Wolfgang Niedecken

Der Restkatholik

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken und sein Verhältnis zur Kirche. 

Wolfgang Niedecken war 13, als er im Internat St. Albert in Rheinbach bei Köln von einem Pater geschlagen und sexuell missbraucht wurde. Wenn er beim Vokabel-Abfragen stockte, wurde er anschließend blutig geprügelt – mit einem Stock, den er sich selber schneiden musste. Abends konnte es geschehen, dass er von dem Pater aus dem Bett geholt wurde. „Dann durfte man sich bei dem auf den Schoß setzen und wurde befummelt.“

Es sei der perfekte Psychoterror gewesen. Denn: „Bei diesem Peiniger mussten wir dann auch noch beichten gehen“, erzählt der heute 67 Jahre alte BAP-Frontmann. „Und wir waren ja gläubig. Das war die reinste Gehirnwäsche. Er konnte uns ausfragen und mit diesem Wissen dann in die Enge treiben. Perfide.“

Früher behauptete die Kirche, solche Schicksale wären Einzelfälle. Heute sagt das wohl niemand mehr. Seit heute steht die massenhafte sexuelle Gewalt durch Kleriker im Zentrum einer Konferenz im Vatikan.

Niedecken trat 1980 aus der Kirche aus, kurz nach dem Tod seines tief gläubigen Vaters. „Ich habe diesen Schritt nie bereut.“ Dennoch hat ihn die Missbrauchserfahrung nicht zu einem eingeschworenen Feind der Kirche werden lassen: „Der Papst macht auf mich einen hervorragenden Eindruck.“ Und auch den Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz seit 2010, habe er in Gesprächen als glaubwürdig kennengelernt. „Auf der anderen Seite gibt es im Vatikan eine starke konservative Opposition“, glaubt er. „Die gehen nach der Salamitaktik vor: nur zugeben, was sowieso schon bewiesen ist.“

Wolfgang Niedecken verfolgt das Gipfeltreffen mit Interesse, auch wenn er schon lange kein Mitglied mehr ist: „Als Atheisten würde ich mich nicht bezeichnen. Ich würde sagen: Irgendwo bin ich Restkatholik. Trotz allem.“ (dpa) 

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