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Leonid Wolkow organisiert für den Politiker Nawalny den Präsidentschaftswahlkampf.
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Leonid Wolkow organisiert für den Politiker Nawalny den Präsidentschaftswahlkampf.

Russische Opposition

Youtube-Videos und Gespräche an der Haustür

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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Die Anhängerschaft des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny wächst und wächst. Die Putin-Gegner setzt auf eine Taktik, die sich bereits in den USA bewährt hatte.

Das Büro in Moskau, von dem aus die Demokratie in Russland verteidigt wird, könnte ein Start-Up-Labor sein: Auf dunklen Tafeln stehen Namen und Zuständigkeiten für Aufgaben, vulgär-lustige Sprüche und das Datum „20!8“ – im kommenden Jahr steht die Präsidentschaftswahl an.

Rote Luftballons mit dem Schriftzug „Nawalny“ hängen im Raum, am Fenster sitzt Leonid Wolkow, vor ihm auf dem Tisch steht eine Tasse, auf der Putin als eine Karikatur gezeichnet hinter einem Verbotszeichen zu sehen ist. Wolkow ist seit wenigen Tagen Vater, an diesem Novembertag ist er 37 Jahre alt geworden, doch statt zu feiern, redet er nun mit einem Dutzend polnischer und deutscher Journalisten. Die zentrale Frage des Gesprächs: Wie schafft es der Putin-Kritiker Alexej Nawalny, den Kreml nervös zu machen?

Wolkow redet nicht lange herum: „Hier in der Zentrale managen 30 Leute die Kampagnen in 80 Regionen Russlands“, erläutert er. Er meint den Präsidentschaftswahlkampf des Juristen Nawalny, der Wladimir Putin herausfordern will. Offiziell wird erst Mitte Dezember bekanntgegeben, ob Nawalny zu den Wahlen im März zugelassen wird. Doch die Staatsmacht hat bereits signalisiert, dass der Anti-Korruptionsaktivist sich keine Hoffnung machen solle.

Alexej Nawalny hat Erfolg auf der Straße

Vor einem Jahr hat er seine Kandidatur bekanntgegeben, seitdem hat er landesweit Dutzende Wahlkampfbüros eröffnet. Sie wurden verwüstet, Unterlagen wurden beschlagnahmt, Nawalny selbst wurde angegriffen, seine Anhänger werden in Schulen unter Druck gesetzt, und das Büro der Kampagnenzentrale in dem Moskauer Business-Center wird abgehört, sagt Wolkow.

Der junge Politiker berichtet darüber, als hätte er lediglich einen anstrengenden Ausflug in die Berge unternommen. Seinen Optimismus, dass Nawalny und seine „Fortschrittspartei“ den Gipfel der russischen Politik erklimmen werden, erklärt er so: „Wir können gar nicht verlieren. Die Gegenseite kann nämlich nichts gewinnen.“

Die Gegenseite, das ist Präsident Wladimir Putin und die Regierung von Dmitri Medwedew. „Die müssen Wahlen in einem nicht freien politischen System abhalten, das ist Stress für sie. Alle paar Jahre müssen sie eine Show abziehen, und wir stören sie“, führt Wolkow aus.

Den Stress bereitet die Opposition der russischen Regierung auf vielerlei Weise. Nawalny setzt auf eine Mischung aus Infotainment und Politisierung. Sein Anti-Korruptions-Fonds sorgte in den vergangenen Jahren regelmäßig mit Veröffentlichungen von Besitzunterlagen der russischen Machtelite für Aufsehen.

Seine Filme über die Familie von Generalstaatsanwalt Juri Tschaika und über fragwürdige Bereicherungen des Premier Medwedew erreichen via Youtube Millionen Zuschauer. Seine jungen Unterstützer führen ihre Lehrer in Diskussionen vor und veröffentlichen die heimlich gefilmten Videos online.

Was die Regierung aber mehr als alles andere stresst, das ist der Erfolg Nawalnys auf der Straße. Obwohl der 41-Jährige keinen Auftritt im russischen Fernsehen bekommt, wächst seine Anhängerschaft stetig. Fast täglich veröffentlicht er Bilder von Versammlungen, die er in russischen Metropolen und Provinzen abhält.

Der Nawalny-Stab setzt dabei auf eine Taktik, die schon Barack Obamas Team in den USA erfolgreich angewandt hatte: Junge Menschen gehen von Tür zu Tür und überzeugen Nachbarn, Bekannte und Verwandte von Nawalny. „Wir brauchen kein Fernsehen, unser Medium sind die Jugendlichen und das Internet“, sagt Wolkow. „Heute hat mir sogar meine Oma zum ersten Mal über Facebook gratuliert, sie ist 92.“

Dass diese Taktik funktioniert, haben Nawalny und Wolkow 2013 bewiesen. Damals war Nawalny als Oberbürgermeisterkandidat in Moskau angetreten. Wolkow – einst IT-Manager in Jekaterinburg und Lokalpolitiker – war schon damals dabei. Nawalny kam von drei Prozent in anfänglichen Umfragen schließlich auf 27 Prozent – hinter dem farblosen Sergej Sobjanin (51 Prozent) von Putins Partei Einiges Russland. Das war ein Schock für die Mächtigen.

Der Stress, von dem Wolkow spricht, ist Unsicherheit. Zwar sympathisieren nach den Umfragen der unabhängigen Meinungsforscher des Lewada-Instituts rund 82 Prozent der Russen mit Putin, aber das bedeute nicht, dass sie ihn auch wählen würden. Nawalny erreicht aktuell nach Einschätzung von Lewada etwa sechs bis acht Prozent Zustimmung. Wolkow glaubt, würde Nawalny zugelassen und würden die Wahlen ehrlich abgehalten, könnte Nawalny wie bei der Oberbürgermeisterwahl in Moskau vor vier Jahren 25 Prozent erreichen, Putin käme auf 60.

Wovor also fürchtet sich der Herrscher im Kreml? Vor der Ehrlichkeit, mein Wolkow. „60 Prozent sind für ihn nicht akzeptabel. Das würde ja bedeuten, dass das, was sie uns seit Jahren über die Stimmung im Volk, über den Krimkonflikt und vieles andere erzählen, nicht stimmt.“

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