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Russlands Dauerpräsident als gütiger Vater seines Volkes: Putin zu Besuch bei Flutopfern in Irkutsk im Juli.

Russland

Das Zeitalter Putin

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Seit 20 Jahren regiert der einstmals als unscheinbar abgetane Ex-Geheimdienstler aus St. Petersburg ein neues Zarenreich.

Die historischen Bilder zeigen einen schmächtigen und eher kleinen Mann. Mit seinen 46 Jahren steht er wie ein Schüler vor dem übermächtig wirkenden, einen halben Kopf größeren Präsidenten Boris Jelzin, 68. Es ist der 9. August 1999, und Jelzin hat Wladimir Putin, scheinbar unscheinbarer Chef des Geheimdienstes FSB, die post-sowjetische Fortführung des KGB, soeben zum russischen Ministerpräsidenten ernannt. Wohl kein Beobachter der Kremlzeremonie ahnt in dem Moment, dass er Weltgeschichte erlebt. Doch so ist es. Denn in Wahrheit ist Jelzin schwach, nicht Putin.

Der Petersburger Arbeitersohn, der Jura studiert und beim Geheimdienst Karriere gemacht hat, ergreift die Chance, die ihm Jelzin da so hochoffiziell bietet. Er führt Krieg in Tschetschenien und wird auf einmal populär. Zur Jahrtausendwende legt der herzkranke, vom Wodka gezeichnete Jelzin das Schicksal Russlands in die Hände Putins. Anfangs glauben viele, der würde leicht lenkbar sein. Doch das erweist sich als grandioser Irrtum. Heute, 20 Jahre später, ist Putin nicht nur einer der erfahrensten, sondern längst auch einer der mächtigsten Staatenlenker weltweit. Er wird im Inland wie im Ausland bewundert und gefürchtet, verehrt und gehasst. Eines aber schwingt immer mit, wenn die Rede auf Putin kommt: Respekt.

Tatsächlich kreiste Putins Präsidentschaft von Anfang an um die Wiedergewinnung von nationaler Würde. Denn Russland lag am Boden. Nach dem Untergang der Sowjetunion war das Riesenreich kollabiert. Der Staat zahlte keine Renten und Gehälter mehr. Die berüchtigten Oligarchen, die nichts anderes waren als Mafia-Paten, rissen mittels Mord und Terror das Volkseigentum an sich. 1998 raubte die Rubel-Krise den Russen die letzten Ersparnisse. Im Jahr darauf vollzog die Nato ihre erste Osterweiterung.

Wer die Putin-Ära bilanzieren wollte, müsste zuallererst an das nationale russische Trauma erinnern, das mit dem Untergang des Sowjetimperiums einherging. Bei aller sozialistischer Ideologie war es doch immer eine Fortführung des Zarenreichs, die Dominanz der Russen über alle anderen Sowjetvölker. Das ist der Schlüssel zu allem. Dem neuen Präsidenten gelang es dank sprudelnder Einnahmen aus Öl- und Gasgeschäften zwar schnell, die Ökonomie zu stabilisieren. In der Außenpolitik erwiesen sich die Dinge aber als sehr viel komplizierter.

Anfangs setzte Putin, der als KGB-Offizier in der DDR gedient und Deutsch gelernt hatte, auf den Westen, wie seine berühmte Rede in Berlin im September 2001 zeigte. Zwei Wochen nach den Terroranschlägen in New York trat der Russe im Bundestag ans Mikro und bot „in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant“ eine neue Partnerschaft von Ost und West an. „Wir tun dies als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg und der verderblichen Okkupationsideologie gezogen hat.“ Unterm Strich schlug Putin nichts weniger als Russlands Integration in Europa vor, ohne „den großen Wert der Beziehungen zu den USA in Zweifel zu ziehen“. Abgeordnete aller Parteien gaben stehend Applaus.

Sprache, Tonfall und Inhalt änderten sich jedoch bald, und als Putin im Februar 2007 ans Mikrofon der Münchner Sicherheitskonferenz trat, ließ er Goethe und Kant beiseite. Die deutsche Sprache auch. Auf Russisch zeichnete er das Bild einer Welt „mit einem einzigen Hausherren: In der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft wird das System der USA anderen Nationen übergestülpt.“ Das sei tödlich für alle, denn das Machtstreben gehe mit einer „unbegrenzten Anwendung von Gewalt einher“. Viele Zuhörer waren sichtlich geschockt – als hätten sie erst jetzt begriffen, was zwischen 2001 und 2007 geschehen war.

Nach 9/11 hatten die USA noch mit russischer Unterstützung in Afghanistan interveniert. 2003 aber stellte sich Putin an der Seite von Franzosen und Deutschen gegen die Invasion von Bushs USA im Irak. Vergeblich. Erfolglos blieb auch Putins Widerstand gegen das Ausgreifen der Nato nach Osten: Im März 2004 traten sieben Länder des einstigen Warschauer Paktes der nordatlantischen Militärallianz bei. In Russland wuchsen Einkreisungsängste, und als im Herbst 2004 in der Ukraine die prowestliche Revolution in Orange losbrach, die von Berateragenturen, Meinungsforschungsinstituten und Diplomaten aus den USA unterstützt wurde, schien auf einmal auch ein Regimewechsel in Moskau nicht unmöglich.

In München sagte Putin kaum zufällig: „Man lehrt uns ständig Demokratie. Nur die, die uns lehren, haben selbst keine rechte Lust zu lernen.“ Was folgte, wirkt im Rückblick fast so zwingend wie der Ablauf einer Kettenreaktion. Als sich Putin, der die Präsidentschaft aus verfassungstechnischen Gründen für vier Jahre an seinen Vertrauten Dmitri Medwedew übergeben hatte, 2012 zur Wiederwahl stellte, protestierten Zehntausende gegen die Polit-Show an der Staatsspitze. Doch Putin ließ die Demonstrationen zusammenknüppeln – ein Drama, das sich bis in die Gegenwart hinein vielfach wiederholte und in mehreren Morden an Regimegegnern traurige Tiefpunkte fand.

Putin, daran gibt es nun keine Zweifel mehr, hat Russland in seinem Ringen um Würde in eine Autokratie mit Zügen einer Diktatur verwandelt. In der Außenpolitik hat er alle Bemühungen um eine Annäherung an den Westen aufgegeben, wie sich spätestens 2014 zeigte, als russische Truppen die ukrainische Krim eroberten.

Es folgten die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel und ein immer noch vor sich hin dümpelnder Krieg, den prorussische Söldner in der Ostukraine entfachten. „Wir haben uns die Krim zurückgeholt“, kommentierte Putin das Geschehen. Einen Teil seiner Würde jedoch hat Russland unter dem späten Putin wieder preisgegeben.

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