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Rockstar Bono mit Mandela im Jahr 2002 in Johannesburg.

Bono über Nelson Mandela

Der Zauber Mandelas

Kein anderer europäischer Künstler war so eng mit der Ikone Südafrikas befreundet wie der U2-Frontmann Bono. Der Rockstar und Afrika-Aktivist über einen Helden, der nie wie einer behandelt werden wollte.

Von Bono/ aufgezeichnet von Steven Geyer

Nelson Mandela liebte es, zu tanzen. Dieses Bild hat sich mir eingebrannt: Sogar, wenn er Staatsgäste begrüßte oder Wirtschaftsmanager, tanzte er manchmal, um die Stimmung aufzulockern. Wenn Gäste Kinder mitbrachten, spielte er mit ihnen. Das klingt profan, aber das war es nicht. Als erster schwarzer Präsident Südafrikas musste Madiba, wie ihn die Südafrikaner nach seinem Clannamen nennen, ein gespaltenes Land vereinen, ja einen Bürgerkrieg abwenden. Also versammelte er die um sich, die – wie er – nicht auf Rache aus waren. Er fand Mitstreiter, die sich selbst nicht so wichtig nahmen. Das war es, was hinter seiner Bescheidenheit und seinem Humor steckte.

Unglaubliche Kunst des Wandels

Zum ersten Mal begegnete ich Madiba in den späten 90er Jahren in Dublin. Er hatte mit Erzbischof Desmond Tutu dazu aufgerufen, dass der Norden den ärmsten Staaten Afrikas die Schulden erlässt, damit das Geld für Entwicklung frei wird. Ich engagierte mich für diese Kampagne, und so entstand unser persönlicher Kontakt. Nelson Mandela machte auf einer Europa-Reise Station in Irland und empfing mich im Hotel. Wir redeten ein bisschen über Politik und Musik – und was mich am meisten beeindruckte, war schon damals sein Witz. Er erzählte uns lachend eine unglaubliche Anekdote über Margret Thatcher: Obwohl sie einst Sanktionen gegen den Apartheidsstaat verhinderte, der ihn eingekerkert hatte, empfing er sie als Präsident Südafrikas. Sie war nervös, aber er hat sie bestens unterhalten.

Am Ende des Treffens fragte sie, ob sie etwas für ihn tun könne. „Wenn Sie so fragen“, sagte er. „Wir sammeln gerade Geld für diesen und jenen Zweck und wüssten eine Spende zu schätzen.“ Also schrieb Thatcher tatsächlich einen privaten Scheck über 20 000 Pfund aus – eine Menge Geld damals. Mandelas Stab fragte ihn danach, wieso er so freundlich zu dieser Frau war, die die Anti-Apartheid-Bewegung nie ganz unterstützt hatte. „Ach“, sagte er, „wir haben dem Regime vergeben, das unser Volk wie Fliegen zerquetschte – wieso sollte ich Frau Thatcher noch etwas verübeln?“

Mandela beherrschte diese unglaubliche Kunst des Wandels: Er konnte Menschen verwandeln, um ihr Bestes zum Vorschein zu bringen. Er konnte Situationen verwandeln, um einen Ausweg zu finden. Und er hatte immer ein Gefühl dafür, wie jemand sein Gesicht wahren kann – selbst die Gegenseite. Nur weil man eine Auseinandersetzung gewonnen hat, dürfe man den anderen nicht tyrannisieren, auch wenn der es als Gegner zuvor anders tat. Das ist die große Lektion, die er uns allen mitgegeben hat. Nelson Mandela steht für die Kraft der Vergebung, auch die Vergebung für unsere Unterdrücker. Wie er mir einmal sagte: „Wir müssen es schaffen, dass der Verstand über das Blut dominiert.“ In Südafrika bewies er, dass das geht – das ist sein Erbe für alle Zeiten.

Zugleich war er ein ganz besonderer Mensch, denn er blieb – ganz untypisch für einen afrikanischen Machthaber – immer erdverbunden. Er sah die Ikonisierung seiner Person immer kritisch, nachdem er aus dem Gefängnis kam und erst recht nach seiner Präsidentschaft. Er mochte die Vorstellung gar nicht, dass sie eine riesige Statue von ihm in seiner Heimat am Ostkap aufbauten. Jedes Mal, wenn ich ihn traf, sagte er zuerst: „Was bringt dich dazu, einen so alten Mann wie mich zu besuchen?“ Von Rockstars hört man solche Töne nie; bei Madiba drehte sich immer alles um seine Gäste.

Ich erinnere mich an einen verunglückten Versuch von mir, die Mode- und die Musikindustrie für die Afrika-Hilfe zu vereinen. 2001 lud ich mit Naomi Campbell und einigen großen Mode-Machern zum Festival „Frock and Roll“ nach Barcelona, um Geld für Mandelas Kinderhilfsstiftung zu sammeln. Wir gewannen sogar Madiba für eine Ansprache! Doch als er sie halten sollte, waren nur 600 Zuschauer in einer Arena für 20 000. Ein Desaster. Wir spielten auf Zeit, aber bis kurz vor Neun waren auch nur 3000 Leute da – als Mandela für seine Rede rausging, sind wir als Veranstalter fast im Boden versunken. Er sagte ins Mikro: „Nichts ist so enttäuschend, wie hohe Erwartungen zu haben, die nicht erfüllt werden. Und ich kam nach Barcelona mit sehr hohen Erwartungen.“ Mir wurde heiß und kalt. Er machte eine Pause, und sagte: „Vielen, vielen Dank, dass Sie zu Tausenden hergekommen sind, für einen alten Mann wie mich. Sie bringen mich zum Lächeln!“ Ich starrte in die Arena, die Zuschauer jubelten, und plötzlich sahen die 3000 Leute nach viel mehr aus. Da wurde mir klar: Mandela hatte auch die Fähigkeit, die Realität zu verwandeln. Indem er die positive Seite sah. Es rührte ihn wirklich, dass in Spanien 3000 Leute kamen, ihn zu sehen.

Sein Leben hatte ihn bescheiden gemacht: die Verhaftung, die Jahrzehnte im Gefängnis. Er wurde zwar schon zu Lebzeiten zur Ikone, die kaum jemand zu kritisieren wagte. Aber er selbst sprach darüber, welche Fehler er gemacht hatte. Er sagte, dass er erst im Gefängnis zum Nachdenken gekommen sei und sich vorher oft zu wichtig genommen habe. Vielen kleinen Unterstützern im Kampf gegen die Apartheid, die viel riskierten und opferten, habe er zu wenig gedankt.

Kein blinder Eifer

Was viele nicht wissen: Als Mandela als Häftling in den Salzminen schuften musste, beschädigte das Salz seine Augen. Es zerstörte seine Tränenkanäle – und er verlor er die Fähigkeit, zu weinen. Wortwörtlich. Eine Operation öffnete seine Tränenkanäle später zwar wieder, aber ihm flossen keine Tränen mehr. Als ich das hörte, war ich fassungslos: Gibt es kein Ende der Legende? Einmal sah ich, wie er den Abdruck seiner Hände an einer Wand hinterließ – er sah genau aus wie der Umriss Afrikas. Man hätte man ihn wohl zum Heiligen erklärt, wenn er nicht so unreligiös gewesen wäre. Und eben zu bescheiden.

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Nelson Mandela war schon mein Held, bevor er Präsident Südafrikas wurde. Wir schrieben Songs, die zum Boykott des Apartheidstaats aufriefen, ich engagierte mich für Afrika – und später sah ich ihn dabei als meinen einzigen echten Boss: Ich wollte von ihm Anweisungen, wofür wir uns genau einsetzen sollen. Einmal, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, fragte ich ihn, wie man die Afrikanische Entwicklungsbank für Investitionen in die Infrastruktur nutzen könnte. Da lächelte er nur und fragte mich: „Und, kommst du auch zur Fußball-WM?“ Er wollte eben keinen blinden Eifer. „Du verpasst noch die größte Party, die Afrika je hatte!“
Das ist das Große an Madiba: Er brachte dich zum Lachen. Ich schätze, lachen zu können, ist ein Beweis der Freiheit – und gerade in seinen Augen lag so viel Humor und Optimismus! Er glaubte fest daran, dass jeder Mensch sich ändern kann. Ich weiß nicht, ob er Gottvertrauen hatte. Aber ganz sicher hatte er Vertrauen in die Menschheit. Mehr als jeder andere.

Eine Große Geschichte Afrikas

Zuletzt verbrachte ich vor zwei Jahren in Kapstadt etwas Zeit mit Madiba. Kaum stand ich in der Tür, da fing er schon an, George Bernard Shaw zu zitieren. Das war sein irischer Lieblingsschriftsteller, und weil ich auch Ire bin, assoziierte er mich immer mit ihm. Er redete wahnsinnig gern über Literatur, er hat im Gefängnis sehr viel gelesen. Er sagte immer, dass ihn das am Leben hielt und die Bücher ihn erst zu dem machten, der er danach war: „Krieg und Frieden“, „Früchte des Zorns“ – daraus konnte er noch immer auswendig zitieren.

Aber Mandela war nicht nur ein großer Geschichtenfreund und -erzähler. Er ist selbst eine große Geschichte aus Afrika. Die Menschen werden Madiba immer lieben – überall auf der Welt. Er steht für Afrika, wie wir es sehen wollen. Wir brauchen mehr solcher Geschichten, denn Norden und Süden müssen nicht nur begreifen, sondern auch fühlen, dass sie einander brauchen. Deshalb setze ich mich nun mit einigen Freunden und Aktivisten ausnahmsweise für eine Sache ein, auf die Madiba keinen Wert gelegt hätte: Wir wollen, dass die Welt seinen Geburtstag, den 18. Juli, zum Nelson-Mandela-Tag ernennt. Um all dem zu gedenken, wofür er steht.

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