+
170 Milliarden Euro soll das Budget des Emirats für die WM-Infrastruktur betragen. Das Khalifa-Stadion, in dem die Leichtathleten antreten, ist bereits renoviert.

WM in Katar

Sie wollen doch nur die Spiele

  • schließen

Eine perfekte Fußball-WM hat Katar der Welt versprochen. Die lässt sich das Emirat einiges kosten. Der Testlauf mit den Leichtathleten ist allerdings nicht geglückt.

Katar will erst gar keine Zweifel aufkommen lassen. Das Taxi hat gerade erst den Flughafen Hamad International verlassen und die Uferpromenade Al Corniche erreicht. Es ergibt sich ein wunderbarer Blick auf die imposant funkelnde Skyline der Hauptstadt Doha. Eindringlich leuchten in riesiger Schrift sechs Wörter auf einer Museumsfassade. „Everything is going to be alright“ steht da – alles wird gut.

Es ist das große Versprechen, das die Kataris der Welt gegeben haben. 2022 will der Wüstenstaat erstmals eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten. In der Adventszeit. Mit klimatisierten Stadien. Die Leichtathletik-WM, bei der am Wochenende die letzten Medaillen vergeben werden, galt als Testlauf für das Weltereignis in drei Jahren. Und die Bilanz fiel schon vor dem Wochenende ziemlich desaströs aus: halbleere Ränge, gelangweilte Zuschauer, genervte Sportler, ein Klima zum Zuhausebleiben. Noch zumindest ist nicht vieles gut in Doha.

Dabei gibt sich das Emirat viel Mühe. Viele Milliarden Euro hat Katar, nur halb so groß wie Hessen, in den vergangenen Jahren in die Kultur investiert, eine neue Nationalbibliothek, Museen und mehrere Universitäten errichtet. Das Emirat will modern wirken, sich von dem Image des Schurkenstaates lösen. Die Milliarden, mit Öl und Gas gemacht, sollen dabei helfen. Neben der Kultur investiert die katarische Herrscherfamilie Al-Thani seit Jahren vor allem massiv in den Sport.

Da passt es gar nicht, dass sich die Welt über das zurückhaltende Interesse an der Leichtathletik-WM echauffiert. So wurden kurzerhand Karten verschenkt. Dass sich die Sportler bei klimatischen Bedingungen von mehr als 30 Grad und bis zu 90 Prozent Luftfeuchtigkeit wie „Versuchstiere“ fühlen, so der französische Geher Yohann Diniz, lässt sich nicht beschönigen.

Das wissen auch die Menschen, die in Katar leben. „Man hätte es später machen sollen – so wie bei der geplanten Fußball-WM“, sagt Hashim Malik, während sein Hemd allein vom Stehen nass wird. Der 27-Jährige ist einer von 2,4 Millionen Gastarbeitern in Katar. Er stammt aus Indien, arbeitet in einer IT-Firma. „Die Leute hier mögen Sport sehr, aber bei diesen Bedingungen verlässt niemand das Haus, wenn er nicht muss“, erklärt er. Mit der Fußball-WM sei dies aber nicht zu vergleichen, schließlich habe es im November und Dezember angenehme Temperaturen zwischen 16 und 28 Grad Celsius.

Wie groß die Begeisterung für den Fußball ist, zeigt sich am Dienstagabend im Jassim-Bin-Hamad-Stadion. Während bei der Leichtathletik-WM im Khalifa-International-Stadion keine 5000 Zuschauer verhalten auf den Rängen sitzen und viele der Einheimischen gelangweilt auf ihren Handys herumtippen, jubeln zeitgleich ein paar Kilometer weiter knapp 15 000 Zuschauer ausgelassen der Fußballmannschaft vom katarischen Topklub Al-Sadd SC zu. Die Fans sind mit denen im Leichtathletik-Stadion kaum zu vergleichen. Sie singen, trommeln und regen sich auf, wie überall sonst auf der Welt auch.

„Wir lieben den Fußball. Ich freue mich sehr auf die WM“, sagt der elfjährige Jasim. Vor allem, weil seine Idole wie der Brasilianer Neymar oder der Ägypter Mohamed Salah dann in seinem Heimatland spielen. Der 25-jährige Adnan freut sich vor allem auf die Fans aus der ganzen Welt. „Die sehen Katar dann, wie es wirklich ist. Deshalb ist die WM wichtig für uns und unser Land.“

Wie wichtig, lässt sich derzeit gut auf der Straße ablesen. Emir Scheich Tamim bin Al-Thani nutzt die Fußball-WM, um ein ganzes Land zu modernisieren. An jeder Ecke werkeln Gastarbeiter rund um die Uhr an Häusern, Hotels, Straßen, einer U-Bahn und den WM-Stadien. Die Leichtathletik-WM ist genauso ein Testlauf, so wie zuvor bereits die Handball-, die Radsport-, und die Schwimm-WM. Wer mit dem Bus vom Hotel in der City zum Khalifa-Stadion fährt, passiert drei Fußball-Stadien im Bau. 170 Milliarden Euro soll das Budget betragen, das Katar in die Infrastruktur für die Fußball-WM investiert.

„Wir bekommen endlich neue und breite Straßen, gute Brücken“, sagt Taxifahrer Said Irshad Hussain Haji. Auch die U-Bahn sei fast fertig, die Stadien auch, sagt er – vor der geplanten Zeit. Infrastrukturplanung auf der Überholspur. Der 50-jährige Haji lebt seit 2016 in Katar – und er hat so eine Entwicklung schon einmal miterlebt. Von 1996 bis 2014 arbeitete der Pakistani in Dubai. Doch die Geschwindigkeit, mit der sich Katar entwickelt, sei mit seinen Erfahrungen damals nicht zu vergleichen, sagt er. Alles gehe noch schneller – dank der Familie Al-Thani: „Es ist einfach, sein eigenes Geschäft zu gründen. Die medizinische Versorgung ist kostenlos, und es ist sicher.“

Die Al-Thani-Dynastie, ursprünglich ein Beduinen-Clan aus dem heutigen Saudi-Arabien, stellt seit dem 19. Jahrhundert den Herrscher Katars. Überall in Doha strahlt das Gesicht des aktuellen Emirs Tamim von den Hochhaus-Wänden. Auch an vielen Autos kleben Aufkleber mit seinem Konterfei – erst recht seit der Blockade durch Katars Nachbarstaaten. Am 5. Juni 2017 begannen Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate alle Handels-, See-, Luft- und Landwege in das Emirat zu kappen. Auch Ägypten beteiligt sich an der Blockade. Sie wollten Katar in die Knie zwingen. Der Vorwurf: Katar unterstützt den islamischen Terrorismus. Französische Medien veröffentlichten zuletzt Berichte, wonach Geldflüsse an die Muslimbrüder direkt aus Katar kommen. Die Nachbarstaaten sehen diese Vereinigung als Terroristen an.

Vor zwei Jahren kauften die Menschen im Land die Supermärkte leer. Den Großteil der Lebensmittel führte Katar damals aus den Nachbarländern ein. Seit Beginn der Blockade, erzählt der Taxifahrer Haji, habe sich in diesem Land viel verändert. Sein Geschäft sei um die Hälfte eingebrochen, die Touristen bleiben aus.

Die Regierung hat gegengesteuert, mit viel Geld und Beziehungen. Mit dem Iran und der Türkei wurden die Handelsbeziehungen intensiviert, auch mit EU-Staaten. Katar baute – gezwungenermaßen – eine eigene Lebensmittel-Industrie auf. Ein Beispiel ist die Baladna-Farm (zu deutsch: Heimatland), gut 50 Kilometer nördlich von Doha, eine riesige Kuhfarm. Nur wenige Tage nach dem Beginn der Blockade wurden lebendige Tiere eingeflogen, teils trächtig. Auch Obst und Gemüse werden inzwischen in Katar selbst angebaut. Einige Produkte sind zwar nicht immer verfügbar – aber darüber wird hinweggesehen. „Außerdem zahlt die Regierung die Mehrkosten für die Lebensmittel“, erklärt Haji. Katar, das ist auch der Staat gewordene Beweis, dass Geld eben doch vor allzu viel Unglück schützen kann.

Und Geld haben sie ausreichend. Katar ist der größte Flüssiggas-Produzent der Welt. Der Staatsfonds ist größter Teilhaber an der Londoner Börse, drittgrößter Aktionär bei Volkswagen. Zudem ist Katar beteiligt an Siemens, der Deutschen Bank und Hapag-Lloyd. Mit Qatar Airways gehört dem Staat eine der beliebtesten Airlines der Welt. Eine Milliarde Euro soll der Staatsfonds bereits in den französischen Fußballclub Paris Saint-Germain investiert haben. Mit aller Macht soll die politische Isolation überwunden werden.

Von dem armen Land, das Katar noch bis in die 1970er Jahre war, als britisches Protektorat, ist wenig übrig geblieben. Waren die Kataris damals vor allem Fischer und Perlentaucher, sind viele von ihnen heute reich geworden durch Öl und Gas. Ohnehin gibt es nur 400 000 echte Kataris, gerade mal ein Achtel der Bevölkerung. Der Rest sind Gastarbeiter aus Afrika, Asien, Indien, Pakistan.

Genau über die gab es in der Vergangenheit viele negative Berichte. Wie moderne Sklaven sollen sie behandelt worden sein. Viele von ihnen sind auf den WM-Baustellen zu Tode gekommen. Eine Mitschuld trägt das Kafala-System, wonach jeder Gastarbeiter einen Bürgen braucht. Das ist meist der Arbeitgeber. Dadurch wird ein modernes Leibeigenen-System geschaffen, sagen Kritiker.

Arbeiter auf den Baustellen wollten darüber nicht sprechen. Taxifahrer Haji aus Pakistan bestätigte aber die Eindrücke: „Die Vorurteile über die Arbeiter im Land stimmen. Es hat sich aber viel verbessert. Die Regierung achtet auf die Pausenzeiten. Dennoch müssen die Arbeiter auf den Baustellen sehr viel und hart arbeiten. Sie haben ein schlechtes Leben, eine schlechte Bezahlung.“

Wenn am Sonntag die Leichtathletik-WM mit einer großen Show endet, beginnt in Doha der lange Endspurt. Dann wird sich zeigen, was bis zur Advents-WM doch noch besser werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion