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Vielleicht ist es dann „very british“, in der Niederlage nur eine verlorene Schlacht und nicht einen verlorenen Krieg zu sehen.

Brexit

Auf Wiedersehen

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  • Katrin Pribyl
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Um Mitternacht verlässt Großbritannien die EU – mit unabsehbaren Folgen. Die Brexit-Gegner wollen für eine Rückkehr kämpfen.

In der kommenden Nacht zum Samstag, 1. Februar, wird die Stadtmitte Londons wohl nicht viel Ruhe finden. Aber nicht allein wegen des üblichen alkoholischen Vorglühens in den Pubs und Clubs fürs Wochenende – deswegen natürlich auch. In dieser Nacht soll es aber zusätzlich patriotische Lichtspielereien über Downing Street geben. Und am Parliament Square in Westminster wird ein Sound-System aufgebaut, das die dort anberaumte EU-Austritts-Party mit dem Siegesschlagen von Big Ben aus der Tonkonserve anheizen soll. Eine halbe Million Pfund für elf Glockenschläge aus dem Sanierungsfall Houses of Parliament war dann doch auch den eifrigsten Brexit-Verfechtern etwas zu viel.

Vielleicht auch Mark Francois. Obwohl der 54-jährige Tory-Abgeordnete in der letzten europäischen Nacht Großbritanniens zu fast allem bereit scheint. „Ich werde nicht ins Bett gehen in dieser Nacht, sondern wach bleiben und am Morgen beobachten, wie die Sonne über einem freien Land aufgeht.“ So redet Francois wirklich. Vergessen scheint sein Gekeife ob der ihm versagten Big-Ben-Schläge, dass das eine „Verschwörung“ der Brexit-Gegner sei. Zumindest ist es nicht mehr Thema, wenn sich Francois’ „Leavers for London“ im Pub treffen.

Der Hardliner-Trupp nennt sich so, weil die Metropole vornehmlich europafreundlich tickt. Also gefällt man sich darin, sich als so etwas wie eine verfolgte Minderheit zu fühlen. Nur dass die angeblich verfolgende Mehrheit gerade nicht sonderlich auf Zores aus ist. Eher doch auf Wundenlecken. Die „Leavers“ haben den Patriotismus und den Pathos in dieser Nacht für sich. Niemand will wissen, wie sich der Kater danach anfühlen wird.

Der Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen Mary-Universität in London spricht bereits von einem „perfect Storm“ – ein Euphemismus für das katastrophale Zusammentreffen verschiedener meteorologischer Extremlagen. Bale tut das allerdings erstmal nur über den Weg zu dieser Freitagnacht.

Eine „aufregende Zukunft“ hat Premier Boris Johnson den Briten versprochen.

Das Vereinigte Königreich habe in den frühen Tagen der Austrittskampagne (siehe Chronik auf diesen Seiten) fünf Jahre wirtschaftlichen Stillstands durchlitten. Flüchtlingsnöte und Einwanderungspolitik hätten ganz Europa umgetrieben, und das sei in Großbritannien oft sehr fremdenfeindlich wahrgenommen worden. Hinzugekommen seien dann „äußerst effektive Politiker“ wie Boris Johnson und der populistische EU-Hasser Nigel Farage, die für den Brexit warben, nicht selten mit zurechtgestutzten Halbwahrheiten. Bale konstatiert: „Das hat es der damaligen Minderheit erlaubt, die gegenüber der EU vornehmlich gleichgültig eingestellte Mehrheit zugunsten ihres Austritts-Anliegens zu bekehren.“

Die Gleichgültigkeit ist Vergangenheit. Im Lager der EU-Feinde gab es sie eh nie, und im Lager der EU-Freunde ist man dieser Tage mindestens so enthusiastisch für Europa wie tief geknickt angesichts der Niederlage. Vielleicht ist es dann „very british“, in der Niederlage nur eine verlorene Schlacht und nicht einen verlorenen Krieg zu sehen. Als vor einer Woche in der methodistischen Central Hall am Parliament Square das proeuropäische Bündnis „Grassroots for Europe“ zusammenkam, sangen die rund 600 anwesenden Aktivisten wie zum Trotz die „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter – Europas Hymne. Man konnte darin Uneinsichtigkeit vermuten. Man konnte darin auch den Jubel über einen Neuanfang sehen. Immerhin: An gleicher Stelle hat einst, in Großbritanniens schwärzester Stunde 1940, der Kriegs-Premier Winston Churchill gestanden. Und nicht aufgegeben.

A propos: Churchill wusste schon ziemlich früh, dass die Zukunft seines Landes in Europa liegen würde. So etwas erwähnen Brexiteers nicht.

Zurück zum Neuanfang: Um 23 Uhr Greenwich Mean Time, Mitternacht Brüsseler Zeit, ist die Ehe von Großbritannien und Europa nach 47 Jahren zu Ende. „Es gab keine Alternativen mehr“, sagte Dominic Grieve in seiner finalen Analyse in der Central Hall. Grieve ist einer jener tragischen Helden der Brexit-Saga. Nach 22 Jahren als braver Tory-Abgeordneter im Unterhaus fiel er im September der Säuberungsaktion von Johnson in den eigenen Reihen zum Opfer. Grieve war so etwas wie der Pate der 21 Rebellen, die der Regierung die Kontrolle über die Parlamentsagenda entrissen und Johnson zwangen, eine Verlängerung der Austrittsfrist zu erbitten. Und die ihm auch noch Neuwahlen verwehrten, die dieser per Misstrauensvotum durchdrücken wollte.

Wochen danach sollte Labour-Chef Jeremy Corbyn doch noch nachgeben und den Wahlgang akzeptieren – „ein Akt von politischer Torheit in atemberaubendem Ausmaß“, wie Grieve es bewertet. Johnson gewann auf seinem Hard-Brexit-Ticket eine absolute Mehrheit. Nicht dieser Freitag, sondern der Tag nach der Wahl am 12. Dezember stellt für Grieve die echte Niederlage der Brexit-Gegner dar, die bis zuletzt für das Zurückziehen des EU-Austrittsartikels 50 kämpften. Mit dem 1. Februar ist diese Möglichkeit dahin.

Das ist aber auch gerade der einzige Brexit-Fakt. Aufgrund der zwischen London und Brüssel vereinbarten Übergangsphase bis zum 31. Dezember geht im Alltag der Menschen dies- und jenseits des Ärmelkanals alles weiter wie bisher.

Und Johnson möchte nun das Wort Brexit am liebsten aus dem Vokabular streichen. Es sei an der Zeit, mit Selbstbewusstsein in die „aufregende Zukunft“ zu blicken., in der sich das Land „global und wegweisend“ präsentieren werde. Ob auch Milch und Honig durch die Straßen des Königreichs fließen sollen, ließ Fabulierkünstler Johnson ausnahmsweise offen. Die meisten Briten – das zeigte der 12. Dezember – wollten eh nur noch, dass das Brexit-Gezerre irgendein Ende hat.

Ihnen wird aber ein böses Post-Brexit-Erwachen beschert: gerade mal der erste Akt des Dramas ist vorbei, wie Experten immer wieder betonen. Die nächste Verhandlungsrunde, in der das künftige Verhältnis zwischen Großbritannien und EU vereinbart werden soll, dürfte sich weitaus komplizierter gestalten.

Mehr als ein Mahnen wird 2020 von den Anti-Brexit-Briten wohl nicht zu hören sein. Sie wollen in Ruhe darauf aufbauen, dass sie drei Mal landauf, landab Hunderttausende gegen den Brexit auf die Straßen bringen konnten. Sollten Johnsons Träume sich als Schäume erweisen, sollte Großbritannien wie vor seinem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zum „kranken Mann Europas“ verkommen, sollte sich die EU in die richtige Richtung entwickeln ... Man wird sehen.

Alles zu seiner Zeit. Die Proeuropäer rechnen mit zehn bis 20 Jahren, die es dauern wird, bis man wieder auf ein EU-Mitglied Großbritannien hoffen darf.

Die angekündigte glorreiche Zukunft des „globalen Großbritanniens“ ist derweil für Erz-Brexiteer und Außenminister Dominic Raab ausgemachte Sache. Aber im Auftrag seines Chefs muss er nun erstmal für Versöhnung sorgen – bei der vornehmlich europäischen Presse zum Briefing im Foreign Office. Dort redet er sehr viel von „noch engeren Beziehungen“ zu „unseren engen und starken europäischen Nachbarn, Partnern und Freunden“, mit denen man „sogar noch bessere und engere Nachbarn, Partner und Freunde“ sein könne nach dem Brexit. Er sagt das bestimmt 20 Mal. Und da sitzen sie vor ihm, die Journalisten, und schauen doch etwas verdutzt drein. Ist das nun vielleicht doch eine Wendung zu viel?

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