"Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe"

Auch nach 50 Jahren ist Erich Caspar der Untergang der "Gustloff" gegenwärtigVor 55 Jahren, am 30. Januar 1945, versank nach drei Torpedotreffern der überfüllte Flüchtlingsdampfer "Wilhelm Gust loff" in der eisigen Ostsee. Bei der größten Katastrophe in der Seefahrtgeschichte kamen mehr als 5000 Menschen ums Leben. Rund 1250 wurden gerettet, darunter der Gelnhäuser Erich Caspar.

Von JÖRG ANDERSSON

GELNHAUSEN. "Wenn der Mensch in Not ist, hält er viel aus", sagt der Mann mit den stets roten Wangen und plaudert gleich drauf los. "Bei 43 Grad Minus habe ich mir kurz vor Moskau die Stiefel von den eingefroren Füßen geschnitten".

Gemeinsam blicken wir auf das Gemälde, das über dem Esszimmertisch hängt: ein junger Wehrmachtssoldat, der offenbar stolz eine mit Auszeichnungen dekorierte Uniform trägt. Den Erich Caspar von heute, weißgraue Haare, buschige Augenbrauen, erkennen wir auf einem Foto an der Stirnseite des Wohnzimmers. Als "musikalischer Botschafter des Friedens" posiert er mit seiner bekannten Ziehharmonika vor dem Kreml in Moskau.

Über 50 Jahre liegen zwischen den Momentaufnahmen, die der 77-Jährige mit einer fast ungläubigen Erkenntnis kommentiert: "Es ist schon ein Wunder, dass ich noch lebe." Dann versucht er sich jene Augenblicke in Erinnerung zu rufen, als er dem Tod gleich zweimal um Haaresbreite entging.

Ostpreußen, Ende Januar 1945: Aus einem Erdloch feuert ein deutscher Soldat mit einer Panzerfaust auf einen russischen T 34, doch das Geschoss prallt ab: "Heinrich, was hast Du für ein Scheiß gemacht", entfährt es Erich Caspar, der daneben hockt und nach seiner Maschinenpistole greift, als das Granatfeuer einsetzt. Splitter bohren sich in seinen Kopf und die Lunge, Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand werden abgerissen.

Der Panzer folgt der Spur, den die Treibladung im Schnee hinterlassen hat. "Über uns begann er zu mahlen", so Caspar, der Stunden später unter seinem toten Kameraden bewusstlos entdeckt und nach Pillau transportiert wird, von wo ihn ein Schlepper nach Gotenhafen bringt.

An Bord der Wilhelm Gustloff findet Caspar auf dem Oberdeck Platz. "Alles war überfüllt, man kam nicht einmal zur Toilette durch", weiß er noch. Dann, um 21.16 Uhr, nach mehreren Stunden Fahrt, erschütterten dumpfe Detonationen den Dampfer. "Die Maschinen stoppten sofort, schon kurz darauf legte sich das Schiff quer", berichtet Caspar.

Zuerst sei er in ein Rettungsboot gelangt. Beim Herablassen habe sich jedoch ein Haken ausgehängt und das Boot sei nach vorne gekippt. Mit letzter Kraft habe er sich an einem Drahtseil festklammern und wieder hochziehen können. Schließlich sei er dann kurz vor dem Untergang des Schiffs, ins Wasser gesprungen: "Ich dachte mir, nur noch weg, bevor dich der Sog erfasst." Etwa 100 Meter sei er geschwommen.

Wie lange Caspar dann noch im etwa null Grad eisigen Wasser trieb, weiß er nicht mehr. Auf einmal habe ihn ein Boot aufgefischt. An Bord habe es eine Überraschung gegeben. "Du wirst doch nicht der Caspar aus der Burg sein", habe ihm jemand zugerufen. Wilhelm Hofmann aus Altenhaßlau sei das gewesen.

In Kopenhagen habe man ihn an Land gebracht, fährt Caspar fort. Über Hamburg sei er dann ins Lazarett nach Marburg gebracht und von dort trotz Verletzung in Kriegsgefangenschaft nach Frankreich überführt worden.

1947 kehrte Caspar in seine Heimatstadt Gelnhausen zurück, in der er als jüngster unter 14 Geschwistern aufwuchs. Kurz darauf heiratete er seine Frau Elisabeth. Fünf Kinder gingen aus der Ehe hervor. Tragisch: Sohn "Hansi" starb bei einem Bundeswehrmanöver.

Zuletzt kramt Caspar wieder freudigere Erinnerungen hervor: eine Pressedokumentation und Fotos von seinen Besuchen in Istra. Bilder zeigen ihn auf einem Soldatenfriedhof, umringt von Russen. Auch die seien damals Soldaten gewesen. "Wir haben uns ohne Rachegefühle über den Krieg unterhalten, aber nur kurz", sagt Caspar, greift seine Ziehharmonika und spielt das Wolga-Lied.

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