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Nach der Party wartet der politische Alltag: Wolodymyr Selenskyj feiert mit seinen Unterstützern den Sieg über Petro Poroschenko.

Ukraine

Wer ist Wolodymyr Selenskyj?

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Der TV-Komiker Wolodymyr Selenskyj wird neuer ukrainischer Präsident. Über seine Witze hat das ganze Land gelacht, seine politischen Ideen sind unklar.

Als der Sieger kommt, sind die Sektgläser schon geleert, es riecht nach kaltem Kalbsbraten und verbrauchter Luft. Mehr als 500 Journalistinnen und Journalisten drängen sich in der „Sportbar“ im Kiewer Geschäftszentrum Parkowi. Als über der Bühne das Ergebnis der ersten Hochrechnungen aufleuchtet, jubeln Wolodymyr Selenskyj und seine Mitstreiter gut 30 Sekunden lang, Konfetti-Knallkörper platzen: „73 Prozent.“

Dann hört Selenskyj auf zu lachen und spricht. „Wir haben das zusammen geschafft, aber Pathos wird es jetzt nicht geben“, verkündet er. Ein nüchterner Sieger. Selenskyj dankt seiner Familie, seiner Mannschaft, den Journalisten und den Wählern. „Und ein besonderer Dank Frau Oksana und Frau Ljuba, die für alle saubergemacht haben.“ Er lächelt. Das Dankeschön an die Putzfrauen heißt wohl, dass Selenskyj auch künftig witzeln wird. Aber auf seiner Stirn liegen nun Konzentrationsfalten.

Am Ostersonntag hat der professionelle TV-Komiker die Stichwahl um die ukrainische Präsidentenschaft gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko gewonnen. Bei 98,31 Prozent der ausgezählten Stimmen führt er mit 73,16 gegen 24,25 Prozent.

Staatschef der Ukraine wird ein Humorist, über dessen Witze die TV-Nation seit Jahrzehnten Tränen lacht. Aber sonst gibt sich der Mann verschlossen.

Als Politiker mied er bisher die Öffentlichkeit, gab als Präsidentschaftskandidat nur zwei längere Interviews. „Selenskyj ist ein Buch“, schreibt der Publizist Boris Dawidenko, „in dem fast alle Seiten völlig unbeschrieben sind.“ Und die Internetzeitung Ukrainskaja Prawda erklärte Selenskyjs Erfolg damit, dass er es den Wählern überlassen habe, sich selbst ihren idealen Selenskyj auszudenken. „Who is Mister Zelensky?“, titelte das Portal in Anspielung auf den Sieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 2000, als kaum jemand etwas über Putin wusste.

Wolodymyr Selenskyj, mit 41 Jahren der jüngste Präsident der Ukraine, Einzelkind jüdischer Abstammung, Vater Mathematikprofessor, Mutter Ingenieurin, aufgewachsen in der ostukrainischen Industriestadt Kriwoi Rug. Ein talentiertes Energiebündel. Er tanzte, sang und schauspielerte schon in der Schule. Seine Noten waren gut bis sehr gut, aber nach Aussagen seiner Lehrer strebte er nicht danach, Klassenbester zu werden. Und wie seine Mutter schon vor Jahren in einem Interview erzählte, brach er als Teenager das Gewichtheben aus Angst ab, nicht mehr zu wachsen.

„Sag ehrlich, hast du Komplexe wegen deiner Größe von 166 Zentimetern“, fragte ihn der Starjournalist Dmitro Gordon im Dezember. „Nein, ich habe keine Komplexe, aber ich bitte darum, mir keine vier Zentimeter wegzunehmen“, Selenskyj lachte. „Ich bin 170 Zentimeter groß.“ So groß ist offiziell übrigens auch Wladimir Putin.

Selenskyj war auf der Bühne immer ein paar Zentimeter kleiner als die anderen, und immer etwas lauter, sie stellten ihn in die Mitte, seine Witze ernteten die meisten Lacher. Seine ersten großen Auftritte feierte er beim „Klub der Fröhlichen und Findigen“, russisch kurz KWN, ein sowjetischer, dann GUS-Wettbewerb an Schulen und Universitäten. Die Mannschaften, die sich die besten Sketche und Lieder ausdachten, kamen weiter. Selenskyj und seine Kameraden aus Kriwoi Rug und Saparoschje schafften es bis in die finalen Shows des russischen Staatsfernsehens. Aber die Honorare waren lausig, und laut dem russischen Portal meduza.io fanden die Moskauer Organisatoren die Witze außerdem für zu gewagt. Selenskyjs Team stieg 2003 bei KWN aus, machte sich daran, als Showtruppe „Kwartal 95“ Kiew zum Lachen zu bringen. Und dabei richtig Geld zu verdienen.

Selenskyj und seine engste Umgebung sind einander seit über 20 Jahren treu geblieben

Drei der Humoristen seiner Truppe gingen mit ihm in eine Schulklasse, Iwan Bakanow, Generaldirektor von „Kwartal 95“, hat dieselbe Schule besucht, auch seine Geschäftspartner Boris und Sergei Schefir, mit denen er sich das Arbeitszimmer teilte, kommen aus Kriwoi Rug. Und seine Frau Jelena, die Mutter seiner beiden Kinder, die bis heute für „Kwartal 95“ textet, besuchte eine Parallelklasse. Selenskyj und seine engste Umgebung sind einander seit über 20 Jahren treu geblieben.

„Kwartal 95“ macht politische Scherze über die Mächtigen im eigenen Land, außer Poroschenko parodierte Selenskyj regelmäßig auch den mit Poroschenko verfeindeten Oligarchen Igor Kolomoiski, den Besitzer des TV-Senders 1+1, auf dem Selenskyjs Sendungen laufen. Kolomoiski gilt als Geldgeber Selenskyjs, was beide dementieren. Und Selenskyj mimte auch Kolomoiski als gierigen und selbstherrlichen Ganoven, der seinen Oligarchenkollegen Rinat Achmetow, den reichsten Mann der Ukraine, regelmäßig übers Ohr haut.

Selenskyjs Comedyshow „Wetscherni Kwartal“ ist längst zur Live-Institution geworden, jeder neunte Ukrainer sitzt vor dem Fernseher, wenn Selenskyj und Co ihre Witze über Intrigen und Korruption in der Politik reißen. Diese Witze haben diverse Karrierekurven nach unten gebogen. So parodierte Selenskyj mit Wonne immer wieder das Maulheldentum und die Eitelkeit des Rechtspopulisten Oleg Ljaschko, der beschimpfte ihn als „degenerierte Promenadenmischung“.

Selenskyj, Clown der Nation, war auch als Geschäftsmann erfolgreich. „Kwartal 95“ ist inzwischen ein Konzern mit mehr als 400 Beschäftigten. Laut Steuererklärung verdiente Selenskyj 2017 knapp 200 000 Euro, besitzt zusammen mit seiner Frau ein Haus und sieben Wohnungen. Außerdem, wie im März bekannt wurde, über eine ausländische Immobilienagentur auch eine 15-Zimmer-Villa in Norditalien. Selenskyj hält zudem Anteile an fünf Offshorefirmen, in Kiew wird vermutet, dass sich weitere Aktiva auf Offshorekonten der Gebrüder Schefir befinden. Selenskyj ist kein armer Mann, aber auch kein Milliardär.

Es heißt, Oligarchen wie Renat Achmetow oder Petro Poroschenko kauften Fussballvereine oder kandidierten als Präsidenten, weil sie wirtschaftlich alles erreicht hätten und ihre Milliarden auch in soziale Anerkennung ummünzen wollten. Selenskyj aber hat sich auf der Bühne schon bis zur Verausgabung selbst verwirklicht, seine Auftritte sind ein Bad in Zustimmung und Begeisterung. Stellt sich die zynische Frage, welche Ziele er jetzt tatsächlich verfolgt.

Nach Einschätzung des Politologen Igor Rejterowitsch haben außer Kolomoiski auch die Oligarchen Dmitro Firtasch, Viktor Pintschuk und Waleri Choroschkowski Kontakte zu Selenskyj geknüpft. „Selenskyj hat Ehrgeiz“, sagt Rejterowitsch. „Und als talentierter Schauspieler mag er in der Lage sein, die Rolle des Präsidenten nicht nur zu spielen, sondern sie auch zu leben.“ Aber es sei sehr fraglich, ob er allen Oligarchen die Stirn bieten könne. Und ob er das überhaupt wolle.

Laut Radio Swoboda ist Selenskyj in den vergangenen Jahren insgesamt 15-mal in die Schweiz und nach Israel geflogen, wo Kolomoiski lebt, in Begleitung von Kolomoiskis Anwalt Andrij Bogdan. „Bogdan hat keinerlei Einfluss auf Selenskyjs Entscheidungen“, widerspricht Michail Fjodorow, IT-Experte und mit 28 Jahren der Jüngste in Selenskyjs offiziellem Beraterkreis. Über den neuen Präsidenten sagt er: „Wolodymyr hat alles, was ein Präsident braucht: Er ist ein Visionär und ein guter Manager.“

Selenskyj Vision haben schon hundert Millionen TV-Zuschauer gesehen, Wassili Goloborodko, den Held der Erfolgsserie „Diener des Volkes“, nach der auch die Partei benannt wurde, mit der Selenskyj bei den Parlamentswahlen im Herbst antreten will: Ein redlicher Schullehrer wird durch viel Zufall ukrainischer Präsident, die politische Elite belächelt ihn, die Oligarchen schlagen ihm höhnisch ein Rennpferd als Premier vor, „es frisst uns aus der Hand“. Er aber sagt ihnen den Krieg an, metzelt auch das korrupte Parlament in einem Tagtraum mit Maschinenpistolen nieder und überzeugt am Ende das Volk mit einer fulminanten Rede zu einer nationalen Sammelaktion, um eine 160-Milliarden-Euro-Schuldenforderung der gierigen EU zu tilgen. Eine fantastische Figur. Aber viele Beobachter unterstellten ihr, sie verkörpere die reale Abneigung der ukrainischen Oligarchen gegen Europa und den Internationalen Währungsfond.

Selenskyj selbst ließ sich im Wahlkampf von prowestlichen Politikern beraten, die schon zu Poroschenkos Kabinett gehört hatten, etwa Ex-Finanzminister Alexander Daniljuk. Der erklärte, unter Selenskyj werde man die Zusammenarbeit mit den europäischen Institutionen intensivieren.

Der Politologe Dmitro Rasumkow, designierter Chef der Präsidialverwaltung, versicherte, wenn das Volk zwischen Selenskyj und Goloborodko zu wählen hätte, würde Selenskyj drei bis viermal mehr Stimmen bekommen: „Goloborodko ist anständig, aber sehr weich, er hat keine Erfahrung als Manager oder bei der Entscheidungsfindung in großen Kollektiven.“ Goloborodko fehle vieles zum Präsidenten, was Selenskyj besitze. „Er ist ein Mann, der sich selbst gemacht, sein Unternehmen von null an aufgebaut hat.“

Selenskyj hat mit Goloborodko eines gemeinsam: Im Gegensatz zu fast allen politischen Konkurrenten hielt er sich im Wahlkampf mit unerfüllbaren Versprechungen zurück. So gestand er ein, ihm sei unklar, wie man die Krim in absehbarer Zukunft zurückholen könne, dafür bedürfe es wohl eines Machtwechsels in Moskau.

Mitte April stellten einige ukrainische Journalisten Selenskyj im Pariser Hotel Hyatt zu einem spontanen Interview. Ihnen gegenüber zeigte er sich noch sensibler als Goloborodko, klagte, dass Poroschenko ihn immer wieder als „Marionette“ bezeichnet habe. Eine etwas seltsame Beschwerde aus dem Mund eines Komikers, der Poroschenko als beleidigten, betrunkenen, tumben oder gierigen Geldzaren parodierte. „Ich bin ein starker Mensch“, sagte Selenskyj, „aber auch mir tut manchmal etwas weh.“ Jetzt wartet die ganze Ukraine, ob Selenskyj im politischen Alltag mehr Härte und genauso viel Anstand wie sein Held Goloborodko zeigen wird.

Reaktionen aus Berlin und Brüssel

Nach dem Sieg Wolodymyr Selenskyjs bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine haben die Bundesregierung und die EU dem Land ihre Unterstützung zugesagt. Die Bundesregierung werde der Ukraine „insbesondere in ihrem Recht auf Souveränität und territoriale Integrität“ zur Seite stehen, heißt es in einem Glückwunschschreiben von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), das eine Regierungssprecherin am Montag veröffentlichte.

Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) erklärte, Deutschland werde „eng an der Seite der Ukraine stehen“, um die Umsetzung von Reformen zu unterstützen. Gemeinsam mit Frankreich stehe Deutschland zudem bereit, um an einer Lösung des Konflikts in der Ostukraine und um die von Russland annektierte Halbinsel Krim zu arbeiten.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk sagten Selenskyj in einem gemeinsamen Brief die Unterstützung der EU im Konflikt um die „Souveränität, Unabhängigkeit und territoriale Integrität“ der Ukraine zu. Sie sprachen der ukrainischen Bevölkerung zudem ihre Anerkennung für das „starke Festhalten an Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ bei der Wahl aus. (afp)

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