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Pegida-Anhänger beim Fahneschwenken am 25. Januar in Dresden.

Pegida

Wutbürger in der Sackgasse

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Die große Illusion, die Pegida verbreitet hat, lautet: Politik ist ganz einfach. Man muss nur wollen und auf das Volk hören. Und weil Pegida das Volk ist, ihr da oben, hört auf Pegida! Nun hat sich die Führung der Dresdener Pegida-Bewegung zerlegt, der Frust der Massen bleibt jedoch.

Sigmar Gabriel weiß Bescheid. „Eine Erlösung für Dresden“, meinte der Vizekanzler und SPD-Chef, als er vom Auseinanderbrechen der Pegida-Führungsriege in der sächsischen Landeshauptstadt erfuhr. Und tatsächlich: Mindestens fünf der zehn Vereinsmitglieder haben die Brocken hingeworfen. Kathrin Oertel und Lutz Bachmann, die bekannteren Gesichter der Wutbürger-Bewegung, machen wohl nicht mehr mit. Allerdings: Bei Bachmann, wegen Drogenhandels und zahlreicher Einbrüche vorbestraft, weiß man nicht, wie lange seine Sätze haltbar sind.

Und ob Oertel tatsächlich eine gemäßigtere Bewegung auf die Beine bekommt, die sich mehr mit direkter Demokratie als mit Asylfragen befassen will – abwarten.

Dennoch, es gibt unübersehbare Zeichen dafür, dass Pegida, so wie es bislang funktionierte, an ein Ende gekommen ist. Gerade einmal drei Monate ist die Bewegung alt, die als versprengtes Häuflein mit ein paar Plakaten in der Dresdner Altstadt begann. Ein politisches Monstrum ist daraus geworden, das Dresden, Sachsen, Deutschland erschüttert.

Was als lokal organisierter Feierabendprotest begann, ist eine Massenbewegung geworden und den Führungsleuten über den Kopf gewachsen. Man wolle sich „nicht zu Tode laufen“, hatte Hitler-Imitator Bachmann vor einigen Tagen geklagt. Man wolle doch auch wieder einmal montags zu Hause auf der Couch sitzen. Mitstreiterin Oertel stöhnte, es gebe ja auch noch die Kinder und den Beruf.

Die große Illusion, die Pegida verbreitet hat, lautet: Politik ist ganz einfach. Man muss nur wollen und auf das Volk hören. Und weil Pegida das Volk ist, ihr da oben, hört auf Pegida! Die Bewegung, die gerne Albtraumbilder von arabischen Parallelgesellschaften in Berlin-Neukölln beschwor, ist selbst ein riesiges Paralleluniversum geworden: eine abgeschottete Welt, offensichtlich mit vielem überfordert, nicht bereit, andere Meinungen gelten zu lassen, auch nicht bereit, mit anderen, schon gar nicht mit der „Lügenpresse“, zu reden. Laut, wutgeladen, hoch politisiert und total demokratieverdrossen.

Im Untergang der Dresdner Führungsriege und in ihrer Spaltung zeigt sich auf ironische Weise das ganze Missverständnis der Bewegung, die sich für „das“ Volk im Besitz „der“ Wahrheit hält, die „der Politik“ laut präsentiert werden muss: Nicht einmal die zehn an der Spitze konnten sich einigen, wie es mit Pegida und Bachmann nach dessen rassistischen Ausländerbeschimpfungen und seinem geschmacklosen Hitler-Pipifax weitergehen sollte.

Nicht einmal zehn waren einer Ansicht. Aber gleichzeitig wollte man das Sprachrohr für Millionen Deutsche sein?

Und nun? Ist Dresden „erlöst“, wie Sigmar Gabriel meint? Der Mann, der sich vor einer Woche in Dresden ins Stadtmuseum hockte, um einmal mitzuerleben, wie der frühere Kaplan Frank Richter Pegida-Anhänger und Pegida-Gegner dazu bringen wollte, miteinander zu sprechen, er müsste es besser wissen.

Mag Oertel sich demnächt mehr um ihre Kinder kümmern oder um direkte Demokratie, mag Bachmann die Bequemlichkeit seiner Couch zukünftig häufiger genießen. All das, was Pegida allein in Dresden auf 25 000 und mehr Anhänger anschwellen ließ, es ist trotzdem nicht weg. Mag sich die Bewegung weiter zerteilen und zerfasern, mag das Geschrei an Montagen in Dresden weniger werden. Frust, Wut, Unverständnis, Angst, Ausländerhass – der Treibstoff ist nicht weniger geworden. Das sind eine Menge Hausaufgaben für eine Menge Leute. Nicht nur „die Politiker“, sondern auch die Montagsdemonstranten, die gerne von sich behaupten, keine Islamfeinde, Rechtsradikalen oder Querulanten zu sein, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die sich von „der Politik“ missachtet fühlen. Vielleicht, mutmaßte der Dresdner Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt im MDR, habe es Lutz Bachmann mit seinem ausländerfeindlichen Geschimpfe ja geschafft, die Pegida-Bewegung so zu spalten, dass zukünftig nur noch der rechtsradikale Teil auf die Straße zieht. Ein kleinerer Teil, den man, so Patzelt, dann „mit Fug und Recht verscheuchen“ könne.

Kommenden Montag ist keine Pegida-Demo. Sie wurde abgesagt.

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