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Angriff auf Putins „Wunder“

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Von: Stefan Scholl

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Russischer Löschhubschrauber kämpft gegen den Brand auf den Gleisen der Brücke über der Kertscher Meerenge.
Russischer Löschhubschrauber kämpft gegen den Brand auf den Gleisen der Brücke über der Kertscher Meerenge. © dpa

Der Verkehr auf der Krim-Brücke rollt wieder, doch für Russlands Präsident sind die Explosionen ein großes Problem

Als wäre nichts gewesen, machte die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti am Sonntag ihre Website mit der Nachricht auf, dass der Angriff der Ukrainer an der Chersoner Front stecken geblieben sei. Der Anschlag auf die Krim-Brücke machte am Sonntag in Russland kaum noch Schlagzeilen.

Am Samstagmorgen hatte eine schwere Explosion ein etwa hundert Meter langes Fahrbahnstück der Autobahnbrücke zum Einsturz gebracht. Auch die parallele Eisenbahnbrücke vom russischen Festland zur annektierten Halbinsel Krim wurde beschädigt. Drei Menschen kamen ums Leben, drei weitere werden noch vermisst.

Der militaristische Teil der russischen Öffentlichkeit forderte Rache für den Anschlag. Der Kreml dagegen scheint auch diese Schlappe lieber unter den Teppich zu kehren.

Präsident Wladimir Putin äußerte sich nicht, berief nur eine Regierungskommission ein und übertrug den künftigen Schutz des 19 Kilometer langen und umgerechnet 3,8 Milliarden Euro teuren Bauwerkes dem Inlandsgeheimdienst FSB.

Rechte fordern Vergeltung

Dabei hatten rechte Kommentatoren sofort Vergeltung gefordert, Vernichtungsangriffe auf die gesamte Infrastruktur der Ukraine und insbesondere auf alle acht Dnjepr-Brücken der ukrainischen Hauptstadt Kiew. „Soll Selenskyj im Schlauchboot zur Arbeit paddeln!“, sagte ein Moderator des TV-Kanals Zargrad.

Aber das offizielle Moskau tat alles, um die Schäden herunterzuspielen. Der Zugverkehr wurde schon am Samstagabend angeblich in vollem Umfang wieder aufgenommen, ebenso ein „Reserveverkehr“ für Pkw und Busse auf der zweiten Fahrbahn. Da man jetzt alle Fahrzeuge komplett kontrollieren will, dürfte dieser Verkehr nur langsam fließen.

Laut den Angaben der Behörden werden die Zerstörungen an der Brücke den Transport von Nachschub für die bedrängten russischen Truppen in der südrussischen Region Cherson kaum beeinträchtigen. Aber nach Ansicht vieler Fachleute stellt die Explosion über der Kertscher Meerenge nach der Versenkung des Kreuzers Moskwa und den Verlusten von Isjum und Lyman auf dem ostukrainischen Schlachtfeld eine neue schwere Niederlage an der PR-Front dar.

Die Krim-Brücke gilt als Symbol des neurussischen Imperialismus, ein „Wunder“, so Wladimir Putin bei der Eröffnung 2018, „schon unter den Väterchen Zaren haben die Menschen davon geträumt, es zu bauen“. Ex-Präsident Dmitri Medwedew drohte im Juli, bei einem Angriff der Ukrainer auf die Krim träfe „sie alle augenblicklich das Jüngste Gericht“.

Ukrainische Politiker und Generäle bezeichnen die Krim-Brücke seit Monaten als eines ihrer militärischen Hauptziele. Russische Medien dagegen berichteten von verstärkten Maßnahmen zum Schutz der Brücke. Sie wird von Aufklärungssatelliten, Russlands modernsten Flak-Systemen, Sprengstoff-Großscannern und Kampftauchern, laut „Washington Post“ auch speziell trainierten Delphinen, verteidigt.

Es ist nicht klar, was die Explosionen ausgelöst hat. Angeblich soll ein aus Russland kommender Lastwagen, der laut Frachtbrief Ersatzteile transportierte, in die Explosion verwickelt sein.

Neuer Befehlshaber ernannt

Mychailo Podoljak aus dem Beraterstab Selenskyjs erklärte hinterher, der Sabotageakt sei Folge eines Konfliktes zwischen den Geheimdiensten und den Militärs Russlands. Wie ernst seine Aussage war, ist unklar. Mehrere ukrainische Medien berichteten, der ukrainische Sicherheitsdienst SBU stehe hinter dem Anschlag, ein pensionierter Sprengstoffexperte der britischen Armee sprach gegenüber der BBC von einem „Meisterwerk“.

Der russische Militärexperte Ruslan Lewijew sagte dem Kanal TV Doschd, angesichts des zumindest teilweise wieder aufgenommenen Verkehrs über die Brücke werde es kaum die Lage an der Front beeinflussen. „Spürbarer werden die moralischen und politischen Aspekte sein.“ Jedenfalls zeigten sich die russischen Sicherheitsorgane außerstande, Putins „Wunder“ selbst gegen vorangekündigte Angriffe der Ukrainer zu verteidigen.

Das russische Verteidigungsministerium ernannte am Sonntag einen neuen Befehlshaber für die Truppen in der Ukraine, den Armeegeneral Sergej Surowikin, der in Tschetschenien und Syrien gedient hatte und laut dem Portal meduza.io als Anhänger massierter Artillerie- und Raketenschläge gilt. An der russischen Kampfweise in der Ukraine dürfte sich aber auch so nicht viel ändern.

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