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Terror in Brüssel

Die Worte eines Vaters

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Michel Visart hat seine Tochter bei den Attentaten verloren – nun spricht er Belgien Mut zu.

Michel Visart ist ein Mann der Wirtschaft und der Zahlen, der Banken und Bilanzen, der Gewinne und Verluste; da geht es nicht um große Emotionen. Aber als Fernsehjournalist ist Michel Visart eben auch ein Mann des Worts. Und so fand er in diesen traurigen Tagen in Belgien als einer der wenigen den richtigen Ton. „Wenn wir auf Ausschluss setzen, wenn wir Mauern errichten, fahren wir gegen die Wand“, sagte Visart und rührte ein ganzes Land.

Visart ist Wirtschaftskorrespondent des Senders RTBF. Aber in diesen Tagen ist er vor allem Vater. Und auch ein bisschen Vaterfigur für das ganze Land. Visart verlor vergangene Woche seine Tochter Lauriane bei den Anschlägen von Brüssel. „Gegen Viertel nach zehn, halb elf am Dienstagmorgen bekamen wir einen Anruf, dass sie nicht im Büro angekommen sei“, erzählte Visart im Fernsehen. Er sprach langsam und bedächtig über die bangen Stunden des Wartens und die dunkle Vorahnung.

„Es war ein unbeschreibliches Leiden. So lange wir nichts von ihr hörten, gab es immer noch Hoffnung“, sagte Visart. Und: „Die Zeit des Wartens ging vorbei. Und so wuchsen die Sorgen.“ Am Freitag übermittelten die Behörden schließlich die traurige Gewissheit: Visarts Tochter Lauriane war in der Metrostation Maelbeek ums Leben gekommen. „Wir brachen zusammen. Aber es war doch eine Form der Erlösung“, sagte Visart.

Er legte sein Bekenntnis mitten in der Hauptnachrichtensendung ab. Sehr sachlich. Und sehr berührend. Tagelang hat Belgien auf eine Ansprache gewartet. Philippe, der Monarch, hatte sich am Tag der Anschläge zu Wort gemeldet. Aber der König der Belgier hat per Verfassung eine schwache Stellung. Und leider auch eine schwächliche Konstitution. So verpufften die Worte. Charles Michel, der junge Premier, hatte am gleichen Tag das Wort ergriffen. Besonnen und klug. Aber je mehr im Zuge der Fahndung bekannt wird über das behördliche Versagen unter der Verantwortung seines Innenministers Jan Jambon und seines Justizministers Koen Geens, ist auch klar: Michel mag nun keinen Ressortchef verlieren. Sonst fällt seine Koalition gleich mit. Nicht auch noch eine Regierungskrise in diesen Tagen.

Manches erinnert derzeit in Belgien an das staatlich organisierte Versagen im Zuge der Ermittlungen gegen den Sexualstraftäter Marc Dutroux. Mehr als 300 000 Menschen zogen damals, 1996, durch die Straßen Brüssels. Dieser „Weiße Marsch“ gilt als Symbol für einen Aufstand der Sprachlosen im Land.

Noch ist es nicht so weit. Umso wichtiger sind Menschen wie Michel Visart, die Zeugnis geben von ihrem Leid. Aber auch von ihrem Mut und ihrer Zuversicht. „Wir brauchen jetzt Respekt und Toleranz“, sagte Visart und fügte mit ruhiger Stimme hinzu: „Ich möchte jetzt nicht pathetisch klingen. Aber wir brauchen auch die Liebe.“ Das klang sehr wohl pathetisch. Und sehr passend.

Visart sprach nicht sehr lange. Aber sehr klug. Es war ein Aufstand gegen die Sprachlosigkeit. Und so fand Visart die richtigen Worte nach denen Belgiens Politik in der Krise derzeit noch sucht. Er vermittelt ein bisschen Mut für ein geschundenes Land.

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