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Laut sein: Die Aktivistin Clara Mayer feuert bei einer Klimademo in Berlin ihre Mitstreiter*innen an.

Protestbewegung

Wütend, weiblich, widerständig

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Für Klimaschutz und Seenotrettung, gegen Waffenwahn und Homophobie: Junge Frauen prägen die neuen Protestbewegungen. Warum?

Maira Kellers ist schwer beschäftigt. Immer wieder guckt sie konzentriert aufs Handy, sprintet auf Socken über die warmen Pflastersteine von Pavillon zu Pavillon am Alten Markt in Köln, wo gerade ein paar Dutzend Schüler bei der „Week for Future“ campieren. Sie greift zum Megafon, zu verstreut sind die Mitstreiter über den Platz: „Wir brauchen dringend kreative Vorschläge für die Social-Media-Kampagne!“ Nur noch kurz ein paar Aufgaben verteilen, dann habe sie vielleicht Zeit für ein Gespräch, sagt Maira, zuständig für Organisation, Koordination, Presse – und gerade einmal 14 Jahre alt.

Maira kommt aus Köln, geht in die achte Klasse eines Gymnasiums, liebt Musik und Schauspiel, engagiert sich in der Schülervertretung. Seit sie im Dezember auf einem Kongress von der „Fridays for Future“-Bewegung erfahren habe, sei sie angefixt von dem Thema, das sie schon als kleines Kind beschäftigt habe. Seitdem lebt sie vegan, geht freitags demonstrieren, mehr noch: Sie treibt diese Bewegung voran.

Maira ist eine von vielen jungen Frauen, manchmal Mädchen noch, die den Klimaschützern ein Gesicht geben, zumindest in Köln. So wie Kapitänin Carola Rackete der Seenotrettung ein Gesicht gibt, auf europäischer Ebene. Oder US-Fußballerin Megan Rapinoe beim Protest gegen Donald Trump. Und wie Greta Thunberg natürlich, die Begründerin der „Fridays for Future“-Demonstrationen. Auffallend viele junge Frauen zeigen gerade Haltung und erheben das Wort gegen meist ältere, mächtige Männer. Und sie finden Gehör, werden in Talkshows eingeladen, schaffen es auf die Titelblätter der großen Zeitungen, werden bewundert, manchmal geradezu verehrt. Aber warum ist das plötzlich so?

Starke Auftritte in Talkshows

Auch Bilder der 18-jährigen Clara Mayer aus Berlin gingen durch die Medien, als sie jüngst VW-Chef Herbert Diess auf der Jahreshauptversammlung seines Unternehmens den Kopf wusch („Ihr habt das Problem nicht ansatzweise verstanden“). Die 20-jährige Carla Reemtsma aus Münster bekam ein Podium, als sie bei „Maybrit Illner“ CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak Kontra gab („Wieso sollten Schüler euch erklären, wie ihr die Klimaziele einhaltet, die ihr selbst unterzeichnet habt?“). Ebenso die 23-jährige Luisa Neubauer aus Hamburg, die sich im „Spiegel“ einem Streitgespräch mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier stellte, die dem RWE-Vorstandschef auf einer Hauptversammlung die Leviten las und die immer wieder in Talkshows wie „hart aber fair“ und „Anne Will“ mit Spitzenpolitikern diskutiert.

Sichtbar sein: Die 14-jährige Maira Kellers (in Rot) organisiert die „Week for Future“ in Köln mit.

Doch nicht nur die Klimakrise macht aus jungen Frauen wie Thunberg Galionsfiguren. Kapitänin Carola Rackete wurde durch ihren Widerstand gegen Italiens Innenminister Salvini über Nacht zur Heldin für die einen, zur Hassfigur für die anderen – so wie Pia Klemp. Die 36-jährige Bonnerin ist ebenfalls Kapitänin, rettete mit der „Iuventa“ und der „Sea-Watch 2“ etwa 1000 Menschen aus dem Mittelmeer und wird, wie Rackete, der Beihilfe zur illegalen Migration beschuldigt. Derzeit wartet sie auf den Prozess, der mit einer Strafe von bis zu 500 000 Euro enden könnte. Knapp die Hälfte der Summe sei bisher durch Spenden zusammengekommen, so Klemp.

Die beiden Kapitäninnen kennen sich schon lange. „Carola ist nicht nur eine Freundin, sondern auch jemand, den ich für ihre Intelligenz, ihr beherztes Engagement und ihre Besonnenheit sehr schätze“, sagt Klemp. Die Sätze, die beide Kapitäninnen immer wieder fast wortgleich wiederholen, lauten: „Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir werden weiterkämpfen.“

Die Bewunderung steigt

Da sind also Schülerinnen, die fürs Klima streiken und mit Politikern streiten. Da sind Frauen, die sich Ministern widersetzen und Menschenleben retten, noch dazu in einer Männerdomäne, der Seefahrt. Da sind Sportlerinnen wie Megan Rapinoe, die den WM-Sieg für eine Standpauke an den Präsidenten nutzt. Beim Weltmeister-Empfang am Mittwoch in New York wurde die 34-Jährige dann für ihren sechsminütigem Appell gefeiert, für den sie manch einer schon mit Martin Luther King verglich. Die Bewunderung für die neuen Heldinnen trägt manchmal bereits Züge einer Überhöhung.

Greta Thunberg, Klimaaktivistin, Emma Gonzáles, Waffengegnerin, Megan Rapinoe, Fußball-Weltmeisterin, Luisa Neubauer, „Fridays for Future“ Deutschland, Carola Rackete, Kapitänin.

Dabei ist Rapinoe nicht die erste Amerikanerin, die sich in aller Deutlichkeit gegen Trump stellt, gegen Hass, Hetze und Homophobie. Auch die heute 19-jährige Emma Gonzáles wurde 2018 zur Aktivistin und Anführerin einer ganzen Bewegung, nachdem sie den Amoklauf in ihrer Schule in Parkland, Florida überlebt hat. Mit dem von ihr initiierten und international ausgeweiteten „March for our Lives“ steht sie für den Kampf gegen die US-Waffenlobby, sie, die junge, hübsche Frau mit den abrasierten Haaren.

Seit ein paar Wochen trägt Maira Kellers aus Köln die gleiche, markante Frisur, wie auch einige andere der jungen Klimaaktivistinnen. Nicht wegen Gonzáles, sondern erstens, weil sie es schön finde, sagt Maira, „und zweitens, weil es für ein Ausbrechen aus dem Patriarchat steht.“ Maira ist 1,60 Meter groß und zierlich. Ob sie als Mädchen manchmal das Gefühl habe, weniger ernst genommen zu werden? „Ich hatte nie Probleme damit, dass ich eine weibliche Person bin“, sagt Maira, als hätte sie mit dieser Frage längst gerechnet. Wer sie eine Weile begleitet, merkt: Maira sieht vielleicht aus wie eine 14-Jährige, so wirken will sie nicht. Für Jugendforscher Klaus Hurrelmann würde Maira wohl als lebhaftes Beispiel seiner jahrelangen Untersuchungen gelten. Für ihn hat der wachsende, weibliche Protest einen logischen Hintergrund: „Schon seit zwanzig Jahren stellen die Wissenschaftler in den Shell-Jugendstudien Bewegung bei den Geschlechterrollen fest“, sagt Hurrelmann. Mädchen seien in Sachen Bildung schon lange auf dem Vormarsch. Für 12- bis 25-Jährige und schon im Grundschulalter zeige sich: Mädchen haben mehr Energie, mehr Motivation, schneiden in Prüfungen besser ab, haben im Schnitt die besseren Zeugnisse als Jungen – und am Ende auch mehr Hochschulabschlüsse.

Diese Frauenpower im Bildungssystem hat Folgen. „Je höher der Bildungsgrad, desto größer das politische Interesse“, sagt Hurrelmann. Eine internationale Umfrage zeigte nicht nur, dass etwa 70 Prozent der Teilnehmer bei der weltweiten „Fridays for Future“-Demo im März weiblich waren, sondern auch, dass die meisten der 14- bis 19-Jährigen Abitur hatten oder anstrebten.

Unbequem sein: Hilda Nakabuye in Uganda.

Doch nicht das hohe Bildungsniveau allein erklärt diese weibliche Protestpower. Forscher Hurrelmann spricht von vier Entwicklungsfeldern – auf den ersten dreien liegen die Mädchen schon fast traditionell vorne: Im ersten Bereich geht es um Bildung und beruflichen Qualifizierung, im zweiten um soziale Kompetenz und im dritten um einen Bereich, den Hurrelmann „Ein mündiger Konsumbürger werden“ nennt; durch Freizeitgestaltung und souveränen Umgang mit den Medien. An vierter Stelle schließlich steht die soziale und politische Beteiligung. „An dem Punkt sind wir gerade. Es gibt deutliche Hinweise, dass junge Frauen dabei sind, auch dieses veraltete Muster zu durchbrechen und das bisher männlich dominierte Feld ebenfalls besetzen.“

Die Kapitäninnen Rackete und Klemp, Fußballerin Rapinoe, US-Aktivistin Gonzáles, Klimakämpferin Kellers: Sie sind jung, gebildet, weiblich – und wütend. Sie wollen politischen Einfluss, sie wollen aber nicht selbst in die Politik. „Es geht ihnen um ihre Themen“, sagt Hurrelmann. Seenotrettung und Klimaschutz, das seien ganz klar „Frauenthemen“, es gehe um Schutz und Sicherung des Lebens, nicht um Macht. „In dem Sinn ist es auch eine Art von Feminismus. Sie nutzen ihr Frausein, um auf diese Themen aufmerksam zu machen“, so Hurrelmann.

Diese Frauen sind keine Superhelden. Sie fürchten Konsequenzen, Hass oder Haftstrafen. Was sie aber nicht fürchten, ist die Konfrontation. Sie stehen als Einzelperson ein fürs Allgemeinwohl. Sie verkörpern zivilen Ungehorsam in einer humanitären Form – und werden so für viele zu Vorbildern der Menschlichkeit.

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