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Seit einiger Zeit gehen eher jüngere Leute gegen Artikel 13 auf die Straße.

Youtuber Rezo

„Es wird an der Expertenmeinung vorbei Politik gemacht“

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Der Youtuber Rezo spricht im Interview über den Widerstand der Szene gegen die EU-Urheberrechtsreform und unsachliche Debatten.

Rezo, die Youtuber-Szene kritisiert massiv die geplante EU-Urheberrechtsreform und bei Demonstrationen protestieren tausende, meist jüngere Menschen gegen die Richtlinie. Warum gibt es gerade in der jüngeren Generation so viel Widerstand gegen die Reform?
Es ist ja nicht so, dass alle Menschen über 30 Jahren für die Reform sind und alle unter 30 dagegen. Mein Eindruck ist eher, dass die Leute, die sich intensiv mit der Reform beschäftigen, sie eher kritisch sehen. Und das sind eher jüngere Leute, die eine hohe Affinität zu Digitalem und Netzthemen haben. Dass sich die etwas Älteren vielleicht nicht so sehr damit beschäftigen, kann damit zu tun haben, dass Netzthemen für sie einfach keine große Rolle spielen. Das kann aber auch daran liegen, dass die Verlage von Zeitungen und Zeitschriften, die die etwas Älteren eher konsumieren, unmittelbar von der Richtlinie profitieren würden. Axel Voss (CDU, Mitglied des Europäischen Parlaments, Anm. d. Red.) hatte sogar bestätigt, dass Zeitungsverlage Politikern mit schlechter Berichterstattung gedroht haben, sollten diese nicht für die Reform und somit für die finanziellen Interessen dieser Verlage abstimmen. Es ist also naheliegend, dass, wenn solche Presseverlage zu solchen undemokratischen Mitteln greifen, um ihre finanziellen Interessen durchzusetzen, diese auch legitime Mittel wie ein Auslassen der grundsätzlichen Berichterstattung genutzt haben. Da haben wir Youtuber vielleicht einen besseren Job gemacht und unsere Zuschauer eher aufgeklärt.

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Hast du das Gefühl, dass da gerade Politik an der jüngeren Generation vorbei gemacht und ihre Meinung nicht gehört wird?
Nein. Es geht ja nicht um eine Richtlinie, die nur für jüngere Menschen schlecht wäre, sondern die für alle gleich schlecht ist. Es wird eher an der Expertenmeinung vorbei Politik gemacht: Deutschlands Datenschutzbeauftragter, der UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, dutzende Menschenrechts- und Digitalrechtsorganisationen, Wirtschaftsverbände, die führenden Urheberrechtsinstitute europäischer Universitäten und viele mehr kritisieren diese Richtlinie scharf. Es geht also um viele verschiedene Kritikpunkte, die von einem diversen Feld von Experten getragen werden. Es geht mir nicht darum, dass man bestimmten Altersgruppen zuhören soll, sondern darum, dass man Personen mit Kompetenz in einem Feld zuhören soll.

In einem deiner Videos sprichst du über „Propaganda“-Techniken, die du in der Diskussion ausgemacht hast. Du kritisierst unter anderem, dass die Diskussion unsachlich geführt werde – auch von Youtubern, die teilweise übertrieben Panik geschürt hätten, etwa, weil sie behauptet hatten, das Internet werde durch die Reform gelöscht. Warum hat sich die Debatte auf der Plattform in diese Richtung entwickelt?
Obwohl die Youtube-Szene in dieser Diskussion wohl die Konstruktivste war und in erster Linie von Juristen, Informatikern und anderen Experten sehr ruhige, sachliche und mit vielen Belegen und Quellen geführte Diskussionen hervorgebracht hat, gab es auch auf dieser Plattform ein paar schwarze Schafe, die sich unnötig emotional mit dem Thema befasst haben. Warum, kann ich als Außenstehender schlecht sagen. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem Presseverlage Politiker bedrohen, die EU-Kommission Bürger als „Mob“ bezeichnet oder andere Artikel-13-Fans wie GEMA, FAZ und Axel Voss Desinformation verbreitet haben: die Angst, nicht gehört zu werden, und die Überforderung mit der Thematik. Ich kann natürlich nachempfinden, weshalb solche Fehler passieren, aber Teil der Debatte sollte es trotzdem nicht sein.

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Du kritisierst, genau wie die meisten Youtuber, an der Richtlinie unter anderem, dass sie zu ungenau und zum Beispiel nicht klar sei, für welche Webseiten und Plattformen die Richtlinie gilt. Außerdem stört ihr euch an den Uploadfiltern, die vermutlich eingesetzt werden würden, weil sie fehleranfällig und nicht für alle Webseiten-Betreiber zu bezahlen seien. Wie sähe denn eine Urheberrechtsreform aus, die du unterstützt?
Die Frage ist falsch gestellt. Die meisten Youtuber kritisieren nichts. Die meisten Youtuber sind wie die meisten Fernsehzuschauer und die meisten Zeitungsleser und die meisten Musiker zu unpolitisch und nehmen nur am Rande solche Themen auf. Insofern gibt es auch kein „ihr“ im Sinne von Youtubern. Das einzige Kollektiv sind per Definition die „Kritiker“. Wenn man „ihr“ sagt, muss man damit also mich, den Datenschutzbeauftragten, UN-Sonderberichterstatter und die restlichen Kritiker zusammenfassen. Aber: Dass wir eine Reform des Urheberrechts brauchen und im Idealfall eine auf EU-Ebene, ist unbestritten.

Und wie könnte die aussehen?
Man könnte zum Beispiel eine Pauschalabgabe einführen – so wie das zurzeit schon in anderen Bereichen gemacht wird. Von jedem gekauften Datenträger, mit dem man etwa Musik vervielfältigen kann, geht ein kleiner Teil an die Künstler beziehungsweise die Verwertungsgesellschaften. Bei der Presse ist das ähnlich. Und so könnte man das online bei den Webseiten auch machen: Für das Material, das die Nutzer einer Seite streamen, müssen die Plattformen bezahlen. Wessen Nutzer viele Terabyte streamen, zahlt mehr als ein kleines Forum, in dem es nur um wenig Material geht. Die Probleme, die Artikel 13 für normale Nutzer und mittlere Webseiten mit sich bringt, würden bei dieser Alternative nicht vorhanden sein und die Künstler und Kreativen würden mehr für ihre Arbeit bezahlt werden. Diese und andere Alternativen stehen schon seit langem im Raum.

Rezo produziert Musik- und Comedyvideos für seinen Youtube-Kanal.

Du hast dich an #calleu beteiligt und verschiedene EU-Abgeordnete angerufen, um persönlich mit ihnen über das Thema zu diskutieren, und Ausschnitte davon bei Youtube hochgeladen. Wie sind die Abgeordneten dir im Gespräch begegnet, wie war das für dich?
Die Mitarbeiter der Abgeordneten, mit denen ich in den meisten Fällen telefoniert habe, waren erst mal sehr freundlich. In vielen Fällen habe ich einfach aber auch gemerkt, dass sie abgewartet haben, bis ich fertig war, um mir das Gefühl zu geben, dass sie mir zuhören, aber dann aufgelegt haben. Ich hatte jetzt nicht das Gefühl, dass ich etwas krass verändern konnte. Aber erst wenn viele Menschen da anrufen, passiert vielleicht was. Und das war das Ziel an der Stelle: nicht, dass ich einen Abgeordneten durch meinen Anruf dazu bringe, seine Meinung zu ändern. Sondern dass viel mehr Menschen anrufen und den Abgeordneten klar wird, dass die Sache für viele Bürger wichtig ist. Es war schon eine erstaunliche Erfahrung, weil ich von manchen Mitarbeitern gehört habe, dass nur zehn oder 20 Leute pro Tag dort anrufen. Das kam mir sehr wenig vor und sprach für mich dafür, dass sich zu wenige Menschen aktiv politisch einbringen. Und ich bin sehr froh, dass auch da wieder viele Bürger angerufen und gezeigt haben, wie es geht. Und dass man die Leute auch einfach mal anrufen und mit denen darüber sprechen kann.

Wie hoch schätzt du die die Chance ein, dass die Reform noch gekippt wird?
Es ist beides realistisch, aber mehr kann ich nicht sagen. Bauchgefühle über Abstimmungschancen interessieren mich nicht so sehr. Dafür bin ich zu wenig Politiker und zu viel Informatiker: Ich betrachte die Richtlinie, stelle faktische Risiken fest und kläre darüber auf. Mehr nicht.

Interview: Ruth Herberg

Zur Person

Rezo (26), der seinen echten Namen nicht nennt, hat einen Master in Informatik mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz gemacht. Für seinen Youtube-Kanal produziert er Musik- und Comedyvideos. Ihm folgen gut 1,5 Millionen Abonnenten.

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