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Im Zeichen Gottes

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Wie wird man Ayatolla? Durch ein fast klösterliches Gelehrtenleben - um dann allerdings, wenn nötig, zum Triumphator zu werden

Von Michael Lüders

Täglich erreichen Imam al-Sistani besorgte Anfragen gläubiger Schiiten, wie sie sich denn nun im Alltag gegenüber den amerikanischen Soldaten verhalten sollen. Der ranghöchste schiitische Kleriker in Irak reagiert mit konkreten Vorschlägen, die von seinem Büro in der heiligen Stadt Nadschaf, südlich von Bagdad, verbreitet werden. Da fragt zum Beispiel ein Händler: "Was mache ich, wenn ein amerikanischer Soldat in meinen Laden kommt und eine Flasche Coca-Cola kaufen will?" Imam al-Sistani: "Du verkaufst dem amerikanischen Soldaten, was immer er zu kaufen begehrt. Dann aber fragst Du ihn, ebenso höflich wie nachdrücklich, wann er denn gedenke, unser Land wieder zu verlassen." Denn Irak, so der Imam, "gehöre den Irakern, und ihnen allein obliegt es, ihn wieder aufzubauen und seine Zukunft zu gestalten."

Es kann Washington nicht egal sein, was der Papst der irakischen Schiiten verkündet, denn sie stellen 60 Prozent der Bevölkerung. Bislang wird der anti-amerikanische Widerstand fast ausschließlich von Sunniten getragen, während sich die Schiiten ruhig verhalten. Allerdings äußern sich vor allem jüngere Kleriker zunehmend militant, allen voran der 31-jährige Muktada as-Sadr, der Ende Juli den Aufbau einer schiitischen Streitmacht ankündigte. Der Geistliche entstammt einer angesehenen Gelehrtenfamilie aus Nadschaf. Sein Vater und zwei seiner Brüder wurden auf Veranlassung Saddam Husseins ermordet. Vielen Schiiten gelten sie als Märtyrer, was Muktada zahlreiche Anhänger zutreibt. Im Grunde geht es ihm um "street credibility": Mit Hilfe einer radikalen Rhetorik sucht er sich im Wettbewerb um die Gunst der Gläubigen zu profilieren.

Offiziell kennt der Islam keine Hierarchien. Dennoch hat sich innerhalb des sunnitischen Islam, der Mehrheitsströmung, die Al-Azhar-Universität in Kairo im Laufe ihrer tausendjährigen Geschichte zum geistig-gelehrigen Zentrum entwickelt. Die Schiiten, zehn Prozent der Muslime, erkennen im Gegensatz zu den Sunniten allein im vierten Kalifen Ali und seinen Nachkommen die rechtmäßigen Nachfolger (Imame) des Propheten Mohammed. Daher kommt auch ihr Name: Schi'at Ali bedeutet Partei Alis. Nach dessen Tod im Jahr 661 haben sich die Schiiten in mehrere Gruppen gespalten. Am wichtigsten sind die Zwölferschiiten, die heute vornehmlich in Iran, Irak und Libanon leben. Sie erkennen eine Reihe von zwölf Imamen an, die frei von Sünde sind und über ein unfehlbares Wissen verfügen. Der zwölfte Imam ist im Jahr 874 "in die Verborgenheit entrückt" und wird am Ende der Zeit als Mahdi, als Erlöser wiederkehren. Bis dahin sind in Vertretung die obersten Rechtsgelehrten der schiitischen Klerikerhierarchie, die Ayatollas (wörtlich: Zeichen Gottes), zur Entscheidung in religiösen und politischen Zweifelsfällen berechtigt.

Wie aber wird man Ayatolla? Im wesentlichen durch ein fast klösterliches Gelehrtenleben in den Hawzas einer der drei heiligen Städte der Schiiten, Nadschaf und Kerbela in Irak und Qum bei Teheran in Iran. Die Hawza ist keine fest gefügte Institution, sondern bezeichnet die Summe der zahlreichen religiösen Seminare in den jeweiligen Städten, die teilweise erbitterte Machtkämpfe untereinander austragen. Die Mehrheit der Gelehrten hält sich in politischen Fragen zurück und beschränkt sich neben der religiösen Ausbildung ihrer Schüler auf wohltätige Aufgaben. Je besser der Leumund des Gelehrten, je größer seine Integrität und Überzeugungskraft, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass er im Verlauf mehrerer Jahrzehnte zu einem "Mardscha'a at-taqlid" aufrückt, einem "Vorbild der Nachahmung", dessen Name unter den Gläubigen eine ähnliche Sogwirkung auslöst wie bei uns ein Popstar oder, um im Berufsbild zu bleiben, wie Mutter Teresa oder der Dalai Lama.

Ein Ayatolla hat in aller Regel längst das Pensionsalter erreicht, bevor er zur Legende wird - eine Legende, die massenwirksam werden und revolutionäre Kraft entfalten kann, wie insbesondere unter Ayatolla Khomeiny. Erstaunlich ist vor allem die Fähigkeit eines solchen "Vorbildes der Nachahmung", über Jahrzehnte ein zurückgezogenes, bescheidenes Leben zu führen. Um dann allerdings, wenn es die Umstände erfordern, zum Triumphator zu werden. Ein Fürchtegott, der mühelos die Massen dirigiert.

Gegenwärtig findet unter den Ayatollas in Irak ein Machtkampf um die politische Führung statt. Überwiegend jüngere Kleriker sind daran beteiligt, die sich zwar Ayatolla nennen, aber allein auf Grund ihres Alters keine sein können. In dem Fall benötigen sie einen besonderen Nimbus, den etwa Muktada as-Sadr auf Grund seiner Familiengeschichte besitzt. Diese Leute suchen die Vorherrschaft, die Religion ist ihnen lediglich ein Mittel zum Zweck.

Traditionelle Ayatollas wie Imam al-Sistani sind eher quietistisch. Die enge Verbindung von Religion und Politik, die Khomeiny im Iran verwirklichte, in Form der "Herrschaft der religiösen Rechtsgelehrten" (velayat-i-faqih), ist unter schiitischen Theologen äußerst umstritten und wird von ihnen, soweit sie nicht Teil des iranischen Machtapparates sind, mehrheitlich abgelehnt. Nach diesem Modell ist der Herrscher allein Gott verantwortlich, nicht aber dem Staatsvolk. Wer also den Herrscher kritisiert, lästert Gott.

Aufgeklärte schiitische Theologen argumentieren, dass die Politisierung der Religion ihre Profanisierung bedeute. Sie plädieren für eine Trennung von Staat und Religion - nicht im Sinne einer Säkularisierung, einer "Entgöttlichung" der Gesellschaft, sondern in Form einer Arbeitsteilung. "Politik ist wie ein Glas Saft auf dem Tisch. Du kannst es nehmen oder auch nicht", sagte mir einmal ein Ayatolla in Qum und verschränkte dabei seine Arme auf der Brust.

Ähnlich sah das Ayatolla Kho'i, der 1993 im Alter von etwa 90 Jahren in Qum starb. Er gilt als der einflussreichste schiitische Theologe des vorigen Jahrhunderts. Kho'i lehrte, dass die Hawza grundsätzlich nicht in Machtfragen eingreifen und sich politisch nicht engagieren dürfen. Khomeinys Konzept der velayat-i-faqih lehnte er ab, ohne sich offen gegen die Islamische Republik auszusprechen. Allerdings obliege es den Klerikern, die Gläubigen zu Reformen anzuhalten, um insbesondere im Wettbewerb mit den westlichen Gesellschaften zu bestehen.

Kho'is Weltanschauung hat mehrere Generationen schiitischer Gelehrter geprägt. Alle vier "grand old men" unter den irakischen Ayatollas, neben Imam al-Sistani sind das Scheich Mohammed Ishaq Fayyad, Mohammed Said al-Hakim und Baschir al-Nadschafi al-Pakistani, waren Schüler von Kho'i. Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass sie Gewalt gegen die Amerikaner predigen oder gar zum Dschihad aufrufen, was ohnehin eher eine Spezialität sunnitischer Islamisten wäre. Gegenwärtig kehren tausende irakischer Schiiten aus der Hawza in Qum, wohin sie unter Saddam Hussein geflüchtet waren, zurück nach Nadschaf und Kerbela. Auch sie sind mehrheitlich von Ayatolla Kho'i geprägt.

Nicht "die Schiiten" also sind potenziell gewaltbereit, es sind Leute wie Muqtada as-Sadr, die auf Konfrontation setzen. Ihr Erfolg hängt davon ab, wie sich die Besatzungspolitik weiter entwickelt. Bleiben die Lebensverhältnisse auf dem gegenwärtigen Subsistenzniveau und zeigt sich Washington den Schiiten gegenüber weiterhin reserviert, weil sie als fünfte Kolonne Teherans gelten, schaffen sich die Amerikaner ein ernsthaftes Problem. Die Schiiten wissen, dass die Zeit für sie arbeitet. Sie haben es gar nicht nötig, Anschläge zu verüben.

Paul Bremer, der amerikanische Zivilverwalter, reiste vorigen Monat nach Nadschaf, um für den Übergangsrat zu werben, in dem auch Schiiten vertreten sind. Kein religiöser Würdenträger war bereit, ihn zu empfangen.

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