Bei Zellenumbauten in Stammheim verschwanden Werkzeuge

Leiter der Vollzugsanstalt weiß vor dem Landtags-Untersuchungsausschuß von mancherlei Ungereimtheiten zu berichten

Von unserer Korrespondentin Renate Faerber

STUTTGART. Erstaunliches berichtete am Montag der frühere Leiter der Vollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, Hans Nusser, bei seiner Vernehmung vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß im Stuttgarter Landtag der die Stammheimer Selbstmorde aufklären soll. Während der Zellenumbauten im Mai und Juni dieses Jahres standen Gipssäcke auf dem IJmschlußflur herum. Die Baader-Meinhof-Häftlinge hatten Kontakt mit den beim Umbau Beschäftigten, fragten auch schon einmal, wie man zum Beispiel Gips mischt. Eines Tages verschwanden auch Werkzeuge (eine Zange, ein Schraubenzieher, möglicherweise auch ein Stemmeisen) kurzfristig und tauchten erst wieder in einer 'gut sichtbaren Ecke auf', nachdem ein Beamter den Häftlingen erklärt hatte, man würde die ganzen Zellen auf den Kopf stellen, wenn die Werkzeuge nicht sofort wieder herausgerückt würden. Nusser, der inzwischen zur Staatsanwaltschaft Stuttgart abgeordnet wurde erklärte, an eine akute Selbstmordgefahr habe keiner der Bediensteten in Stammheim geglaubt, eine latente Selbstmordgefahr sei dagegen seit Jahren immer wieder und besonders während der Hungerstreik-Phasen vorhanden gewesen. Bekannt wurde während der Vernehmung Nussers erstmals, daß Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller nach der Kontaktsperre, bis zum 4. Oktober, 14 Tage lang im Hungerstreik waren. Beginn und Ende des Hungerstreiks seien durch Zurufe von Andreas Baader aus der geschlossenen Zelle heraus koordiniert worden. Der frühere Anstaltsleiter blieb dabei eine Möglichkeit, Selbstmorde zu verhindern, habe es nicht gegeben. Das wirksamste Mittel, nämlich die Verlegung in Gemeinschaftszellen, sei wegen der Kontaktsperre weggefallen. Stündliche Zellenkontrollen hätten höchstens Alibifunktion und seien für die Gefangenen 'außerordentlich belastend'. Das gleiche gelte für Dauerkontrollen bei ständigem Licht. Dies sei einvernehmlich, vor allem auch nach Warnungen des Gefängnisarztes Henck, abgelehnt worden, da dieser befürchtet habe, durch eine solche Maßnahme würde die Selbstmordgefahr akut werden. Den 'lakonischen Bescheid des Ministers' vom 10. Oktober, also eine Woche vor den Selbstmorden, alles zu tun, um einen Suizid zu verhindern, habe man nicht als hilfreich empfunden. 'Wir wußten nicht, was wir hätten tun können.' Vieldeutige Drohungen, die heute nachträglich als Selbstmorddrohungen ausgelegt werden könnten, habe man damals immer als Drohung, wieder in den Hungerstreik zu treten, interpretiert. Konkrete Fragen an die Gefangenen, ob sie am Selbstmord dächten, seien von diesen immer verneint worden. Wenn er überhaupt an Selbstmord in diesem Zusammenhang gedacht hätte, dann höchstens bei Raspe. 'Ich hatte immer den Eindruck, daß Baader eher andere vorschickt.' Ansonsten habe er - Nusser - den Eindruck gehabt, daß die Gefangenen 'bis an den Rand gehen, aber eine echte Todesbereitschaft nicht vorliegt'. Auf die Frage eines Parlamentariers, was denn seine Reaktion gewesen sei, als er von den Pistolen in den Zellen gehört habe, sagte Nusser: 'Ich war entsetzt. Ich habe das für absolut unvorstellbar gehalten.' Nusser wies darauf hin, daß noch am 6. September, also in der Nacht nach der Schleyer-Entführung, 20 bis 25 Polizeibeamte eine ganze Nacht lang alle Zellen durchsucht hatten und man am nächsten Morgen sehr erleichtert darüber gewesen sei, nun zu wissen, 'daß das da droben sauber ist'. Nusser berichtete auch vom Dilemma in der Haftanstalt, deren Haftbedingungen ständiger Kritik ausgesetzt waren. 'Heute schreibt die Presse vom süßen Leben in Stammheim, vor zwei Jahren hat man von Haftbedingungen gesprochen, die den Prozeß gefährden könnten.' Nusser verteidigte die Zellenkontrollen durch die Vollzugsbeamten und erklärte, sie seien gründlich gewesen und hätten häufig eine halbe Stunde gedauert. Das Problem seien die vielen Bücher (über 2000) in den Zellen gewesen. Trotzdem seien in der letzten Zeit die Zellenkontrollen 'fast optimal' gewesen. Die Bücher habe man während der Kontaktsperre bewußt nicht aus den Zellen geholt. 'Das hätte gerade in dieser Zeit als Schikane ausgelegt werden können.'' Nusser räumte ein, daß eine Hausanweisung aus dem Jahre 1974, in der die Höchstzahl an Büchern auf 30 pro Zelle festgesetzt war, nie aufgehoben worden sei. FR vom 22. November 1977

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