Bringen sie das Virus mit nach Hause? Urlauber am Flughafen in Spaniens Hauptstadt Madrid.
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Bringen sie das Virus mit nach Hause? Urlauber am Flughafen in Spaniens Hauptstadt Madrid.

Neuinfektionen

Die Zahlen steigen

Hat die zweite Infektionswelle in Deutschland schon begonnen?

Die kurzfristig gestiegene Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland alarmiert die Politik. Aus Sicht des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) hat eine zweite Infektionswelle in Deutschland begonnen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) führt die Entwicklung vor allem auf mehr Reisen und die Rückkehr von Menschen aus Risikogebieten zurück. Er kündigte an, nach dem Beschluss der Gesundheitsminister von Bund und Ländern zum flächendeckenden Angebot kostenloser Corona-Tests für Reiserückkehrer eine entsprechende Testpflicht zu prüfen.

Am Wochenende wurde bekannt, dass sich im niederbayerischen Mamming mindestens 174 Erntehelfer mit dem Coronavirus infiziert haben. Der betroffene Betrieb wurde vom Landkreis Dingolfing-Landau unter Quarantäne gestellt, keiner der 480 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Betriebsführung darf das Gelände verlassen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Samstag 781 neu übermittelte Corona-Fälle, nach 815 am Vortag. Dieser Wert sei deutlich höher als in den Vorwochen mit im Schnitt etwa 500 Neuinfektionen, erklärte das Institut bereits am Freitag und nannte die Entwicklung „sehr beunruhigend“. „Eine weitere Verschärfung der Situation muss unbedingt vermieden werden“, hieß es. Am Sonntag meldete das RKI 305 neue Infektionen, allerdings werden an Wochenenden in der Regel Daten nicht flächendeckend übermittelt.

FDP kritisiert Jens Spahn

Gesundheitsminister Spahn sagte am Samstag im Deutschlandfunk, er sei „schon wachsam mit diesen Zahlen“. „Wir hatten so eine hohe Zahl wie lange nicht, das ist noch auf niedrigem Niveau, aber sie steigt“, fügte er hinzu. Zunächst setze er drauf, dass rückkehrende Reisende aus Risikogebieten das Angebot kostenloser Tests freiwillig wahrnehmen. Zugleich werde aber eine rechtliche Verpflichtung geprüft. Allerdings schauten Gerichte in einem freien Rechtsstaat sehr genau, dass jeder Eingriff in die individuelle Freiheit verhältnismäßig sei.

An mehreren deutschen Flughäfen wird die Möglichkeit, dass sich Reiserückkehrer kostenlos auf das Virus testen lassen, seit dem Wochenende umgesetzt. An der neuen Teststelle am Flughafen München etwa hätten sich am Samstag „innerhalb weniger Stunden mehr als 120 Personen testen lassen“, teilte das bayerische Gesundheitsministerium am Sonntag mit.

Die FDP warf Minister Spahn Versäumnisse vor. Es sei „vollkommen unverständlich“, warum Spahn erst jetzt dem Prüfen von Pflicht-Tests beginne, kritisierte die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus. „Ob ein verpflichtender Test überhaupt rechtlich möglich ist, hätte er schon vor Monaten klären müssen.“ Aschenberg-Dugnus kritisierte, dass es mitten in der Urlaubszeit „immer noch kein koordiniertes Gesamtkonzept zum Umgang mit Reiserückkehrern“ gebe.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte der Düsseldorfer „Rheinischen Post“: „Wir haben jeden Tag neue Infektionsherde, aus denen sehr hohe Zahlen werden könnten.“ Die Aufgabe bestehe darin, mit den Gesundheitsämtern diese Welle jeden Tag neu zu brechen. „Das klappt erstaunlich gut“, sagte er.

Die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides forderte die Länder der EU auf, sich auf die saisonale Grippe vorzubereiten, die in Kombination mit Covid-19 den Druck auf die Gesundheitssysteme erhöhen könnte. „Die Mitgliedstaaten müssen sich so vorbereiten, dass unverzüglich Maßnahmen eingeleitet werden können, falls das Virus wieder auflebt, so wie wir es derzeit bei lokalen Ausbrüchen erleben“, sagte sie der „Welt am Sonntag“. Es sei wichtig, „dass wir weiterhin soziale Distanz halten und Handhygiene praktizieren“. Kyriakides sagte: „Unser Verantwortungsgefühl wird maßgeblich darüber entscheiden, wie sich die Situation in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln wird. Jetzt ist die Zeit, mehr als jemals zuvor wachsam und vorsichtig zu bleiben.“ (epd/afp)

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