehrheitlich tigrischen Rebellentruppe aus dem Amt gejagt worden war, musste sich die Minderheit der nordäthiopischen Tigre (knapp sechs Prozent der Bevölkerung) etwas einfallen lassen, um die Mehrheit in Schach halten zu können. Nach dem Teile-und-Herrsche-Prinzip teilten sie das Land in zehn Regionen auf, in denen der jeweils dominierenden Ethnie eine Art Autonomie eingeräumt wurde – unterdessen kontrollierte die tigrische Elite die Zentralregierung.

Doch die ethnische Aufteilung des Landes entwickelte eine Eigendynamik, die Äthiopien heute zu zerreißen droht – manche ziehen bereits Vergleiche mit Jugoslawien. Die Oromo sehen sich als ewige Opfer der äthiopischen Geschichte: erst von den amharischen Kaisern und dann von der tigrisch gesteuerten Zentralregierung unterdrückt. „Ein beispielloses historisches Unrecht“, schimpft Dawud Ibsa, dessen Oromische Volksbefreiungsfront (OLF) jahrzehntelang von Eritrea aus ziemlich erfolglos gegen den äthiopischen Militärapparat ankämpfte.

Heute sitzt der über 70-Jährige in einem bescheidenen Büro im Zentrum von Addis, das ihm die neue Regierung zur Verfügung gestellt hat. Abiy Ahmed hatte den Rebellenchef zur Rückkehr in die Heimat eingeladen. In seinem blauen Maßanzug macht der graumelierte Herr eher den Eindruck eines gutmütigen Großonkels als eines gefürchteten Guerillaführers: Er könne sich eine Verständigung mit dem Friedensnobelpreisträger durchaus vorstellen, meint der einstige Rebellenführer milde. Allerdings kann Dawud nicht beanspruchen, für alle Angehörigen seines Volkes zu sprechen: Längst ist eine neue oromische Bewegung entstanden, die mit ihren Protesten, Boykotten und Straßenschlachten wesentlich effektiver als die OLF-Rebellen gegen die Staatsmacht vorgeht. Ihre Mitglieder nennen sich „Qeeroo“ – nach den unverheirateten Oromo-Männern, die seit Alters her für die Verteidigung ihres Volks zuständig sind.

Sechs Qeeroos, die nicht namentlich genannt werden wollen, sitzen auf der Veranda eines Hotels, das am Kraterrand des malerischen Bischoftu-Sees liegt: Ein geheimnisvolles Gewässer, das in der Mythologie der Oromo eine besondere Rolle spielt. Drei der sechs jungen Männer lernten sich im berüchtigten Maekelawi-Gefängnis von Addis Abeba kennen: Dort waren sie zweieinhalb Jahre im Dunkeln eingesperrt und regelmäßig gefoltert worden. Sie wurden mit Stromkabeln geschlagen, an den Gelenken aufgehängt und von der Decke baumeln lassen oder es wurden spitze Gegenstände in ihren After eingeführt. Dass ihre Terrorismus-Anklage nicht in lauter Todesstrafen mündete, ist Abiy Ahmed zu verdanken: Mit der vom Premierminister angeordneten Amnestie kamen auch die drei Qeeroos frei.

Hoffnungsträger für viele: Premier Abiy Ahmed.

Von Dankbarkeit wollen sie trotzdem nichts wissen. Abiy Ahmed, der einen oromischen Vater und eine amharische Mutter hat, sei von der Äthiopischen Revolutionären Demokratischen Volksfront (EPRDF) nur deshalb zum ersten oromischen Regierungschef in der Geschichte des Landes bestellt worden, weil Äthiopien andernfalls im Chaos untergegangen wäre, sagt der älteste der jungen Männer: „Die politische Öffnung ist unserem Widerstand zu verdanken. Abiy Ahmed sucht von der alten Ordnung noch zu retten, was zu retten ist.“

Vom „ethnischen Nationalismus“, den sich die Qeeroos auf die Fahne schrieben, hält Äthiopiens Gorbatschow tatsächlich nichts. Kürzlich verwandelte er seine Partei – die aus ethnisch definierten Organisationen zusammengesetzte EPDRF – in die unitäre „Wohlstands-Partei“. Berhanu Nega, dem die einstigen Machthaber vor 14 Jahren seinen Wahlsieg zum Bürgermeister der Hauptstadt gestohlen haben, begrüßt Abiy Ahmeds jüngsten Schachzug: „Zum ersten Mal in unserer Geschichte besteht die Chance, dass Äthiopien in einen demokratischen Staat verwandelt wird.“

Ob es tatsächlich so weit kommt, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Auch unter den Amhara, Somali, Gedeo und Tigre haben sich längst nationalistische Organisationen mit bewaffneten Milizen gebildet: Sie treten für eine föderale Republik ein, deren Teile weitestgehende Autonomie – unter anderem auch eigene Streitkräfte – haben sollen.

Die sechs auf der Hotel-Terrasse sitzenden Qeeroos bestehen darauf, dass sie ihre Mehrheit nicht dazu missbrauchen wollten, nun ihrerseits die kleineren Bevölkerungsgruppen des Landes zu dominieren: „Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft das ist“. Doch auf die Frage, ob sie sich in erster Linie als Oromo oder als Äthiopier betrachten, antworten sie wie aus der Pistole geschossen: „Natürlich als Oromo!“ Wie lässt sich auf diese Weise ein Staat fundieren?

Als gefährlichster Gegner Abiy Ahmeds stellte sich inzwischen Jawar Mohammed heraus: Sowohl Bäcker Murat als auch die sechs Qeeroos drücken ihre Bewunderung für den 33-Jährigen aus. Der oromische Geschäftsmann lebt seit seiner Studentenzeit nicht mehr zu Hause: Er ist US-Bürger mit Wohnsitz in Minneapolis, wo er das „Oromia Media Network“ aufbaute. Mit seinem Fernsehkanal und fast zwei Millionen Facebook-Jüngern machte er sich zunächst in der äthiopischen Diaspora in den USA einen Namen, mischt jedoch bereits seit Jahren mit der von ihm gegründeten „International Oromo Youth Association“ bei der Organisation der Aufstände der Qeeroo mit. „Er ist unser Führer“, sagen die sechs jungen Männer auf der Terrasse des Hotels.

Ende Oktober stattete der junge, in US-Eliteuniversitäten ausgebildete Hitzkopf seiner Heimat einen Besuch ab. Auch er möchte an den kommenden Wahlen teilnehmen – muss dazu allerdings erst einmal die äthiopische Staatsbürgerschaft wieder erwerben. In der Nacht zum 24. Oktober postete Jawar auf Twitter, äthiopische Polizisten hätten das Sicherheitspersonal vor seiner Villa zu vertreiben versucht, um einen Angriff auf ihn auszuüben: Ein Vorwurf, den die Regierung entschieden zurückweist. Trotzdem fanden sich in Windeseile Hunderte von Qeeroos vor Jawars Villa ein, die in derselben Nacht auch in anderen Städten wie in Adama auf die Straße gingen. In den darauffolgenden Tagen kam es zu zahlreichen blutigen Zusammenstößen zwischen Angehörigen verschiedener Volksgruppen, die landesweit 84 Menschen das Leben kosteten. Darunter auch Bäcker Murat Ismaels Neffe.

Die Ausschreitungswelle blieb weitgehend folgenlos. Abiy Ahmeds Sicherheitskräfte nahmen weder Qeeroos noch deren Gegner fest. „Irgendwann“, sagt Oppositionspolitiker Behanu Nega, „wird die Regierung jedoch Zähne zeigen müssen.“ Der ausgebildete Ökonom macht eine gefährliche Verschiebung der Macht weg von der Zentralregierung und hin zu den ethnisch nationalistischen Provinzfürsten aus: „Noch ist der Zentralstaat nicht kollabiert, aber er wackelt.“

Während die Qeeroos Abiy Ahmed Verrat an der Sache der Oromo vorwerfen, wird dem Nobelpreisträger von nationalistischen Vertretern anderer Volksgruppen unterstellt, insgeheim die Machtübernahme der Oromo zu betreiben. Dass seinem Personenschutz nur Angehörige der eigenen Ethnie angehörten, wird als Indiz dafür herangezogen. Wer den Premier besser kennt, hält solche Beschuldigungen für absurd. Abiy Ahmed sei ein „aufrichtiger und seriöser Politiker“, sagt Berhanu Nega, der selbst für die kommenden Wahlen kandidieren wird: „Keine Frage, dass er dieses Land in eine Demokratie verwandeln will.“

Doch ob er sich gegen die zahllosen nationalistischen Provinzfürsten durchsetzen kann, wird sich erst noch herausstellen müssen: „Eine zweite Chance“, ist Berhanu Nega überzeugt, „wird Äthiopien so schnell nicht wieder bekommen.“

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