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Reinigendes Gewitter in der Altmark: Jahrzehntelang verwaiste das Land. Jetzt lässt sich ein Umkehrtrend erkennen.

Heimkehrerin

„Wow, hier geht was!“

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Stephanie Auras-Lehmann verließ als Jugendliche ihren Geburtsort in Brandenburg, kam zurück und hilft nun anderen bei der Heimkehr.

Ostdeutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv Einwohner verloren. Merken Sie das auch in Finsterwalde?
Ja. Sehr viele junge Leute gehen nach der Schule erst mal weg, um anderswo ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen. Das ist aber auch ganz normal. Außerdem gibt es viele Gewerbetreibende, die Nachfolger für ihre Betriebe suchen.

Sie selbst haben in Finsterwalde Ihre Ausbildung gemacht, sind dann aber in verschiedenen Teilen Deutschlands und sogar auch in New York unterwegs gewesen. Warum sind Sie zurückgekehrt?
Ich bin der Liebe wegen zurückgegangen. Denn mein Mann wollte gern hier bleiben. Sonst hätte ich das vielleicht nicht gemacht. Im Nachhinein bin ich absolut glücklich und zufrieden. Wir haben mittlerweile zwei Kinder. Wir haben Jobs und meine Eltern in der Nähe. Und schließlich ziehen wir bald in ein frisch saniertes Haus. Daran wird gerade noch gearbeitet.

Nach Ihrer Heimkehr haben Sie eine sogenannte Rückkehrer-Initiative gegründet. Was genau machen Sie?
Meine zwei Kolleginnen und ich arbeiten für die Willkommensagentur „Comeback Elbe-Elster“, die vom Verein „Generationen gehen gemeinsam“ getragen wird. Interessenten können direkt zu uns kommen. Sie können uns aber auch online kontaktieren. Wir geben ihnen dann Tipps, wo es in der Nähe Jobs, Kitas oder Wohnungen gibt. 2012 hatten wir eine Anfrage im Quartal; jetzt haben wir zehn bis zwölf Anfragen im Monat. Das ist Wahnsinn. Außerdem haben sich viele Leute, die zu uns kommen, vorher schon informiert. Es ist alles viel konkreter als am Anfang. Und der Rückkehr-Trend wird immer intensiver. Wir sehen uns als Lotsen, die Interessenten vor allem die Bürokratie abnehmen wollen. Bei uns gilt der Grundsatz: Alles kann, nichts muss.

Merkt man den Effekt?
Ja. Die Kitas werden wieder voller. In manche Wunsch-Kitas kommen Kinder gar nicht mehr hinein. Die Stadt stellt Bauland zur Verfügung. Es wird wieder Wohnraum geschaffen. Gleichzeitig siedeln sich Start-ups an. Es entstehen neue Arbeitsplätze. Alle merken: Wow, hier geht was.

Stephanie Auras-Lehmann, Jahrgang 1982, wuchs im brandenburgischen Finsterwalde auf.


Unterdessen sind Sie auch mit anderen Initiativen vernetzt.
Ja, in Brandenburg existiert jetzt ein Netzwerk namens „Ankommen in Brandenburg“ von mehr als 13 Initiativen. Es wächst und wächst. Brandenburg war da absoluter Vorreiter – wobei das nicht zentral gesteuert wird, sondern vor Ort entsteht. Wir hier in Finsterwalde kooperieren neuerdings unter dem Dach der Robert-Bosch-Stiftung innerhalb des „Neulandgewinner“-Programms mit der Initiative „Heimvorteil HSK“ im Hochsauerlandkreis. Da geht es darum, herauszukriegen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es beim Weggehen und beim Zurückkehren in Ost und West gibt. Denn jeder dritte junge Sauerländer verlässt die Heimat für Studium oder Ausbildung. Das Projekt heißt „Hüben wie drüben“. „Heimvorteil HSK“ übergibt an Schulabsolventen zum Beispiel „Heimvorteil2Go-Boxen“, die auf die Vorzüge der Region hinweisen und darüber informieren, welche Unternehmen es dort gibt.

Sie tauschen sich aus.
Ja, wir tauschen uns innerhalb Deutschlands aus über Ideen und versuchen, uns gegenseitig etwas abzugucken. Außerdem haben wir Anfragen etwa aus Italien oder Frankreich. Daran merken wir: Abwanderung ist nicht nur ein ostdeutsches oder ein deutsches, sondern ein weltweites Problem. Sich damit zu beschäftigen, macht trotz aller Schwierigkeiten unheimlich Spaß.

Es geht also bergauf?
Ich habe das Gefühl, dass wir dieser krassen Abwanderung der letzten Jahrzehnte etwas entgegensetzen können. Ja, es geht bergauf.

Interview: Markus Decker

Zur Person

Stephanie Auras-Lehmann, Jahrgang 1982, wuchs im brandenburgischen Finsterwalde auf. Nach dem Abitur lernte sie Reiseverkehrskauffrau. Nach Stationen in Berlin, Leipzig, dem hessischen Weilburg und New York ging sie zurück in die Heimat. Über ihre Erfahrungen hat sie das Buch „Heeme – eine Rückkehrergeschichte“ geschrieben.

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