+
Sonnenkollektoren, so weit das Auge reicht: Im marokkanischen Ouarzazate entsteht der größte Solarkomplex der Welt.

Marokko

Die Wüste lebt

  • schließen

Marokko hat sich zum Vorreiter bei der Solarenergie entwickelt – auch, um bei der Stromproduktion weniger abhängig vom Ausland zu sein.

„Desertec“ hieß die Vision vom Strom aus der Wüste. Große Solar- und Windkraftwerke sollten in der Sahara gebaut und die gewonnene Elektrizität per Fernleitung nach Europa geleitet werden. Doch dieses Mega-Projekt, das vor allem von deutschen Konzernen und Banken vorangetrieben worden war, platzte 2014. Die Vision indes lebt weiter – und ist zum Teil längst Realität geworden. Unter anderem im nordafrikanischen Vorreiterland der Solarenergie: in Marokko.

Marokko baut die erneuerbaren Energien Wind, Sonne und Wasserkraft seit Begin dieses Jahrzehnts kräftig aus. Bis 2020 will das Land den Öko-Anteil an der Stromerzeugungskapazität auf 42 Prozent steigern, bis 2030 sollen es 52 Prozent sein. Vor allem die Solarenergie ist neben der Windkraft der Hauptmotor dieser Entwicklung. Riesige Solarkomplexe am Rande der Sahara in Ouarzazate und Midelt sind die Leuchtturmprojekte des von der Regierung erdachten „Noor“-Solarplans, teils sind sie schon im Betrieb. Noor ist das arabische Wort für Licht. Zudem hat Marokko an der Atlantikküste eine Reihe Windparks aufstellen lassen.

Die insgesamt fünf Solarwärme-Kraftwerke, die dank Wärmespeicher rund um die Uhr Strom liefern können, sollen im Endausbau einen Großteil der Stromversorgung des Landes übernehmen – und das ohne höhere Kosten. Die Kilowattstunde wird beim aktuell im Bau befindlichen Kraftwerk Midelt 1 nur noch umgerechnet sechs Eurocent kosten. Regelbarer Solarstrom wird damit erstmalig mit Strom aus Gaskraftwerken konkurrieren können. Experten glauben, dass sich damit auch vielen anderen Ländern im Sonnengürtel der Erde die Chance auf einen Durchbruch beim Klimaschutz und wirtschaftlicher Entwicklung bietet.

Unter anderem diese Ökoenergie-Strategie hat Marokko einen absoluten Spitzenplatz im Klimaschutz-Ranking des „Climate Action Tracker“ eingebracht. Das Land ist neben Gambia das einzige, dessen Klimaschutz-Fortschritte kompatibel mit den Zielen des Pariser Weltklimavertrags sind – also einer globalen Erwärmung um 1,5 bis maximal zwei Grad. Marokko kommt dabei zugute, dass der CO2-Ausstoß seiner Bevölkerung sehr niedrig ist. Es sind im Schnitt pro Kopf nur 1,7 Tonnen (zum Vergleich: Deutschland: 9,15; USA: 16,4). Die Emissionen sind bisher nur leicht angestiegen. Experten erwarten, dass sie unter zwei Tonnen pro Kopf und Jahr bleiben werden, dem langfristig für alle Menschen weltweit verträglichen Niveau.

Anders als viele andere nordafrikanische oder arabische Länder hat Marokko keine Vorkommen an Erdöl oder Erdgas, das exportiert werden könnte. Es gibt daher, im Gegensatz zu Ölländern wie etwa Saudi-Arabien, keinerlei ökonomische Interessen, den Absatz fossiler Energien durch Bremsen der internationalen Klimapolitik zu stabilisieren. Ganz im Gegenteil: Da Marokko über 90 Prozent der fossilen Brennstoffe importieren muss, haben Öko-Energien ein positives Image, weil sie helfen, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Das Königshaus ist einer der wesentlichen Treiber.

Kritik an der Art der „Solarisierung“ Marokkos, die stark „von oben“ dirigiert wird, gibt es vereinzelt durchaus. Etwa daran, dass zentrale Großkraftwerke fernab der Verbrauchszentren gebaut werden – statt dezentraler Solaranlagen, die von Kommunen oder Genossenschaften betrieben werden und mehr Jobs bieten könnten. Doch die Vorbild-Wirkung Marokkos schmälert das, verglichen mit der Klimaschutz-Performance im Rest der Welt, nicht wirklich.

Am Freitag (29.11.2019) ist weltweiter Klimastreik. Viele Artikel aus Hessen, Deutschland und der Welt finden Sie in unserem Klimaticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion