Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Zahltag in Al Bureidsch

  • Inge Günther
    VonInge Günther
    schließen

Saddam Hussein kauft in den palästinensischen Gebieten Sympathien ein und belohnt Militante

An der Zeltstange flattert eine zerfetzte schwarze Jeans. Nusha Khalil hat sie dort aufgehängt. Ihr Sohn Suhail trug sie, als er vor zwei Jahren bei einem Schusswechsel mit israelischen Soldaten starb. Ein Schicksal, das ein Jahr später sein jüngerer Bruder Mohammed teilte. Beide waren Kämpfer der Issedin-al-Kassem-Brigaden. Nusha Khalil hat die Hose, ihr besonderes Erinnerungsstück, gerade aus den Trümmern des dreistöckigen Wohngebäudes im Flüchtlingslager von Dschabalja, dem größten in Gaza, gerettet. Seitdem die israelische Armee das Vier-Familien-Haus am 5. März mit Sprengsätzen in die Luft gejagt hat, wenige Stunden nach dem Selbstmordanschlag auf einen Bus in Haifa, tut Nushal Khalil nichts anderes, als Tag für Tag in den Ruinen nach Überbleibseln zu tun. "Für mich wäre es besser, sie bombardierten uns noch mal, als das hier zu sehen", klagt die 55-Jährige bitter: "Ich habe alles verloren." Ihr Ehemann sitzt in israelischer Haft, ihr Erstgeborener auch. Was ihr Zuhause war, ist heute ein Haufen Schutt, der ihre frühere Existenz unter sich begraben hat. Das Zelt hat ihr das Rote Kreuz überlassen. Und selbst die Plastikslipper, die sie an den Füßen trägt, hat sie von einer Nachbarin geborgt. In jener Nacht, als die Soldaten das Haus stürmten, "hat man uns alle", so schildert es Nusha Khalil, "barfuß in unseren Schlafanzügen herausgetrieben".

Ihre einzige Hoffnung ruht jetzt auf Gott. Und auf Saddam Hussein. Der hat ihrer Familie schon einmal einen Scheck über 10 000 US-Dollar übersandt. Aus Anerkennung für den "Märtyrertod" ihres Sohns Souhail, des furchtlosen Hamas-Kämpfers. Von den Islamisten erwartet sie sich nur wenig Hilfe, allenfalls kostenlose Reis- und Mehlrationen. "Die Hamas hat kein Geld mehr", sagt Nusha Khalil: "Sie kann nicht so zahlen wie Saddam."

Dass das keine Übertreibung ist, zeigt sich eine halbe Autostunde weiter im Flüchtlingslager Al Bureidsch, wie Dschabalja eine Hochburg militanter Milizen. Im Versammlungshaus von Al Bureidsch ist Zahltag. Dafür hat man den Raum in ein irakisches Propagandazentrum verwandelt. Überall Saddam. Mal gehüllt in die Keffijeh, die traditionell-arabische Kopfbedeckung, mal andächtig betend, mal strengen Auges in Militäruniform. Die dazwischen drapierten Arafat-Bilder bemerkt man erst bei genauerem Hinsehen. Mehr Wert haben die Initiatoren der Veranstaltung darauf gelegt, den Saal mit gleich vielen irakischen und palästinensischen Flaggen auszustaffieren. Schließlich ist man mitten in Gaza. Und dort geht es bei aller Wertschätzung für das Volk der Irakis doch vorrangig um die eigene "nationale Sache".

Der Raum ist voll. Vorne sitzen geduldig die Ehrengäste auf den Plastikstühlen, die Familien der "Märtyrer", in Erwartung des heutigen Jackpots mit stolzen 285 000 US-Dollar. Im Namen Saddam Husseins wird ein Vertreter der Arab Liberation Front, einer palästinensischen Splitterfraktion, das Geld an sie verteilen. Weiter hinten drängen sich junge Kämpfer mit Milchbubengesichtern. Von ihnen ist allem Anschein nach mancher auf dem besten Wege, selbst ein "Schahid" zu werden, einer, "der sein Leben für den Widerstand lässt". Feixend zieht ein Junge eine Handgranate aus der Tasche, was ihm anerkennende Blicke seitens seiner gleichaltrigen Sitznachbarn links und rechts einbringt. Ein anderer hantiert an seiner Kalaschnikoff, um sich die Zeit zu vertreiben. Denn die vielen Reden, dargeboten in einem konstant einhämmernden Ton von Gouverneur, Bürgermeister, Fatah-Gesandten, Familienrepräsentanten und anderen Offiziellen, ziehen sich ziemlich in die Länge. Und handeln vom Immergleichen. Vom Leiden der Palästinenser und der Großzügigkeit Saddam Husseins, der als Einziger in der arabischen Welt ihnen helfe, trotz eigener bedrängter Lage. Endlich ist der Moment da, weshalb sie gekommen sind. Die Schecks werden ausgehändigt. Und gäbe es sie nicht, raunt ein Nebenmann ketzerisch, wären statt der mehreren hundert Lagerbewohner "kaum mehr als zwei, drei Leute" zum Event des palästinensischen Ablegers der Baath-Partei erschienen.

Das Preisgeld ist gestaffelt. Je 25 000 Dollar erhalten Angehörige eines "Schahid, der aktiv an Operationen teilnahm", wie Ibrahim Zanen, der Sprecher der Arab Liberation Front in Gaza, vornehm die Rolle eines Selbstmordattentäters umschreibt. 10 000 Dollar gibt es für gewöhnliche Todesopfer der Intifada, die - egal ob Kind, Frau oder Mann - ungewollt durch die israelische Armee ums Leben kamen. Verletzte kassieren bis zu 1000 Dollar, je nach Schweregrad, und für ein komplett zerstörtes Haus lässt Saddam bis zu 5000 Dollar springen.

Der in dieser Rechnung enthaltene Zynismus, sich palästinensische Sympathien zu erkaufen und gleichzeitig blutige Militanz zu belohnen, macht einigen zu schaffen. Vor allem in der Autonomie-Regierung Yassir Arafats, die schon aus Rücksicht auf ihr eigenes Image Saddams Scheckbuch-Politik lieber unterbinden würde. Doch die Autonomiebehörden stehen am Rande des Kollaps, und nicht mal das Sozialwerk der islamistischen Hamas verfügt über mehr als Almosen.

"Dieses Geld", sagt Mohammed Amun und blickt auf den gerade empfangenen Scheck mit der Höchstsumme, "kann den Verlust meines Bruders nicht aufwiegen." Der habe sich mit einer Bombe am 9. Februar vor der jüdischen Siedlung Gusch Katif in die Luft gesprengt. "Er hat es für unsere Heimat getan, nicht für Saddam, aber Saddam fühlt wenigstens mit uns." Die Amuns haben denn auch nicht gezögert, als die Arab Liberation Front ihnen einen Antrag auf irakische Finanzhilfe ins Haus sandte. "Keiner von uns hat noch Arbeit", berichtet Mohammed Amun. Die Zeiten sind längst passé, in denen die Männer der Familie ihr Brot in Israel verdienten. Wie lange freilich Saddams Scheck die Existenz der Familie sichert, weiß Mohammed nicht. "Wir fürchten, dass die Armee so oder so aus Vergeltung für die Tat meines Bruders unser Haus niederreißt."

"Gott segne Saddam." Mit diesen Worten nimmt auch der 56-jährige Mohammed Kadura den 10 000-Dollar-Scheck für den Tod seines Sohnes Bahir entgegen, ein palästinensischer Polizist, den auf dem Heimweg ein israelisches Geschoss traf. Dazu gibt es ein gedrucktes Zertifikat, auf dem in arabischer Schrift steht: "Ein Geschenk von Saddam Hussein für jene, die ihr Blut ließen."

An die 32 Millionen US-Dollar, brüstet sich Ibrahim Zanen, der Verwalter der Finanzhilfen für das palästinensische Märtyrerwesen, habe die irakische Regierung seit Beginn der bewaffneten Intifada im Gaza-Streifen und dem Westjordanland auszahlen lassen. Alles abgezweigt gewissermaßen aus dem Programm "Nahrung gegen Öl" für Saddams Privatprogramm "Spenden zur Agitation".

32 Millionen Dollar - das ist viel Geld, vor allem aber eine wohl kalkulierte PR-Investition, die Saddam nicht nur Popularitätsgewinne unter den Palästinensern, sondern auch auf den Straßen der arabischen Welt eingebracht hat. Zanen jedenfalls setzt auf eine erhöhte Motivationslage, jetzt, wo der Krieg da ist, für Saddam einzutreten. "Und nicht allein auf Demonstrationen", fügt er verschwörerisch hinzu. "Wir sind alle Araber, wir haben unsere Würde. Ich rechne damit, dass so einiges passieren wird, was sich unmittelbar gegen amerikanische und britische Interessen richtet."

Trotz Krieg oder gerade deshalb soll die Auszahlung weitergehen. Zanens Worten ist zu entnehmen, dass Saddam-Dollars bereits auf dem Weg nach Gaza sind. In bar geschmuggelt von Geschäftsleuten, die es auf Umwegen an die Filiale der Kairo-Amman-Bank in Gaza-City überweisen. Das einzige Geldinstitut in den palästinensischen Gebieten, das noch problemlos hohe Summen auszahlen kann.

Dossier: Krieg gegen IrakDossier: Der Nahost-Konflikt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare