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Pressefreiheit in den USA: Wüsten ohne Nachrichten

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Baustelle Journalismus: der Haupteingang zur Redaktion der „New York Times“ an der Eighth Avenue.
Baustelle Journalismus: der Haupteingang zur Redaktion der „New York Times“ an der Eighth Avenue. © AFP

Die US-Medienlandschaft ist vielfältig – aber gespalten. Vor allem um den Lokaljournalismus ist es schlecht bestellt.

New York City – „Geschichten werden ausgewählt und erzählt, um die Interessen kleiner spezieller Gruppen zu befriedigen, statt einem neugierigen Publikum zu erlauben, über die Welt zu lesen und eigene Schlüsse zu ziehen.“ Ein harsches Urteil, dass Bari Weiss 2020, damals Kolumnistin bei der „New York Times“, zum Abschied von der Zeitung fällte. Weiss, inzwischen unter anderem Kolumnistin für die deutsche „Welt“, war 2017 zur „New York Times“ gekommen. Das Blatt wollte nach der Wahl von Donald Trump mehr Meinungsvielfalt – und die sollte durch mehrere konservative Kommentatoren gesichert werden. Der Chef der Meinungs-Redaktion war damals James Bennet. Er musste 2020 gehen, als hunderte Kolleg:innen dagegen protestierten, dass er einen Kommentar des rechten Senators Tom Cotton publiziert hatte, in dem dieser zum Einsatz der Armee gegen antirassistische Proteste aufrief.

Weiss nannte die Auseinandersetzung in der Redaktion einen „Bürgerkrieg“. Aus Sicht der protestierenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zog das Haus eine publizistische Grenze, die ihm als privatem Unternehmen zusteht – Konservativen zufolge beschnitt man damit aber genau die Meinungsvielfalt, die die Herausgeber hatten stärken wollen. Während manchen das Spektrum bei der „New York Times“ also nicht weit genug nach rechts geht, halten andere die Zeitung längst für ein Sprachrohr des Establishments. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Bürgerrechtsaktivisten wie Scott Hechinger oder Alex Karakatsanis der „NYT“ via Twitter „Copaganda“ vorwerfen – Propaganda im Dienste des Polizeiapparates also.

USA: Das Medienangebot ist einerseits breit ...,

Genau wie Weiss und weitere Konservative sich andere Arenen gesucht haben, können auch die linken Kritiker der „legacy media“ aus einer breiten Palette von Angeboten wählen: Da sind etwa „The Nation“, „Mother Jones“ oder „Current Affairs“. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums dominieren die Sender Fox News und One America News Network, sowie Magazine wie „The National Interest“ oder „The American Conservative“. Hinzu kommen fremdsprachige Medien und solche für spezifische Zielgruppen. So gibt es landesweit mehr als 300 spanischsprachige Zeitungen und Online-Magazine sowie mehr als 200, die sich an Schwarze richten. Hinzu kommen Fernsehsender wie Telemundo, Univision oder BET (Black Entertainment Network).

Medienvielfalt in den USA

Die Vereinigten Staaten können mit unzähligen Medien aufwarten. 2022 werden 3623 Zeitungsunternehmen gezählt, ein Rückgang von 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zudem gibt es 1758 kommerzielle und öffentlich-rechtliche Fernsehkanäle und 15 445 Radiostationen. 120 Millionen US-Amerikaner:innen hören Podcasts. In der abendlichen Prime Time schauen laut Pew Research Center von 2020 bemerkenswerte 3,08 Millionen Menschen bei Fox News zu, bei CNN 1,8 Millionen und bei MSNBC 1,6 Millionen. Der Werbemarkt ist gewaltig: Alleine die Fernsehbranche nahm vorvergangenes Jahr 198,1 Milliarden Dollar ein. Die Zeitungen machten immerhin 9,6 Milliarden, wobei sie zehn Jahre zuvor noch mehr als doppelt so viel einnahmen. Aus Straßenverkauf und den Abos konnte die Branche vor zwei Jahren immerhin 11,05 Milliarden Dollar für sich verbuchen. frs

Inhaltlich kann angesichts dieser Vielfalt von einer Einschränkung der Presse- oder der Meinungsfreiheit – die als „freedom of speech“ juristisch weiter gefasst ist als etwa in Deutschland – kaum die Rede sein. Fachleute beobachten allerdings seit einigen Jahren, dass immer mehr Journalistinnen und Journalisten mit anderen Bedrohungen konfrontiert sind. Da ist zum einen die fortschreitende ökonomische Prekarisierung ihres Berufs. So berichtete Julie K. Brown, die den Fall des Financiers Jeffrey Epstein wieder aufrollte, wie sie als Lokaljournalistin des „Miami Herald“ eigenes Geld in ihre Recherchen investieren und Gehaltseinbußen hinnehmen musste. Auch Gewalt gegen Medienleute bleibt ein Thema. 2020 wurden laut dem „U.S. Press Freedom Tracker“ 300 Reporter:innen attackiert – bei Demonstrationen. Im selben Jahr wurden 110 Medienschaffende bei der Arbeit verhaftet oder angeklagt.

Das Verhältnis der Journalist:innen zur Regierung habe sich indessen merklich entspannt, konstatiert etwa das „Committee to Protect Journalists“. Die Regierung von Joe Biden drohe den Medien nicht, wie das Donald Trump getan hatte. Verbesserungswürdig sei nach wie vor die Bearbeitungsdauer und -willigkeit bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz. Die Organisation bemängelt auch, dass die Vereinigten Staaten Wikileaks-Gründer Julian Assange nach wie vor mit der Verfolgung durch das Anti-Spionage-Gesetz bedrohten. Die USA stehen in der Pressefreiheits-Rangliste der „Reporter ohne Grenzen“ für das Jahr 2021 an Platz 42, die Situation im Land wird insgesamt als „zufriedenstellend“ beurteilt.

... andererseits schrumpft die Vielfalt dramatisch

Gefahren für die Qualität des Journalismus sehen Fachleute besonders auf einem Gebiet. Kaum etwas hat die US-amerikanische Medienlandschaft in den vergangenen Jahren so verändert wie die Krise des Lokaljournalismus. Allein in den ersten zwei Jahren der Pandemie schlossen landesweit mehr als 100 Lokalredaktionen. Laut einer Untersuchung der University of North Carolina sollen seit 2004 inzwischen an die 2000 Zeitungen den Betrieb eingestellt haben. Medienforscherin Penny Abernathy nennt Regionen, in denen es keinen unabhängigen und originären Journalismus mehr gibt, „news deserts“ – Nachrichtenwüsten, analog zu „food deserts“, wo Menschen der Zugang zu frischen Nahrungsmitteln durch mangelnde Angebote erschwert wird.

Wenn niemand mehr über die Entscheidungen gewählter Sheriffs, Schulbehörden oder Regionalparlamente berichte, habe das konkrete Folgen für die politische Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger. Der US-amerikanische Schriftstellerverband PEN kam in einer Studie 2019 zu dem Ergebnis, dass in den „Nachrichtenwüsten“ die Wahlbeteiligung sinke und die lokale Steuerlast steige, weil die Kontrolle durch die vierte Gewalt fehle und der öffentliche Diskurs über politische Entscheidungen dadurch eingeschränkt sei.

USA: Hedgefonds kontrollieren viele Medien

Während vielerorts Lokalzeitungen eingehen und Journalist:innen Regionen verlassen, in denen es keine Jobs mehr für sie gibt, profitieren andere von der Krise. Rund die Hälfte des US-Blätterwalds wird inzwischen von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen kontrolliert – darunter auch einige der wichtigsten Zeitungsverlage, wie etwa McClatchy oder die Tribune Gruppe.

Tribune, zu der zum Beispiel die „New York Daily News“ und die „Chicago Tribune“ gehören, wurde vergangenes Jahr von dem Hedgefonds Alden Global Capital übernommen, der über die Media-News-Gruppe bereits an mehr als zweihundert Zeitungen beteiligt ist – vom „Boston Herald“ an der Ost- bis zur „Los Angeles Daily News“ an der Westküste spannt sich das Nachrichtenimperium von Alden. Viele Journalist:innen sorgen sich vor allem, wenn die Investoren Jobs abbauen und Lohnkosten senken wollen. Dass etwa die „Washington Post“ heute nach Ansicht vieler Fachleute besser dasteht als vor ihrer Übernahme durch den Amazon-Gründer Jeff Bezos, kann sie nicht beruhigen. (Frauke Steffens)

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