Schlange in einem Wahllokal in Lyon: Die Beteiligung an der Abstimmung war ähnlich wie 2012.
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Schlange in einem Wahllokal in Lyon: Die Beteiligung an der Abstimmung war ähnlich wie 2012.

Frankreich

Im Zeichen von Terror und Frust

  • Axel Veiel
    vonAxel Veiel
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Bewacht von Zehntausenden Soldaten und Polizisten haben die Franzosen am Sonntag eine Vorentscheidung im Präsidentschaftsrennen getroffen.

Die Plakatwände vor den Wahllokalen haben am Sonntag noch einmal daran erinnert: Es steht für Frankreich, ja für Europa bei dieser Präsidentenkür viel auf dem Spiel. Die Emotionen gehen hoch. Zerfetzt und verschmiert hängt vielerorts herab, was zwei Wochen zuvor als strahlendes Konterfei eines Kandidaten aufgeklebt worden war. Im Fall der Pariser Vorstadt Saint-Cloud haben frustrierte Bürger auch noch zur Farbspraydose gegriffen und malträtierte Gesichter mit dem Boykottaufruf versehen. „Wählt nicht!“

Von Frust und Zorn zeugt das. Für beides gibt es gute Gründe. Man denke nur an die Scheinarbeitsaffären des konservativen Kandidaten François Fillon und der rechtspopulistischen Rivalin Marine Le Pen. Und dann war am vergangenen Donnerstag auch noch der Terror nach Paris zurückgekehrt, hatte Angst und Verwirrung gestiftet. Gegen 21 Uhr hatte der 39-jährige Franzose Karim C. auf den Champs-Elysées einen Polizisten erschossen und zwei weitere verletzt, bevor er selbst im Kugelhagel starb.

Anders als vielerorts befürchtet, hat dies der Wahlbeteiligung aber offenbar keinen Abbruch getan. Laut Innenministerium suchten am Sonntag bis 17 Uhr bereits 69,4 Prozent der Stimmberechtigten die Wahllokale auf, ein Wert, der den von 2012 nur leicht unterschritt. 70,6 Prozent waren es damals gewesen.

Eine letzte, vom Institut Opinionway am Freitag präsentierte Umfrage hatte darauf hingedeutet, dass sich vier der elf Kandidaten in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern würden: der Sozialliberale Emmanuel Macron (23 Prozent), Le Pen (22 Prozent), Fillon (21 Prozent) und der ehemalige Chef der Linkspartei, Jean-Luc Mélenchon (18 Prozent). Dass die EU-Gegner Le Pen und Mélenchon womöglich in die Stichwahl vordringen und die Präsidentschaft am 7. Mai unter sich ausmachen würden, erhitzte die Gemüter zusätzlich.

Opinionway führte die Erhebung freilich vor dem Terroranschlag durch. Womit sich fragt, ob und in welchem Ausmaß die Wähler unter dem Eindruck des Mordens umgedacht haben mögen. Als sicher gilt, dass das Attentat noch in den Köpfen ist. Jérôme Fourquet vom Meinungsforschungsinstitut Ifop geht davon aus, „dass der Terroranschlag das Votum beeinflusst hat“.

Fourquet relativiert die Auswirkungen allerdings insofern, als gemessen an den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 mit 130 Toten diesmal mit einem ermordeten und zwei verletzten Polizisten deutlich weniger Opfer zu beklagen seien. Wenn das Attentat einem Kandidaten Stimmengewinne beschert habe, dann an erster Stelle Le Pen, an zweiter Fillon, glaubt der Forscher.

Fourquet konnte seine These am Sonntag allerdings nicht mit neuen Umfragewerten untermauern. Er durfte es nicht. An einem Wahlwochenende hat der Wahlkampf in Frankreich zu ruhen. Die Veröffentlichung von Umfragewerten ist dann untersagt.

Welche Schlussfolgerungen der Staat aus dem Attentat zu ziehen hat, lag dagegen auf der Hand. Aufrüsten hieß es wieder einmal. Eine am Wochenende von der Zeitung „Le Parisien“ veröffentlichte Gefahrenanalyse des französischen Geheimdienstes hatte die Wahllokale und die zur Stimmenauszählung herangezogenen Präfekturen als vorrangig zu schützende Orte ausgewiesen. Zudem galt es, mögliche Hackerangriffe auf Datenleitungen abzuwehren, die zur Übermittlung der Wahlresultaten genutzt werden.

Rund 7000 Militärs unterstützten am Sonntag 50 000 Polizisten, patrouillierten durch Boulevards, Bahnhöfe und Flughäfen, bezogen vor allem vor den 67 000 Wahllokalen Stellung. Überall konnten die Sicherheitskräfte freilich nicht Präsenz zeigen.

In der als Wahllokal Nummer 15 ausgewiesenen Grundschule von Saint-Cloud waren Uniformträger am Sonntag denn auch nicht zu entdecken. Statt eines schwer bewaffneten Gendarmen stand eine alte Dame am Empfang, hieß Eintretende lächelnd willkommen. (mit dpa)

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