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Vergessen geht nicht, auch nach dem Urteil nicht. Szene aus dem Friseurladen der Yildirims in der Keupstraße.

NSU

Die Worte sind verbraucht

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Am Anschlagsort in der Kölner Keupstraße herrschen nach dem Urteil im NSU-Prozess vor allem Trauer und Enttäuschung. Besonders ein Vergleich zu einer aktuellen Debatte fällt häufiger.

Während die Bilder von der Urteilsverkündung im Münchner NSU-Prozess über den Bildschirm flimmern, rasiert Hasan Yildirim einem Kunden Hals und Wangen. Es riecht nach Shampoo und Haargel in dem kleinen Hinterhofzimmer, das Hasan und sein Bruder Özcan bezogen haben, nachdem vor ihrem großzügigen Laden auf der Keupstraße 29 in Köln-Mülheim eine Nagelbombe des NSU explodiert war. 

Hasan Yidirims Blick ist weich und abwesend. Immer, wenn die Reporter im Fernsehen den Namen „Zschäpe“ in den Mund nehmen, blickt der Friseur auf. Er will schon lange nicht mehr mit Journalisten sprechen. Er möchte nicht mehr an den 9. Juni 2004 erinnert werden, als wie an diesem Mittwoch warm die Sonne schien; als wie an diesem Tag Schulkinder über die Straße glucksten; als er wie in diesem Moment einen Kunden bediente – bevor erst die Nagelbombe Teile seiner Haut zerstörte und später die Verdächtigungen der Ermittler seine Psyche und sein Vertrauen in den Rechtsstaat. Yildirim hat die Geschichten zu oft erzählt. 

Doch er ist ein höflicher Mensch, der weiß, dass heute ein besonderer Tag ist. Also sagt er: „Das Urteil gegen Beate Zschäpe finde ich gut. Was die anderen vier bekommen haben, ist ein Witz. Und es ist auch ein Witz, dass nur fünf Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“ 

Yildirim wendet sich wieder seinem Kunden zu, seine Hand mit dem Messer ist ruhig. Irgendwann blickt er nochmal auf und sagt: „Mein Leben ist seit dem Anschlag ein anderes als vorher. Ich kann schon die Tat nicht vergessen und noch weniger, was danach geschehen ist.“ Er bitte um Verständnis, mehr sagen wolle er nicht – die Worte sind schon lange verbraucht. Die ARD geht nach dem Urteil zur Tagesordnung über und sendet ein Quiz. Yildirim schaltet auf einen türkischen Sender, der einen Naturfilm zeigt. 

Es fühlt sich unangemessen, beinahe voyeuristisch an, am Tag der Urteilsverkündung durch die Keupstraße zu laufen und Geschäftsleute zu befragen. Man begegnet hektischen Kameraleuten, die verzweifelt nach „guten Zitaten“ suchen, und Unternehmern, die distanziert und freundlich bleiben. 

„Die Leute hier sind müde und enttäuscht“, sagt ein junger Konditor. „Hier sind durch falsche Verdächtigungen Existenzen zerstört worden“, sagt ein Kioskmitarbeiter. „Aber Deutschland regt sich lieber über ein Foto von Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten auf.“ 

Der Özil-Vergleich fällt häufiger. Am Telefon redet auch Adnan Erdal davon, der Anwalt, der in München den Nebenkläger Talat T. vertreten hat. Talat T. war nur sechs Meter von der Bombe entfernt, die vor dem Friseursalon explodierte – er überlebte nur, weil ein Transporter zwischen ihm und der Bombe geparkt hatte. Erdal hatte für seinen Mandanten beantragt, für das Urteil das Kreuz aus dem Oberlandesgericht München zu entfernen. „Weil der Staat zur Religionsneutralität verpflichtet ist, aber auch aus Respekt vor den acht ermordeten Menschen anderen Glaubens.“ Das Gericht lehnte den Antrag ab – Talat T. ist deswegen nicht zum Urteilstermin erschienen. 

Der Fall Özil, der zur Staatsaffäre erhoben wurde; der Wunsch, aus Respekt vor den Opfern eines für den Staat beschämenden Falls ein Kreuz in einem Gerichtssaal abzuhängen – so viel zu dem tiefen Loch, das sich nicht erst seit den Morden aufgetan hat, aber eben auch durch sie. 
Im Restaurant Istanbul, gleich neben dem Friseurladen der Yildirims, findet nach der Urteilsverkündung eine Pressekonferenz statt. Wer sind die Hintermänner des NSU-Trios? Wer von den Beamten, die Akten schredderten, Informationen verschwiegen, Opfer in die Enge drängten, wurde nie zur Rechenschaft gezogen? Könne man wirklich nur ein Urteil gegen fünf Täter vom deutschen Rechtsstaat erwarten? 

 „Nationalistisch-rassistische Atmosphäre“ 

Für Meral Sahin, die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, sind viele Fragen offen. „Es wäre schön, wenn jeder sich die Frage stellen würde, ob er mit so einem Urteil 14 Jahre nach einer Tat, die schon 24 Stunden später türkischen Banden zugeschrieben wurde, zufrieden ist“, sagt sie. „Lässt sich die Schuld wirklich auf einen oder ein paar Menschen reduzieren?“ 

Sie wünsche sich das, was sie schon seit Jahren fordere, sagt Sahin: „Solidarität, von der wir nach dem Anschlag zum Glück auch viel erfahren haben, Engagement – und Journalisten, die helfen, die Versäumnisse der Behörden aufzudecken.“ Der Anschlag vom 9. Juni 2004 sei „noch längst nicht abgeschlossen, aber die Hoffnung ist mit diesem Urteil auch nicht gestorben“.

„Mir bleiben vor Enttäuschung die Wörter im Hals stecken“, sagte Sahins Amtsvorgänger Mitat Özdemir. „Die Debatte wird sich bald dem Thema zuwenden, wann Frau Zschäpe entlassen wird. Wie viele türkischstämmige Menschen fühle ich mich in diesem Land aber nicht sicher, solange die Mordserie nicht wirklich aufgeklärt ist.“ 

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagt, es liege in der „Verantwortung der Kölner Stadtgesellschaft, die Opfer der Anschläge, die durch die diskriminierende Behandlung nach dem Anschlag ein zweites Mal zu Opfern wurden, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“. Mehr als 30 Betroffene waren am Dienstag auf Einladung der Stadt nach München gereist, um die Urteilsverkündung vor Ort zu verfolgen. Die Stimmungslage unter den Kölner Nebenklägern sei auch dort sehr gemischt gewesen, sagt die Anwältin Monika Müller-Laschet. Eine ihrer drei Mandantinnen, die bei dem Anschlag verletzt worden war, freue sich über das Urteil und könne nun „besser abschließen“, andere seien „verbittert und enttäuscht“. 

Das Aktionsbündnis „Keupstraße ist überall“ erinnert am Ort des Anschlags mit Porträts der neun Ermordeten und mit einer Schweigeminute an die Opfer. „Nachdem 2011 feststand, dass Rechtsextreme für die Anschläge verantwortlich sind, hieß es in einem Leitartikel, nun müsse ein Ruck durch Deutschland gehen“, sagt Peter Bach von dem Aktionsbündnis. „Das ist geschehen – leider allerdings nicht in Richtung Toleranz und Solidarität, sondern im Gegenteil in Form einer nationalistisch-rassistischen Atmosphäre.“ 

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