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Die Menschen sollen selbst über ihre Zeit bestimmen, fordert das Manifest.

Zeit ist Leben

Wider die populäre Forderung nach einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit / Manifest der Deutschen Gesellschaft für ZeitpolitikEine Gesellschaftspolitik der Zeiteinteilung fordern die Autoren. Anders könne der übermäßigen zeitlichen Belastung durch Familie und Beruf im Alter zwischen 25 und 45 Jahren nicht begegnet werden.

"Eine moderne Zeitpolitik hat zum Ziel, jedem Menschen die Teilhabe an dem sozialen und kulturellen Leben zu ermöglichen, das in und jenseits der Arbeit stattfindet."

Statt Arbeitszeitverlängerung brauchen wir einen Perspektivwechsel auf eine intelligente, an den Bedürfnissen von Menschen ausgerichtete Arbeitskultur und Zeitpolitik. Das Manifest der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik schlägt "Zeit für Zeit" vor - die Schaffung zeitlicher Spielräume, um Individuen und Gruppen die Chance der Reflexion und Umgestaltung der zeitlichen Bedingungen, die sie umgeben, zu erlauben.

Für eine selbstbestimmte Flexibilisierung

Das zeitpolitische Leitbild der "selbstbestimmten Flexibilisierung" räumt den Menschen das Recht ein, Dauer und Rhythmus der beruflichen Arbeit über den gesamten Lebenslauf differenziert zu gestalten. Die Arbeitszeit soll mit den Lebenslagen und subjektiven Bedürfnissen vereinbar sein. Der Realisierung dieser Perspektive stehen Forderungen nach einer allgemeinen Verlängerung von Arbeitszeiten entgegen. Solche Forderungen sind unter beschäftigungs- wie sozialpolitischen Aspekten wenig durchdacht und im Ergebnis kontraproduktiv.

In der zunehmend differenzierten ?Gesellschaft der Individuen erweist sich ein durchgehend standardisiertes "Normalarbeitsverhältnis" mit täglichen oder wöchentlichen "Normalarbeitszeiten" als wenig tauglich. An seine Stelle müssen differenzierte Lösungen treten, die den konkreten Bedürfnissen und Lebenslagen der Menschen gerecht werden. Das Ziel verkürzter, individuelle Bedürfnisse in Rechnung stellender Arbeitszeiten lässt sich in einem Spektrum verschiedener Modelle verwirklichen, die jeweils spezifische Vorteile und Gestaltungsprobleme aufweisen. Während zum Beispiel das Konzept der "kurzen Vollzeit für Alle" - etwa in Gestalt einer 32-Stunden-Woche - den Blick auf die tägliche oder wöchentliche Erwerbsarbeitszeit richtet, steht beim Konzept des "Lebensarbeitszeit-Kontos" die individuelle Verteilung der Arbeitszeiten in verschiedenen Lebensphasen im Blickpunkt. Beide Konzepte verfolgen gemeinsam das Ziel, die großen Zeitanteile, die heute in Erwerbsarbeit gebunden sind, für andere individuelle und gesellschaftliche Zwecke zu verwenden und damit zu einer übergreifenden Verkürzung der Lebensarbeitszeit beizutragen.

Beide Modelle der Arbeitszeitpolitik verbindet die Verpflichtung auf die Ziele, Arbeitsplätze und Beschäftigungschancen gerecht und solidarisch zu verteilen und die individuelle wie die gemeinschaftliche Lebensplanung zu erleichtern.

Mit Blick auf die wachsende Vielfalt von Lebensformen und Zeitinteressen werden starre, uniforme Modelle der Erwerbsarbeitszeit keinen Bestand haben. Um aus diesem Wandel positive Gestaltungsspielräume für alle Individuen erwachsen zu lassen, bedarf es unterstützender gesellschaftlicher und staatlicher Regelungen. Intelligente Formen der flexiblen Re-Regulierung müssen dem Umstand Rechnung tragen, dass die Entgrenzungsprozesse von Arbeit und Arbeitszeit sozial riskant sind. Die Eröffnung individueller Spielräume und zeitpolitischer Optionen verlangt nach einem normativen Rahmen, der Grenzen zieht. Der Begriff "flexicurity" umschreibt Vorkehrungen, die der Berufsarbeit organisatorische Spielräume schaffen, ohne den Arbeitenden die volle Last der damit verbundenen Risiken aufzubürden.

Notwendig ist die Entdeckung einer Lebenslaufpolitik

Ein Zwang zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist weder ökonomisch noch sozial gerechtfertigt. Wird nämlich auf der einen Seite versucht, durch längere Lebensarbeitszeiten die Rentenkassen zu entlasten, drohen auf der anderen Seite höhere Arbeitslosigkeit und entsprechend höhere Ausgaben der Arbeitslosenversicherung. Demgegenüber können das Angebot und ein Recht auf Altersteilzeit bei sinnvoller Ausgestaltung eine Beschäftigungsbrücke zwischen Alten und Jungen bilden. In Phasen hoher Massenarbeitslosigkeit kann das jungen Menschen Chancen bieten und zur Generationengerechtigkeit beitragen. Dafür wären neue Wahlmöglichkeiten in Bezug auf Lage und Länge der Erwerbsarbeit im Lebensverlauf einzuräumen. Dass im Lebensverlauf mit individuell unterschiedlichem Zeiteinsatz gearbeitet werden kann, entspricht auch den Wünschen vieler Menschen, schrittweise aus der Erwerbsarbeit ausgleiten können.

Die Lebensphase zwischen 25 und 45 Jahren ist für viele Menschen durch hohe Zeitbelastungen und -zwänge gekennzeichnet. Die in eine kurze Lebensspanne zusammengedrängten Aktivitäten (z. B. Engagement für das berufliche Fortkommen, Familiengründung und Kindererziehung, materielle Absicherung der Zukunft) bilden eine atemlos machende "rush hour of life". Diese Lebensphase müsste entlastet und zeitlich entzerrt werden. Das könnten zum Beispiel "Ziehungsrechte" und nachhaltig gestaltetet Langzeitkonten bewirken. Hierzu bedarf es eines verlässlichen rechtlichen und tarifpolitischen Rahmens. Das Recht auf Teilzeit weist in die richtige Richtung.

Gerade in der Phase, in der die Weichenstellung in der beruflichen Entwicklung mit dem Kinderwunsch zusammenprallt, fehlen für beide Geschlechter ausreichende Mittel, der programmierten "Zeitfalle" entgehen zu können. Zum Beispiel trägt bei qualifizierten Arbeitskräften die Ermutigung zur Teilzeitarbeit, die bislang kaum verbreitet ist und vor allem im männlich geprägten Management Vorbehalten begegnet, zur zeitlichen Entspannung und zur Entzerrung der besonders verdichteten Belastungsphasen bei. Hier zeigt sich, dass eine auf das Erwerbsleben bezogene Zeitpolitik zuallererst die öffentliche Infrastruktur - Kinderbetreuung, Koordination von Arbeits-, Schul- und Kinderbetreuungszeiten und so weiter - entscheidend verbessern muss.

Eine wachsende Zahl von Erwerbstätigen nimmt die schematische und mit gesetzlichem Zwang verbundene Grenzlinie zwischen Erwerbstätigen-Alter und Pensions-Alter nicht mehr unwidersprochen hin. In Berufen, die auf dem Interesse für die Arbeitsinhalte und auf einem Mehr an Verantwortung beruhen, werden starre "Altersgrenzen" zunehmend in Frage gestellt. Ein Teil der älteren Beschäftigten wünscht eine Lockerung von starren Altersgrenzen. Die moderne Wissensgesellschaft ist auf deren Erfahrung angewiesen. Hier sind kreative Lösungen zu suchen - die erzwungene Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist da allerdings kein Königsweg.

Mit der gestiegenen Lebenserwartung sind die Gestaltungsinteressen der Menschen in der "dritten" Lebensphase gewachsen. Sie gelten nicht nur der Erholung und Muße. Viele Ältere wollen einen neuen Anfang machen und gesellschaftliches Engagement zeigen, das ihnen aus zeitlichen Gründen im aktiven Berufsleben verwehrt war. Sie wollen im Familien- und Freundeskreis helfen, Wissen und Erfahrung weitergeben, sich durch "Bürgerarbeit" um das Gemeinwohl kümmern. Solche selbst gewählten Tätigkeiten dienen der Selbstverwirklichung und decken zugleich wichtige gesellschaftliche Bedarfe (zum Beispiel Enkelbetreuung, wechselseitige Pflege, kulturelle Aktivitäten). Diese neuartigen Tätigkeitsfelder müssen infrastrukturell gestützt, politisch gefördert und vor allem öffentlich stärker anerkannt werden. Als mögliche Organisationsformen dieses Engagements bieten sich zum Beispiel Freiwilligenagenturen oder Senioren-Partner-Modelle an.

Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Partnerschaft darf nicht länger nur als Herausforderung an die weibliche Hälfte der Gesellschaft formuliert werden - während der männliche Berufsverlauf weiterhin frag- und klaglos als "kinderfreie" Zone gilt. In den klassischen Drei-Phasenmodellen (Jugend - Erwerbstätigkeit - Alter) wird der Arbeitsstress der mittleren Phase zum Naturgesetz erklärt. Demgegenüber verlangen die individuellen Entfaltungsansprüche der Menschen, aber auch die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen nach neuen Mustern des zeitlichen Neben- und Miteinanders. Ziel ist ein wirksamer Schutz beider Geschlechter gegen die sozial zerstörerischen Folgen des "rush hours of life".

Die "ganz Arbeit" und das Leben insgesamt stehen im Zentrum

Zeitpolitik ist nicht auf die Gestaltung der Erwerbsarbeit beschränkt. Sie richtet sich auf die "ganze Arbeit" und das Leben insgesamt. Eine so verstandene umfassende und nachhaltige Zeitpolitik schließt die Gestaltung der formellen Erwerbsarbeit wie der häuslichen Arbeit, der produktiven wie der dienstleistenden Funktionen ebenso ein wie die Aufwertung von Tätigkeiten für die Gemeinschaft und die Selbstversorgung. Diese Zeitpolitik wird helfen, dass möglichst alle Menschen an Erwerbsarbeit beteiligt werden, dass die Erwerbsarbeit insgesamt menschengerechter gestaltet und insbesondere mit Familie und außerberuflichem Leben vereinbar gemacht wird.

Neue Formen der Zeitgestaltung helfen den sozialen Alltag bewältigen - vor allem durch die verbesserte zeitliche Koordination der Institutionen im persönlichen Lebensumfeld. Modelle von "Zeiten der Stadt" bieten besseren Zugang zu öffentlichen und privaten Dienstleistungen. Diese sollten durchweg aus der Perspektive der Nutzer/innen betrachtet und - mit dem Blick auf Alltagssituationen, Wegeketten und den konkreten Hilfsbedarf - entsprechend umgeformt werden. Dieses Ziel erfordert fach- und ressortübergreifende Koordinations- und Kooperationsprozesse zwischen öffentlichen und privaten Dienstleistern sowie die aktive Beteiligung Betroffener.

Eine wesentliche Voraussetzung ist die Zeitkompetenz des Einzelnen

Zeitkompetenz bildet die wesentliche Voraussetzung für eine wirksame "Gesellschaftspolitik" der Zeitgestaltung. Da die Kultur des Umgangs mit Zeit weniger durch vorgegebene Zeitmuster bestimmt wird, müssen die Individuen und Gruppen ihre Bedürfnisse und die Bedingungen ihrer Verwirklichung kompetent analysieren und kreative Lösungen zunehmend selbst entwickeln können.

Sie müssen sich die Fähigkeit aneignen, individuelle und gemeinsame Zeiten mit ihren eigenen Sinnkriterien auf neue Weise zu verbinden. Diese Kompetenz zielt auf die Befähigung der Menschen zum "bewussten" Gebrauch ihrer Zeit - nach persönlichen Sinnkriterien, Interessen und Anforderungen. Sie erfordert echte zeitliche Spielräume, die Individuen und Gruppen zur Reflexion und Umgestaltung der Zeitstrukturen und ihrer Rahmenbedingungen nutzen können. Was also Not tut, ist mehr "Zeit für Zeit", für das Lernen von individueller und kollektiver Zeitkompetenz. Dies ist wichtig für Institutionen, die unseren Umgang mit Zeit beeinflussen - zum Beispiel für schulische und universitäre Lehrpläne, für die Zeitorganisation am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit und in den Medien.

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