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Nach Angaben der regimekritischen, exiliranischen Gruppe ?Nationaler Widerstandsrat Iran? zeigt das Foto Demonstranten auf der Ferdowsi-Avenue in Teheran.

Proteste im Iran

Sie wollen Arbeit und Freiheit

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Junge Iraner fordern eine bessere Versorgung und mehr Bürgerrechte. Das Staatsoberhaupt Ali Chamenei kündigt eine Erklärung an - bislang hat er sich kaum geäußert.

Sechs Tage lang schwieg er zu den Unruhen. Am Dienstag dann meldete sich Irans Oberster Revolutionsführer Ali Chamenei zum ersten Mal zu Wort. Das nächtliche Aufbegehren tat er in einer Rede ab als eine Verschwörung der „Feinde des Irans“.

Kein Wort zu den Rufen der Demonstranten nach mehr Freiheit und sozialer Gerechtigkeit oder zu ihrer Kritik an der kostspieligen Präsenz Teherans in Syrien, im Jemen, Libanon oder Irak. „Ich werde zur gesamten Nation sprechen, wenn die Zeit dafür reif ist“, beschied Chamenei seine Zuhörer und ließ offen, ob das Regime in den nächsten Tagen mit aller Härte gegen die Demonstranten vorgehen wird.

Die Unruhen erfassen derweil immer weitere Teile des Landes. Mindestens 22 Menschen sind bisher ums Leben gekommen. Den schwersten Zwischenfall gab es in dem Städtchen Kahderidschan nahe Isfahan. Dort wurden sechs Demonstranten erschossen, als eine Menge versuchte, die örtliche Polizeistation zu stürmen und Waffen zu erbeuten. Allein in Teheran wurden nach offiziellen Angaben bisher 450 Menschen festgenommen, in Isfahan über 100, fast alle sind jünger als 25 Jahre. Für Irans Hauptstadt, wo im Juli 2017 ein Reformer zum Bürgermeister gewählt wurde, kündigten die Revolutionsgarden an, man werde dem Geschehen nicht weiter tatenlos zusehen und gegebenenfalls in eigener Regie für Ordnung sorgen.

Zuvor hatte Präsident Hassan Ruhani bereits zweimal über die Medien versucht, Entgegenkommen zu signalisieren und die Gemüter zu beruhigen. „Die Menschen wollen über die Wirtschaftsprobleme reden, über die Korruption und den Mangel an Transparenz beim Agieren mancher Organe, und sie wollen eine offenere Atmosphäre“, twitterte er und forderte, diese Anliegen des Volkes ernst zu nehmen.

Bisher sind die meisten Demonstranten junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die aus einfacheren und armen Schichten kommen. Ihre Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent, auf dem Land sogar deutlich höher. Trotzdem wurden Anfang Dezember im jüngsten Staatshaushalt die Mittel für Sozialhilfe gekürzt, während religiöse Stiftungen und revolutionäre Organisationen üppige Summen erhielten.

Denn als Präsident Ruhani 2013 ins Amt kam, erbte er von seinem Vorgänger, dem Hardliner Mahmud Ahmadinedschad, nur leere Kassen, obwohl der Ölpreis in dessen acht Amtsjahren auf Rekordhoch lag. Schätzungsweise 200 Milliarden Dollar sind zwischen 2005 und 2013 spurlos aus dem Staatshaushalt verschwunden. Gleichzeitig schufen sich die Revolutionsgarden ein schwer durchschaubares militärisch-industrielles Imperium, das weite Teile des Wirtschaftslebens kontrolliert und ein Quasimonopol bei lukrativen Staatsaufträgen hat.

Irans Hegemoniepolitik kostet enorme Summen

Aber auch Irans Hegemoniepolitik im Nahen und Mittleren Osten kostet enorme Summen und geht zulasten der eigenen Bevölkerung. Beim syrischen Bürgerkrieg ist die Islamischen Republik mit mindestens 10 000 Bewaffneten vor Ort. Die Dollar-Gehälter von Abertausenden irakischen Schiiten, die für Baschar al-Assad kämpfen, werden ebenfalls von Teheran bezahlt. Anders als beim letzten Aufbegehren 2009 durch die grüne Bewegung in den Städten beteiligt sich diesmal auch die Landbevölkerung in Dörfern und kleineren Städten an den Protesten. In mehr als der Hälfte des Iran herrscht Wassernotstand, der nach Meinung von Experten, wie dem ehemaligen Landwirtschaftsminister Issa Kalantari, in den nächsten beiden Jahrzehnten ein Dutzend der 31 Provinzen unbewohnbar machen könnte.

Verheerende Sandstürme gehören zum Alltag, der Grundwasserspiegel sinkt, die Brunnen versiegen. Immer mehr Familien müssen ihre Felder aufgeben. Sie wandern in die Städte ab, an deren Rändern sie fortan ein kümmerliches Slum-Dasein fristen. Zwar hat Ruhanis Regierung die Wasserkrise vor drei Jahren zur innenpolitischen Priorität erhoben, doch ihre Bekämpfung ist kostspielig und mühsam. Eine politische Wende bei den Bürgerrechten und der allgegenwärtigen Bevormundung durch die Moralwächter des Islam ist ebenso langwierig. „Ihr benutzt die Religion, und ihr habt das Volk ruiniert“, skandierten die Demonstranten, eine Kritik, die sich gleichermaßen an die klerikalen Hardliner wie an die Ruhani-Regierung richtet.

Schon zur ersten Amtszeit 2013 hatte der Präsident seinen Landsleuten eine Grundrechtecharta versprochen, die die Willkürmacht der islamischen Herrschaft begrenzen sollte. Im Gegenzug jedoch machten die Hardliner in der Justiz mobil. Die Zahl der Hinrichtungen kletterte auf Rekordniveau, politische Aktivisten und sogar Musiker wurden zu drakonischen Haftstrafen verurteilt, Zeitungen geschlossen. „Ich habe keine meiner Versprechungen vergessen“, umwarb Ruhani vier Jahre später erneut die Menschen in den Wahlkampfarenen.

Sie glaubten ihm, verhalfen ihm im Mai 2017 zum zweiten überwältigenden Sieg und wurden wieder enttäuscht. Ein paar Konzerte mehr sind nun erlaubt, auch hält sich die Sittenpolizei bei Party-Razzien stärker zurück. Doch von einer grundsätzlichen Öffnung der Gesellschaft kann nach wie vor keine Rede sein.

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