Containerschiff
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„Containerschiffe aus China brauchen zu uns etwa vier bis sechs Wochen. Was jetzt in Deutschland ankommt, ist Ende Januar verschifft worden – und damit vor den großen Produktionsstilllegungen.“

Interview

„Es ist Zeit für ein Konjunkturprogramm“

  • Rasmus Buchsteiner
    vonRasmus Buchsteiner
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Top-Ökonom Fratzscher über massiv steigende Rezessionsgefahr und schwindende Zuversicht.

Herr Fratzscher, lassen die Auswirkungen des Coronavirus Deutschland endgültig in die Rezession abstürzen?

Die Rezessionsgefahr steigt massiv. Ohne Corona hätte ich gesagt: Es wird in diesem Jahr bei uns eine wirtschaftliche Stabilisierung geben.

Und nun?

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Corona trifft die deutsche Wirtschaft zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Sie ist eh schon sehr verletzlich. Das ist die Folge der großen globalen Handelskonflikte und des Brexit. Außerdem steckt die Automobilwirtschaft in einer sehr grundlegenden Transformation. Zu alledem kommt jetzt noch ein weiterer Schock hinzu.

Eine Rezession ist nicht mehr abzuwenden?

Um ehrlich zu sein: Wir wissen es nicht. Wenn sich der Erreger in Deutschland nicht viel weiter ausbreiten würde als zum jetzigen Zeitpunkt, könnte die deutsche Wirtschaft sicher sehr gut ohne Rezession durchs Jahr kommen. Aber wenn es zu einer unkontrollierbaren Ansteckung weiter Teile der Bevölkerung käme und diese Situation über Wochen und Monate anhielte, sähe es anders aus.

Kommt es nicht immer wieder vor, dass Lieferketten vorübergehend unterbrochen werden?

Unterbrochene Lieferketten sind ein Problem – allerdings das kleinere, verglichen mit dem Vertrauensverlust, den wir gerade erleben. Aber bleiben wir mal bei den Lieferketten. Die Unternehmen haben gewisse Reserven, finanziell gesehen und was die benötigten Teile der Zulieferer angeht. Sind diese Reserven aufgebraucht, wird es sehr schwierig. Bisher sehen wir bei den Lieferschwierigkeiten chinesischer Hersteller nur die Spitze des Eisbergs.

Inwiefern?

Die Containerschiffe aus China brauchen zu uns etwa vier bis sechs Wochen. Was jetzt in Deutschland ankommt, ist Ende Januar verschifft worden – und damit vor den großen Produktionsstilllegungen in China. Die Stunde der Wahrheit wird erst in den nächsten Wochen kommen.

Schwindendes Vertrauen ist ein größeres Problem als Lieferprobleme, sagen Sie. Sind Hamsterkäufe das erste Zeichen dafür?

Wenn Kunden hamstern oder mehr kaufen, als sie benötigen, ist das natürlich ein Problem. Vertrauensverlust kann sich allerdings auch anders zeigen: Zum Beispiel, indem Menschen ihr Verhalten grundlegend ändern und deutlich weniger konsumieren – aus Angst vor dem Ungewissen.

Ungewissheit worüber?

Stecke ich mich selbst an oder meine Freunde oder jemand aus der Familie? Was ist mit meinem Lohn? Ist mein Arbeitsplatz noch sicher? Wenn sich viele plötzlich solche Fragen stellen, äußert sich das auch in ihrem wirtschaftlichen Handeln. Diese Unsicherheit führt dazu, dass Anschaffungen oder Reisen verschoben werden oder man ganz darauf verzichtet. Wir Ökonomen reden in solchen Fällen von sich selbst erfüllenden Erwartungen.

Wie sollte Deutschland reagieren?

Eine möglichst umfassende Reaktion ist notwendig. Der Drei-Stufen-Plan des Wirtschaftsministeriums geht in die richtige Richtung. In der ersten Stufe wird darauf gesetzt, Unternehmen Überbrückungskredite und Kurzarbeitergeld zu gewähren. Zinssenkungen wie die in den USA sind ein wichtiges Signal. Ich denke, die Europäische Zentralbank wird da nachziehen müssen.

Und wenn das nicht reicht?

Vertrauen wieder herzustellen, erfordert starke Signale. Dazu gehört ein langfristiges Investitionsprogramm. Unternehmen und Verbraucher müssen wissen: In den nächsten Monaten wird es hart, aber langfristig können wir uns darauf verlassen, dass ein Schub kommt. Kurzfristig wäre wichtig, Konsumenten zu entlasten. Das könnte man über eine temporäre Reduzierung der Mehrwertsteuer erreichen. Das würde dazu führen, dass größere Anschaffungen vorgezogen werden. Es ist jetzt Zeit für ein Konjunkturprogramm. Wir sollten besser früh handeln als zu spät.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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