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Zehntausende in Afghanistan warten noch auf Rettung

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Von: Karin Dalka

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Trotz der Repressalien, die die Taliban ihnen androhen, gehen Frauen in Kabul auf die Straße und kämpfen für ihre Rechte.
Trotz der Repressalien, die die Taliban ihnen androhen, gehen Frauen in Kabul auf die Straße und kämpfen für ihre Rechte. © afp

Aktivistinnen der Gruppe „United Voice of Women for Peace“ mahnen den Bund, seine Versprechen endlich einzulösen - und gefährdete Menschen aus Afghanistan herauszuholen.

Sie sind glücklich, denn: „Wir wurden aus der Hölle gerettet.“ 31 afghanische Frauen der Gruppe „United Voice of Women for Peace“ haben es nach Deutschland geschafft oder sind auf dem Weg hierher. Aber in ihre Erleichterung mischen sich Ungeduld, Zorn und Angst: Sie sorgen sich um ihre Familien und die vielen anderen Menschenrechtsaktivist:innen, Ortskräfte, Medien- und Kulturschaffenden, die in ihrer Heimat verfolgt und bedroht werden. „Die grausamen Taten der Taliban gehen uns nicht aus dem Kopf. Auch ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban warten Zehntausende immer noch auf eine Aufnahmezusage und ihre Evakuierung. Der Prozess, bis eine Person endlich aus Afghanistan ausreisen darf, dauert viel zu lange.“

Diesen Vorwurf erheben die „Women for Peace“ in einem Appell an die Bundesregierung, den die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl für sie an diesem Dienstag (9. August) veröffentlicht und der der FR vorliegt. Darin erinnern die Frauen die Ampelparteien an ihre Versprechungen im Koalitionsvertrag und fordern die Bundesregierung eindringlich auf, mehr für gefährdete Menschen in Afghanistan zu tun und sie schneller nach Deutschland zu holen: „Setzen Sie den Koalitionsvertrag sofort um.“

Afghaninnen fordern, den Begriff „Ortskraft“ weiter zu fassen

Die Aktivistinnen mahnen dabei nicht nur das versprochene Bundesaufnahmeprogramm an. Sie verlangen auch, den Begriff „Ortskraft“ auszuweiten und auf alle Afghan:innen anzuwenden, die bezahlt oder ehrenamtlich für deutsche Institutionen, Organisationen, Unternehmen und Subunternehmen tätig waren. Die Definition von Familie müsse an die „Lebensrealität in Afghanistan“ angepasst werden. Ganz besonders liegt der Gruppe am Herzen, dass Deutschland akut gefährdeten Personen weiterhin humanitäre Visa erteilt.

Die Frauengruppe

„United Voice of Women for Peace“ wurde 2019 vom afghanischen Friedensministerium gegründet. Sie beriet die für die Friedensverhandlungen zuständige Kommission der Regierung. Die Frauen kamen aus Kabul und allen 34 Provinzen des Landes und wurden von regionalen Frauenorganisationen gewählt.

Als gut vernetzte Expertinnen und prominente Aktivistinnen standen viele von ihnen seit Jahren im Licht der Öffentlichkeit und wurden angefeindet und bedroht. Mit der Machtübernahme der Taliban in Kabul vor einem Jahr gerieten sie in akute Lebensgefahr.

Im März wandten sich 34 im Afghanistan verbliebene Mitglieder der Gruppe mit einem Appell an die deutsche Öffentlichkeit: „Holt uns hier raus“. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl verbreitete den Aufruf und setzte sich erfolgreich für humanitäre Visa ein. Nach ihrer Rettung wollen sich die Frauen dafür einsetzen, dass viele weitere gefährdete Menschen schnell nach Deutschland kommen können. Deshalb erzählen Simin, Parmila und Mina Stanikzai in der FR ihre Geschichten. dac

Auf diesem Weg konnten die Frauen, die mit dem Aufruf ihre Stimme erheben, selbst nach Deutschland kommen, sie sind fast alle erst seit wenigen Wochen hier. Pro Asyl und die Frauenrechtlerin Alema Alema, die als eine der ersten aus diesem Kreis nach Deutschland kam, hatten sich monatelang für sie eingesetzt. Denn sie wussten um die tödliche Gefahr, schließlich war „United Voice of Women for Peace“ 2019 vom afghanischen Friedensministerium gegründet worden, um die Regierung zu beraten. Es war absehbar, dass die Taliban Jagd auf Frauen machen würden. „Wir wurden bedroht, verfolgt und verhaftet. Fast zehn Monate lang waren wir in unserem eigenen Land auf der Flucht vor den Taliban. Wir zogen von einem Versteck zum anderen“, berichten sie.

Pro Asyl warnt Bundesregierung vor „faulen Ausreden und Sprachtricksereien“

Die Gruppe versucht nun, sich in Deutschland zu reorganisieren, die Frauen wohnen im Land verstreut. Der Aufruf entstand bei einem Treffen in der vergangenen Woche in Frankfurt, zu dem Pro Asyl eingeladen hatte. Die Organisation unterstützt die Forderungen der Frauen „vollumfänglich“, wie sie in einer Presseerklärung schreibt. Auch sie befürchtet, dass das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium künftig die Vergabe von humanitären Visa „äußerst restriktiv handhaben und auf wenige handverlesene Fälle beschränken“ werden. Das Nachsehen hätten dann akut gefährdete Menschenrechtler:innen, die es nicht in das geplante Bundesaufnahmeprogramm schafften.

Auch das Programm selbst werde „absehbar viel zu eng gestrickt“ sein, meint Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt, der die Regierung vor „faulen Ausreden und Sprachtricksereien“ warnt. „Wer akut in Gefahr ist, muss sofort gerettet werden.“

„United Voice of Women for Peace“ richtet seinen Appell auch an die „Weltgemeinschaft“. Diese dürfe die De-facto-Regierung der Taliban nicht anerkennen. Außerdem solle sie humanitäre Hilfen an Bedingungen knüpfen und für die Bevölkerung transparent machen. Denn es sei unklar, wohin das Geld fließe. Den Westen sehen die Frauen besonders in der Pflicht. Denn durch den fluchtartigen Abzug der Truppen seien die Taliban an die Macht gekommen und alle „verraten“ worden, die sich in den vergangenen 20 Jahren für Demokratie und Menschenrechte eingesetzt hätten. „Der Westen hat sich aus der Verantwortung gezogen. Das Mindeste, was er nun tun kann, ist viele Menschen zu retten, die akut bedroht sind.“ (Karin Dalka)

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