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Berühmter Ort der Erinnerung: Die „Halle der Namen“ in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
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Berühmter Ort der Erinnerung: Die „Halle der Namen“ in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Holocaust

Yad Vashem von Urteil „verstört“

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Die israelische Holocaust-Gedenkstätte verteidigt ein Buch über Polens Verwicklung in die Judenverfolgung.

Mit „tiefer Besorgnis“ hat jetzt Israels nationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auf das Urteil eines Warschauer Gerichts reagiert, wonach sich ein Autorengespann für seine Nachforschungen über die Judenverfolgung in Polen während der deutschen Besatzung schriftlich für „nicht akkurate Informationen“ entschuldigen soll.

Man erkenne die richterliche Entscheidung zwar an, heißt in der Yad-Vashem-Erklärung, aber sei „sehr verstört“ über ihre Auswirkungen. „Jeder Versuch, den wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs durch politischen oder juristischen Druck zu begrenzen, ist unakzeptabel.“ Damit werde der akademischen Freiheit ein schwerer Schlag zugefügt.

Konkret geht es um Passagen eines 1600 Seiten starken Werks namens „Nacht ohne Ende“, in denen der damalige Bürgermeister des polnischen Dorfes Malinowo bezichtigt wird, Jüdinnen und Juden an Nazis ausgeliefert beziehungsweise betrogen zu haben. Geklagt hatte die 81-jährige Nichte des Beschuldigten, die vortrug, damit werde die Ehre ihres verstorbenen Onkels sowie ihrer Familie verletzt. Tatsächlich sei der Onkel, Edward Malinowski, ein „Held“ gewesen, der jüdische Verfolgte gerettet habe. Ihrem Antrag auf Schadenersatz in Höhe von rund 25 000 Euro gab das Gericht jedoch nicht statt.

Die Wahrheit ist mitunter widersprüchlich, auch in diesem Einzelfall, worauf Yad Vashem verweist. Mit der komplexen Realität müsse sich die historische Forschung auseinandersetzen. Besagtes Buch, herausgegeben von Jan Grabowski, einem polnisch-kanadischen Geschichtsprofessor, und Barbara Engelking, Direktorin des Polnischen Zentrums für Holocaust-Forschung in Warschau, leiste genau das.

Die Gedenkstätte in Jerusalem jedenfalls plant, den Band auf Englisch zu veröffentlichen. Die Debatte um inhaltliche Kritik an dem Werk habe nichts vor Gericht zu suchen. Ähnlich argumentieren Kolleg:innen der beiden Autoren, die geltend machten, eventuell fehlerhafte Einschätzungen solle man besser von Fachleuten einordnen lassen.

Womöglich war Bürgermeister Malinowski auch Retter und Täter in einer Person. So soll er einer polnischen Jüdin, geboren als Estera Siemiatycka, geholfen haben, sich mit falschen Papieren unter „arischem Namen“ in eine Gruppe einzuschleusen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt wurde. Die nicht mehr lebende Zeitzeugin sagte 1996 allerdings auch aus, Malinowski habe sie um ihr Geld und ihren Besitz gebracht. Weiter heißt es in dem Buch, Siemiatiycka, die sich später in Estera Wiltgren umbenannte, habe gewusst, dass Malinowski als Komplize der Nazis für den Tod einiger Dutzend im Wald versteckter und an die Deutschen ausgelieferter Juden mitverantwortlich gewesen sei. In einem Prozess nach dem Krieg, der für Malinowski mit einem Freispruch endete, hatte sie ihn entlastet, ihre Aussagen aber danach revidiert.

Das Buch „Nacht ohne Ende“ dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen Polen und Polinnen jüdischen Mitbürger:innen zum Überleben verhalfen. Nicht von ungefähr sind die Polinnen und Polen die mit Abstand größte Gruppe unter den „Gerechten der Völker“, die von Yad Vashem geehrt werden, weil sie ihr Leben riskierten, um Jüdinnen und Juden vor dem Zugriff der Nazis zu bewahren.

Dennoch spart das Buch nicht die Kehrseite aus, der zufolge andere polnische Landsleute Juden an NS-Schergen verrieten.

In Zeiten des Kommunismus war das Thema tabu. Eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit verstellt aber auch ein 2018 in Warschau verabschiedetes Gesetz. Es verbietet, der polnischen Nation eine Beteiligung an Holocaust-Verbrechen vorzuwerfen. Erst auf internationale Einsprüche hin strich die Regierung schließlich den Passus, dies mit Gefängnisstrafen zu ahnden.

Polen zieht es vor, sich allein in der Opferrolle zu sehen. Schließlich wurden während der deutschen Besatzung auch über zwei Millionen meist polnische Christ:innen umgebracht. Dass sich individuell ebenfalls Pol:innen schuldig machten, als drei Millionen der damals 3,3 Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung des Landes ermordet wurden, wird lieber ausgeblendet.

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