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Streit um Winnetou: „Zensurdebatten sind schwierig, wenn der Gegenstand so banal ist“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Auf der Jagd nach der rechten Sprache: Mika Ullritz (l.) als Winnetou und Milo Haaf als Tom Silver in einer Szene des Films „Der junge Häuptling Winnetou“.
Auf der Jagd nach der rechten Sprache: Mika Ullritz (l.) als Winnetou und Milo Haaf als Tom Silver in einer Szene des Films „Der junge Häuptling Winnetou“. © dpa

Die Literaturwissenschaftlerin Gina Weinkauff über die Vermittlung von Bildern fremder Kulturen in Kinderbüchern – und wie mit Stereotypen umgegangen werden sollte.

Frau Weinkauff, der Ravensburger Verlag hat sich entschieden, ein Kinderbuch und andere Artikel zu dem Film „Der junge Häuptling Winnetou“ aus dem Handel zu nehmen, weil darin „verharmlosende Klischees“ über die Behandlung der indigenen Bevölkerung verbreitet würden. Nun hagelt es Proteste gegen diese Entscheidung des Verlags, von angeblicher Zensur ist die Rede. Wie bewerten Sie das?

Als aufgeregt. Dieser Verlag hat ja ein breites und vielfältiges Programm. Dass er die Produkte nun zurückgezogen hat, hängt wohl auch damit zusammen, dass man sich um ihretwillen nicht auf eine Auseinandersetzung mit den Kritikern einlassen wollte. Zensurdebatten stellen sich als etwas schwierig dar, wenn der Gegenstand so banal ist.

Wie gängig sind solche Klischees in Kinder- und Jugendliteratur?

Die Vermittlung von Bildern fremder Kulturen geht nahezu zwangsläufig mit der Verwendung entsprechender Stereotype einher. Ästhetisch anspruchsvolle Literatur macht diese Stereotypen aber im besten Fall sichtbar, spielt damit, dekonstruiert sie oder ironisiert sie.

Streit um Winnetou: Kinder sollten in ihrem Alltag viele Erfahrungen mit kultureller Diversität sammeln

Wie sollten Eltern mit ihren Kindern über solche Inhalte sprechen?

Das hängt sehr vom Alter der Kinder ab, von ihren Lese- und Medienrezeptionsinteressen und davon, welche Fragen die Kinder selbst haben. Es ist nach meiner Ansicht völlig in Ordnung, problematisch erscheinende Worte beim Vorlesen für kleinere Kinder einfach zu ersetzen oder wegzulassen. Spätestens dann, wenn die Kinder oder Jugendlichen solche Worte in ihren aktiven Wortschatz aufnehmen, sollte man darüber reden. Es wäre im Übrigen wünschenswert, wenn Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag möglichst viele Erfahrungen mit kultureller Diversität sammeln könnten. Die fehlen zu häufig – und das finde ich, ehrlich gesagt, weitaus problematischer als das N-Wort in älteren Pippi Langstrumpf-Ausgaben.

Zur Person

Gina Weinkauff lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik an der Uni Bielefeld. Die Frankfurterin, Jahrgang 1957, forscht über Fremdwahrnehmung und Kulturtransfer in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. pit

Das aus dem Handel genommene Buch stammte nicht von Karl May, sondern griff nur seine Figuren auf. Würden Sie heutigen Jugendlichen die Werke von Karl May zum Lesen empfehlen?

Die meisten Jugendlichen scheitern an den weitschweifigen Landschaftsbeschreibungen. Karl May war ja über viele Jahrzehnte ein beliebtes Feindbild der Literaturpädagogen und trotzdem oder gerade deswegen begeisterten sich die jungen Leser für seine Abenteuer- und Reiseerzählungen. Das sind aber tempi passati. Ob Karl May Verständnis für indigene Völker wecken wollte, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Auf jeden Fall besaß er ein großes Talent im Umgang mit literarischen Vorlagen, aus deren Motiven er gewaltige Erzählkosmen und farbenfrohe Bilder des Orients oder des Wilden Westen entstehen ließ. Dabei arbeitete er auch mit positiven und negativen kulturellen Stereotypen, etwa bei der Gegenüberstellung von Apachen und Komantschen, bei der er wiederum auf entsprechende Vorbilder bei James Fenimore Cooper zurückgriff.

Gina Weinkauff
Gina Weinkauff © Margot Dive

Streit um Winnetou: Wandel des kulturellen Status der Kinderliteratur

Wie sieht es mit dem Film „Der junge Häuptling Winnetou“ aus, um den es aktuell geht?

Auch der Drehbuchautor und Regisseur des Films „Der junge Häuptling Winnetou“ hat auf literarische Vorlagen zurückgegriffen. Auf Karl May natürlich. Aber für die Filmhandlung scheint mir der Rückgriff auf Ursula Wölfels 1959 erschienenen Kinderbuchklassiker „Fliegender Stern“ prägend zu sein. Hier wie dort wird von einem Indianerjungen erzählt, der sich, entgegen den Verboten seiner Eltern, gemeinsam mit einem Freund auf die Suche nach den Büffeln macht, die von den Weißen vertrieben wurden. Ursula Wölfel war nicht nur eine meisterliche Erzählerin. Mit Blick auf die Ernsthaftigkeit der Konfliktgestaltung und die Darstellung des Generationenverhältnisses gelang ihr mit diesem Buch zudem ein eindrucksvoller Vorgriff auf die Kinderliteratur der 1970er Jahre. Der Film, der in so hohem Maße von der nicht erklärten Vorlage profitiert, wirkt dagegen geradezu verstaubt.

Der Fall „Winnetou“ steht in einer Reihe ähnlicher Diskussionen über die Ersetzung des rassistischen N-Worts in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ und in Otfried Preußlers „Kleine Hexe“. Was wünschen Sie sich in diesen Diskussionen – und was kann Ihre Wissenschaft beitragen?

Idealerweise könnte die Kinder- und Jugendliteraturforschung zur Versachlichung und zur Reflexion beitragen. Die Bearbeitungen von Kinderbuchklassikern nach den Regeln der politischen Korrektheit zeugen nicht zuletzt von einem Wandel des kulturellen Status der Kinderliteratur. Lange Zeit galten pädagogisch begründete Anpassungen im Falle von Übersetzungen oder Kinderbuchausgaben von Klassikertexten als geradezu selbstverständlich. Seit den 1960er Jahren begann sich das zu ändern und die Usancen innerhalb der Kinderliteraturszene glichen sich etwas den entsprechenden Praktiken in der allgemeinen Literatur an. Wie es scheint, ist dieser Prozess nicht unumkehrbar. Das Bemühen um Tilgung diskriminierender Begriffe in kinderliterarischen Texten erinnert an die ideologiekritische Phase der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Im Interesse einer differenzierteren Analyse von kulturellen Stereotypen wäre es gut, auch die Diskussionen im Blick zu behalten, die auf diese Phase folgten.

Interview: Pitt von Bebenburg

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