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Einen Konditormeister aus Brühl ließ die Versicherung überwachen ? dann folgte die Kündigung.

"Die Zeiten der Kulanz sind vorbei"

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Verbraucherschützerin Elke Weidenbach zu Fallstricken privater Krankenversicherungen.

Frau Weidenbach, viele gesetzlich Versicherte blicken neidisch auf Privatpatienten. Wie zufrieden sind denn diese Versicherten mit ihren Privatkassen?
In unseren Beratungsstellen gibt es den meisten Unmut von Privatversicherten über die oft enormen Beitragssteigerungen. Ähnliche Erfahrungen macht der Ombudsmann der Versicherungen. Oft klagen Verbraucher, dass die von der Einkommenshöhe abgekoppelten Beiträge schon wieder steigen: Oft gibt es auch Streit, weil die Versicherung die medizinische Notwendigkeit von Behandlungen anzweifelt, wenn Uneinigkeit über die Auslegung des Vertrages oder über die Erstattung bestimmter Arznei- und Heilmittel herrscht.

Beim Ombudsmann steigt die Zahl der Schlichtungsfälle seit Jahren. Wie erklären Sie sich das?
Auch bei den Privatversicherungen steigt der Kostendruck. Als Privatunternehmen müssen sie Gewinne erwirtschaften, während zugleich die Rechnungen der Versicherten immer höher ausfallen, weil es immer mehr medizinischen Innovationen gibt, die immer teurer werden. Das ist die Entwicklung der vergangenen Jahre: Wie viele Menschen wurden vor 15 Jahren schon ins MRT geschickt? Das ist heute, wenn es medizinisch angeraten ist, fast üblich.

Wie wirkt sich der Kostendruck auf die Versicherten aus? Werden häufiger Behandlungen verweigert?
Nein, die üblichen Behandlungen können die Versicherer kaum beeinflussen. Wenn ein Arzt eine OP im Rahmen der Gebührenordnung für nötig hält, wird das keine Versicherung verweigern. Sie versuchen eher zu sparen, indem sie die Rechnungen als fehlerhaft beanstanden. Auch die Zeiten, in denen Versicherungen im Zweifel Kulanz zeigten, sind vorbei. Heute prüfen sie auch, ob jemand wirklich „arbeitsunfähig krank“ ist, sodass sie Krankentagegeld zahlen müssen – oder nicht. Sie zweifeln, ob jemand wirklich krank ist und wollen Blaumacher überführen, indem sie Kranke zu den Vertrauensärzten der Versicherung schicken oder nach Arztunterlagen fragen. Außerdem prüfen sie, ob ein Versicherter „nur“ länger krank ist oder schon berufsunfähig, sodass private oder andere Versorgungssysteme zuständig sind. 

Wenn man also die Wahl hat: Worauf muss man achten, bevor man eine private Krankenversicherung abschließt?
Zuerst muss man genau prüfen, ob eine private Krankenversicherung wirklich das passendste Modell ist. Selbstständige haben die Wahl, zur Privatkasse zu gehen. Auch bei Angestellten, deren Verdienst über der Pflichtversicherungsgrenze liegt, muss das Angebot zur Lebensphase und Lebensplanung passen. Will man etwa Kinder, muss man einplanen, den Beitrag für jedes mitversicherte Familienmitglied zu zahlen: für Partner, die nicht arbeiten und sich etwa um die Kinder kümmern; auch für jedes Kind. So können sich Beiträge über 1000 Euro im Monat summieren, da kommen bei manchem die Einnahmen kaum nach.

Die Beiträge sind nicht also nicht einkommensabhängig wie bei gesetzlichen Kassen?
Nein, Privatkassen berechnen den Beitrag vor allem nach Eintrittsalter, gesundheitlichen Risiken und gewünschtem Versicherungsschutz. Deshalb lohnen sie sich weniger, wenn man älter als 45 ist. Auf jeden Fall muss man einen Vertrag wählen, der nicht nur heute passt, sondern auch in Zukunft. Zum Beispiel sollte er auch Heilmittel erstatten, die erst nach Vertragsabschluss auf den Markt kommen.

Was ist aus Verbraucherschutz-Sicht das Drängendste, das in diesem Feld unzureichend reguliert ist?
Dringend nötig ist eine Reform der Gebührenverordnung für Ärzte. Die ist seit zig Jahren überfällig. Viele neue Behandlungsverfahren fehlen darin. Wir erleben in unserer Beratung häufig, dass die Kasse eine passende Behandlung nicht oder nur teilweise übernimmt – einfach, weil sie nicht in der Verordnung verankert ist. 

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