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Nach über dreizehn Jahren im Amt hört er auf: Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit.

Abschied Wowereit

„Wowis“ Sprüche bleiben

Klaus Wowereit verabschiedet sich nach mehr als 13 Jahren von seinem Amt als Berliner Bürgermeister.

Von Anja Reich

Nach dreizehn Jahren und einhunderteinundvierzig Tagen im Amt gibt es doch noch etwas, das Klaus Wowereit zum ersten Mal tut. Es ist ein Dienstagnachmittag im November. In der ersten Etage des Roten Rathauses wartet die Schauspielerin Judy Winter darauf, dass ihr Klaus Wowereit das Bundesverdienstkreuz überreicht. Kurz vor 15 Uhr öffnet sich die Tür zu seinem Amtszimmer. Wowereit erscheint und ruft: „Hereinspaziert“, aber alle bleiben stehen. Ein Gast fehle noch, sagt Judy Winter. Wowereit sieht auf die Uhr, murmelt: „Na, wir sind ja auch noch zu früh“, lässt sich auf einen Dreisitzer in der Lobby fallen, schlägt die Beine übereinander. Dann sagt er: „Ich habe noch nie vor meinem Büro gesessen.“

Der Regierende Bürgermeister rutscht ein bisschen tiefer in die Polster, als wolle er feststellen, wie es sich anfühlt, als Gast im eigenen Haus. Nicht schlecht offenbar, denn nun sagt er: „Das ist die neue Rolle. Ich komme als Lobbyist wieder und sitze dann vor meinem Büro.“ Er sagt es mehr zu sich selbst, aber so, dass es alle hören können. Judy Winter und ihre Gäste lachen, am lautesten lacht er selbst. Es soll ein Witz sein, vielleicht.

Am Vormittag des 26. August 2014 hat Klaus Wowereit eine Pressekonferenz einberufen und gesagt, dass er sein Amt niederlegen wird, allerdings nicht sofort, sondern erst in dreieinhalb Monaten, am 11. Dezember. Die Nachricht war fast überraschender als die vom Rücktritt selbst. Klaus Wowereit hatte beschlossen, sich nicht von heute auf morgen zurückzuziehen, sondern sich erst noch in aller Ruhe zu verabschieden, von seiner Stadt, von seinen Bürgern, von seinem Amt. Es war ein Geschenk, vor allem an sich selbst, so was wie eine Reise durch die eigene Amtszeit: noch ein paar Abgeordnetenhaussitzungen, Bundesverdienstkreuzverleihungen, Senatssitzungen, Opernpremieren, noch mal Mauerfalljubiläum, noch mal Kulturausschuss. Und immer wieder Abschied, jedes Mal ein bisschen anders und ein bisschen mehr. Ein Countdown in den Ruhestand. Eine Chance, die Geschichte noch einmal ins rechte Licht zu rücken. Seine Geschichte.

Er sitzt nicht gerne rum

Jetzt, Anfang November, sind es noch knapp fünf Wochen, und Wowereit befindet sich bereits mitten in seiner Abschiedstournee. Er trägt einen marineblauen Anzug, ein weißes Hemd, eine rote Krawatte, sein Haar leuchtet silbern. Er sieht gut aus, entspannt, als sei alleine mit dem Entschluss, den Platz zu räumen, eine Last von ihm gefallen. Aber nun reicht es ihm doch. Es ist kurz nach 15 Uhr, der letzte Gast ist immer noch nicht da. Er hasst das. Er sitzt nicht gerne rum. Wie sein Blick abschweift. Wie sich seine Mundwinkel senken, wie seine Augen schmaler werden. Er sieht aus, als ob er gleich explodiert, da geht endlich die Tür auf und eine Frau im Mantel weht herein. „Die Baustellen“, ruft sie. „Die anderen hatten auch Baustellen“, entgegnet Wowereit kalt.

Er geht in sein Amtszimmer, hält seine Rede, lobt Judy Winters Engagement für die Aids-Hilfe, am Ende sagt er: „Ich glaube, das ist auch meine letzte Ordensverleihung.“ Fragend sieht er zu seiner Mitarbeiterin, die für das Protokoll zuständig ist. „Aushändigung“, sagt sie. „Es heißt Aushändigung.“ „Dann ist das also meine letzte Aushändigung“, verbessert sich Wowereit und überreicht das Bundesverdienstkreuz. Es gibt Küsschen links und Küsschen rechts, Häppchen und Sekt. Es ist schön und auch ein bisschen traurig. Der letzte Orden! Auf Wowereits Schreibtisch befinden sich sein Computer, seine Akten, sein Telefon, sein Duden, in der Glasvitrine stehen seine Gastgeschenke, davor ein altes Karussellpferd. Er wird das alles zurücklassen, wenn er geht. Noch kann man sich das nicht vorstellen. Noch sind es mehr als vier Wochen. Und das hier war auch nicht seine letzte Bundesverdienstkreuzverleihung.

Wie ein Mensch von seinem Amt zurücktritt, sagt viel über seine Persönlichkeit aus. Horst Köhler ist aus dem Schloss Bellevue nach Afrika geflohen, Christian Wulff kann bis heute nicht loslassen, Gregor Gysi ist still gegangen und still zurückgekommen, Matthias Platzeck krank geworden. Und Klaus Wowereit? Geht, wie er gekommen ist. Mit großem Auftritt.

Es gibt keine offizielle Veranstaltung, keinen Empfang, keine Feier. Aber das ist auch nicht nötig, denn für Klaus Wowereit wird jetzt ohnehin jeder Termin zur Abschiedsvorstellung. Als er Udo Lindenberg den Verdienstorden des Landes Berlin überreicht, singt Lindenberg: „Danke Klaus, hochgeschätzter Wowi-Man, du locker easy Vogel“. Als Joachim Gauck zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wird, spricht der Bundespräsident in seiner Dankesrede lange über die offene Stadt Berlin und dann fast genauso lange über ihren Bürgermeister: „Herr Wowereit, Sie haben den Wandel vorangetrieben und aus Berlin eine Stadt gemacht, die heute Heimat für viele ist.“ Die Entertainerin Gayle Tufts widmet ihm gleich eine ganze Samstagabendshow. „Performance for the Queen“ nennt sie es und tanzt mit ihm auf der Bühne vom Tipi am Kanzleramt, so leicht, als hätten sie diese Nummer lange einstudiert. Das Publikum tobt. Jemand ruft: „Wie geil ist das denn!“ Später, beim Empfang im kleinen Kreis, fragt Gayle Tufts, was er denn nun eigentlich vorhabe. Sie habe gehört, Hillary Clinton suche noch einen Vizepräsidenten. Wowereit antwortet, als er Hillary das letzte Mal getroffen habe, habe sie zu ihm gesagt, er sehe aus wie Bill. Wieder Lachen und Jubel im Tipi-Zelt. Der amerikanische Präsident und der deutsche Bürgermeister. Washington und Berlin. Kein Wort vom Großflughafen. Klaus Wowereit ist der Star des Abends.

Ein Abgang als Prozess

„Ich lasse mich nicht vertreiben“, hat er gesagt auf jener Pressekonferenz im August, und wer diesen Satz hört, denkt, man hätte es eigentlich wissen müssen. Klaus Wowereit, der Sohn einer Kohlenhändlerin aus Lichtenrade, nimmt die Dinge lieber selbst in die Hand, statt sich von anderen unter Druck setzen zu lassen. So war es vor dreizehn Jahren, als er sich mitten im Wahlkampf outete und so ist es auch heute. In den Monaten, als alle wegen des Flughafens auf ihm herumtrampelten und seine Umfragewerte ins Bodenlose sanken, hielt er sich stoisch im Amt, aber dann, mitten im Sommerloch, als gerade niemand damit rechnete, trat er vor die Kameras, sagte: „Ich gehe freiwillig“, und wählte sich für seinen Abgang den 11. Dezember, genau den Tag, bevor der Flughafenchef den neuen Eröffnungstermin für Schönefeld verkünden würde. Die neue Hiobsbotschaft.

Das ist so clever, dass es fast schon unheimlich ist. Und man weiß nicht, ob man ihn dafür bewundern oder verachten soll.

Wenn er danach fragt wird, weicht er aus. Sagt, es habe kein bestimmtes Datum gegeben, das Ganze sei eher ein Prozess gewesen. Sein Sternbild sei Waage, er habe ständig hin- und hergeschwankt.

Hat er nicht Angst, dass er in ein Loch fällt, wenn er auf einmal zu Hause sitzt?

„Natürlich werde ich in ein Loch fallen. Wichtig ist nur, dass ich da wieder rauskomme.“

Was wird er am meisten vermissen aus seiner Bürgermeisterzeit?

„Fragen Sie mich mal lieber, was ich nicht vermissen werde.“

Was wird er denn nicht vermissen?

„Ach, ich habe ja eigentlich alles ganz gerne gemacht.“

Wowereit antwortet, aber er sagt nichts. Auch das gehört zu seiner Art, Abschied zu nehmen. Er gibt jetzt seitenlange Interviews, jede große Zeitung, jedes Magazin hofft auf einen letzten lockeren Satz, vor allem aber auf eine Antwort auf die Frage, wie der Bau des Flughafens Schönefeld in einer Milliarden-Pleite enden konnte. Er aber redet lieber darüber, wie Berlin vorangekommen ist. Und der Flughafen? Tja. „Schön sieht er aus, aber er fliegt eben nicht.“

Es gibt Politiker, die gehen mit Kniefällen in die Geschichte ein, mit Affären, mit großen Reden. Von Klaus Wowereit werden Sprüche bleiben.

Ende November schaltet er die Weihnachtsbaumbeleuchtung am Kurfüstendamm an. Anschließend fährt er mit einem Doppeldeckerbus den Boulevard hoch und runter, an leuchtenden Nussknackern, Rentieren, einer Eisenbahn und einem Flugzeug vorbei. Das Flugzeug steht am Georg-Grosz-Platz, groß und hell. Ein Kunstwerk aus Lichtern. Wowereit sieht durchs Fenster von oben herab. Dann sagt er: „Das müsste doch eigentlich in Schönefeld stehen.“

Fünf Tage später, am Welt-Aids-Tag. tauft er eine S-Bahn auf den Namen „Mitte“. Es ist einer dieser Termine, deren Sinn sich einem nicht gleich erschließt. Aids, Mitte und die Berliner S-Bahn. Wowereit steht auf dem Potsdamer Platz, Gleis 13, neben ihm der Bahn-Chef und Mitglieder der Berliner Aids-Hilfe. Alle tragen rote Schleifen. Wowereit und der Bahn-Chef schütten den Sekt gegen den Bahnwaggon, schneiden einen Kuchen in Form eines Zuges an, und dann, als Höhepunkt, darf der scheidende Bürgermeister ins Fahrerhaus steigen und die Bahn vom Potsdamer Platz bis Gesundbrunnen lenken. Eine richtige S-Bahn im richtigen Linienverkehr. Die Bahn rollt an. Die S-Bahner klatschen. Klaus Wowereit sagt ausdruckslos: „Mein neuer Beruf.“

Er ist jetzt bereits Lobbyist, amerikanischer Vize-Präsident und nun auch noch S-Bahn-Fahrer. Drei Berufe in drei Wochen. Was er wirklich machen wird, wenn er nicht mehr Bürgermeister ist, sagt er nicht.

Im Abgeordnetenhaus liest er Interviews, die er selbst gegeben hat. Das Parlament diskutiert über Wissenschaft in Berlin und Demos gegen Flüchtlingsheime. Klaus Wowereit interessiert sich vor allem für den Aktenkoffer, den ihm ein Bediensteter neben seinen Stuhl gestellt hat. Er zieht die „Bunte“ heraus und blättert so lange darin, bis er gefunden hat, was er sucht. Drei Seiten Wowereit-Gespräch, dazu Fotos mit Benedikt XVI., Albert von Monaco und Angela Merkel. Der Papst, der Fürst, die Kanzlerin. Das gefällt ihm. Das muss er seinem Innensenator zeigen. Er lehnt sich zu Klaus Henkel, der zwei Stühle weiter sitzt. Später kommt noch Michael Müller dazu, Wowereits Nachfolger. Die Männer lachen. Noch drei Wochen.

Alles zum letzten Mal

Mit den Abschieden geht es jetzt Schlag auf Schlag. Alles, was Wowereit macht, macht er zum letzten Mal. Das letzte Mal Landesministerkonferenz, das letzte Mal Abgeordnetenhaus, das letzte Mal Stiftungstag, das letzte Mal Patenkindertreffen, das letzte Mal Premiere in der Komischen Oper. Nur beim Bundesverdienstkreuz kommt er etwas durcheinander. Eine Woche, nachdem er Judy Winter das letzte Bundesverdienstkreuz überreicht hat, stehen auf einmal auch noch der Präsident der American Academy sowie der Chef des Berliner Einzelhandelverbandes auf der Liste. Klaus Wowereit hat einen neuen Haarschnitt, und vor den Rathausfenstern dreht sich inzwischen das Riesenrad vom Weihnachtsmarkt, sonst ist alles das Gleiche. Klaus Wowereit ruft: „Hereinspaziert“, verteilt Orden und gute Worte, irgendwann sagt er: „Das ist jetzt meine letzte Bundesverdienstkreuzverleihung.“ „Aushändigung“, sagt die Frau vom Protokoll. „Bundesverdienstkreuzaushändigung“, verbessert sich Wowereit. Es ist ein bisschen wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem der Schauspieler Bill Murray jeden Tag von Neuem auf die Ankunft des Siebenschläfers wartet. Wowereit verleiht jetzt immer wieder das Bundesverdienstkreuz. Und immer das letzte Mal.

Er scheint das zu brauchen. Die netten Worte. Die Liebe. Die Dankbarkeit. Sein spöttisches Lächeln löst sich auf. Seine Augen werden feucht. Er ist erst 61, aber manchmal hat man das Gefühl, er höre bereits seiner eigenen Trauerrede zu. In Bettina Rusts Interviewsendung auf Radio Eins wünscht er sich als letzten Titel Franks Sinatras „I did it my way“, das Lied, das am häufigsten auf Beerdigungen gespielt wird. Deutschlands Bestattungssong Nummer eins. In seinen Reden wird er jetzt oft staatsmännisch. Proteste gegen die Flüchtlingsheime und Drogendealer am Görlitzer Platz kommen selten vor. Der 25. Jahrestag des Mauerfalls dafür umso öfter. Gerne erwähnt er auch den Ersten und Zweiten Weltkrieg und was ohne diese Kriege aus Berlin geworden wäre. Es scheint, als wolle er noch etwas hinterlassen, bevor es vorbei ist.

Am ersten Dezembertag weiht Klaus Wowereit eine Gedenktafel für Klaus Schütz ein. Schütz war von 1967 bis 1977 Bürgermeister von Berlin. Vor zwei Jahren ist er gestorben. Nun versammeln sich Familie und Freunde vor seinem Wohnhaus in Wilmersdorf, auch die ehemaligen Bürgermeister Walter Momper und Eberhard Diepgen sind gekommen, sowie der neue: Michael Müller. Momper, mit Mantel und rotem Schal, schüttelt Wowereit die Hand. Diepgen, in Jack-Wolfskin-Jacke, sagt: „Sie kenne ich irgendwoher, ich sehe Sie jetzt pausenlos in den Zeitungen.“ Müller kommt als letzter und bleibt hinten stehen.

Es ist eine denkwürdige Veranstaltung, nicht nur wegen der Ehrentafel. Fünf Bürgermeister auf einen Schlag! Ein toter, zwei ehemalige, ein Noch-Amtierender, ein zukünftiger. Diepgen erzählt einem Mann, dass er die Flüchtlinge im Internationale Congress Centrum (ICC) unterbringen möchte, Momper signiert sein Buch, Wowereit steht dazwischen, stiller als sonst. Vielleicht denkt er daran, dass keiner seiner Vorgänger in Frieden gegangen ist, dass es jedes Mal einen Skandal gab. Um Finanzen, um Banken, um besetzte Häuser. Und dass sie danach trotzdem wieder auf die Beine gekommen sind. Manchmal ist es tröstlich, einer von vielen zu sein.

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