Hoch hinaus mit der Hahnenkamm-Bahn in Kitzbühel.
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Auch in Kitzbühel wird ein immenser Aufwand betrieben, um den Wintersportort zu erhalten.

Interview

WWF-Expertin über Wintersport: „Die Natur wird unwiederbringlich zerstört“

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Wintersport hat Auswirkungen auf den Klimawandel. WWF-Umweltexpertin spricht im Interview über alternativen Tourimus. 

Frau von Münchhausen, Wintersport und Skiurlaub in Zeiten des Klimawandels – macht das noch Sinn?

Das macht keinen Sinn. Wir sollten über Alternativkonzepte nachdenken, denn die Prognosen sind klar: Skigebiete unterhalb von 1500 bis 1800 Meter werden künftig nicht mehr ohne künstlichen Schnee und eine aufwendige technische Unterstützung auskommen. Die Frage ist: Werden sich die Skigebiete in immer höhere Lagen ausbreiten, zum Beispiel auch in Gletschergebiete, oder verabschiedet man sich langfristig von einer Sportart, die bei diesen Temperaturen einfach nicht mehr funktioniert.

Was sind die alternativen Konzepte?

Wer Schnee mag, kann immer noch Langlauf, Schneeschuhwandern oder Ski-Touren machen. Darauf setzen inzwischen immer mehr Regionen, die dem Trend „höher, schneller und weiter“ nicht folgen können oder wollen. Außerdem sollte man in Gebiete fahren, die auf Kunstschnee verzichten.

Also zusammengefasst: weniger Schneekanonen und mehr Wanderwege.

Ja, und wenn in den Skigebieten genug Schnee liegt, spricht ja auch nichts gegen das Ski-Fahren.

Viele Wintersportorte fürchten allerdings, dass mit dem Schnee auch die Gäste ausbleiben.

Die Befürchtungen kenne ich. Allerdings ist in Bayern kein wirtschaftlicher Niedergang zu erkennen. In den meisten Regionen herrscht Vollbeschäftigung – im übrigen auch deshalb, weil einige Regionen bereits auf nachhaltige Konzepte setzen.

WWF-Expertin: Wintersport und Klimaschutz passen zusammen

Wintersport, Natur- und Umweltschutz passen also zusammen?

Ja. Man darf aber nicht vergessen, dass die Alpen das meistgenutzte Hochgebirge der Welt sind und gleichzeitig der artenreichste Naturraum Europas. 50 Millionen Touristen kommen jedes Jahr. Man wird also immer Tourismuskonzepte brauchen, um diese Besucherströme zu lenken. Tourismus ist das A und O in den Alpen – und wird es auch bleiben.

Einige Wintersportorte liefern sich allerdings ein Wettrüsten: Mehr Schneekanonen, neue Lifte, größere Pisten.

Das Problem besteht insbesondere in Frankreich, Italien und Österreich. Dort will man die nächsten 20, 30 Jahre überleben, indem man Mega-Resorts erschafft und einzelne Skigebiete zu immer größeren Flächen zusammengelegt.

Wie lange verkraften die Alpen diese Art des Tourismus noch?

Das ist schwer zu sagen. Auch, weil das Konzept ja funktioniert: Der Preis steigt und die Gäste kommen weiterhin. Wenn auch die Zahl der Skifahrer stagniert. Es sind ungeheure Investitionen notwendig, die sich aber vom rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt vermutlich rechnen. Die Eingriffe in die Bergwelt allerdings sind massiv und können nicht mehr repariert werden. Wer wird hier für die Kosten der Renaturierung aufkommen? Die Frage ist auch: Wie lange werden die Gäste diese Zerstörung mittragen?

Manche denken über Kompensation nach – also für jeden gerodeten Baum an einem anderen Ort einen neuen Baum zu pflanzen.

Das ist nicht der richtige Weg. Denn die Natur wird unwiederbringlich zerstört. Bei dem Bau der neuen Gebiete werden ja zum Teil ganze Bergkuppen abgesprengt. Das kann man nicht kompensieren. Solche Maßnahmen dienen allein dazu, die Gäste zu beruhigen.

Wintersport und der Klimawandel: Politik muss eingreifen

Muss die Politik dem Ausbau von Wintersportgebieten eine Grenze setzen?

Ja; leider fördert die Politik in vielen Alpenländern noch den Ausbau der Gebiete. Diese Subventionen und Fördermittel sollten stattdessen in die Modernisierung der bestehenden Gebiete fließen und viel mehr in die Ausweitung der Gebiete, die als natürliche Anpassungsräume und Schutz für die Folgen des Klimawandels dienen.

Nehmen wir an, der Skibetrieb ist in kleinen Gebieten irgendwann nicht mehr möglich, weil der Schnee wegbleibt, die Erneuerung der Lifte zu teuer ist und weniger Gäste kommen. Was passiert mit den Liften und den Anlagen?

Schon jetzt stehen viele alte Anlagen still und sind zu Bauruinen geworden, weil das Geld fehlt, sie abzubauen. Auch für den Rückbau müsste es öffentliche Gelder geben, damit diese Gebiete renaturiert werden können. Das geschieht leider selten.

Interview: Steffen Herrmann

Zur Sache: Tiroler Projekte

Der Plan, die Gletscherskigebiete Pitztal und Ötztal zusammenzuschließen, sorgt in Österreich für Aufregung. Eine Online-Petition gegen das Projekt haben mehr als 150 000 Menschen unterschrieben. Gegen das geplante gigantische Skigebiet kämpft auch eine Allianz aus Alpenverein und Umweltschutzorganisationen.

Ein Bericht der Uni Innsbruck im Auftrag des WWF Österreich wirft den Unterstützern des Projekts Kurzsichtigkeit vor. Demnach würden selbst bei der optimistischsten Klimaprognose bis 2050 etwa zwei Drittel des Gletschereises verschwinden. Der Rückzug der Gletscher hätte zur Folge, dass das Gelände für den Skibetrieb immer weiter umgebaut und aufgerüstet werden müsste, warnt der WWF.

Die Befürworter erhoffen sich wirtschaftlichen Aufschwung und eine Verbesserung der schwachen Infrastruktur des Tals. Eine für diese Woche anberaumte mündliche Umweltverträglichkeitsprüfung wurde vertagt.

Auch die geplante Fusion des Langtauferstal in Südtirol mit dem Kaunertaler Gletscher in Österreich erhitzt die Gemüter. Hier sollen die Skigebiete über zwei Kabinenbahnen verbunden werden. Der Zusammenschluss soll auch hier die Wirtschaft ankurbeln, mehr Touristen anlocken sowie neue Arbeitsplätze schaffen und damit die schleichenden Abwanderung stoppen. In den kommenden Wochen will die Südtiroler Landesregierung über das Vorhaben entscheiden. sha


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