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Bedeutungsschwanger: Die Demonstranten hielten Bilder von Che Guevara und Rosa Luxemburg in die Höhe.

"Teach-in"

Wohlüberlegter Protest

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  • Bernd Messinger
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Zum ersten Mal tauchte der Begriff "Teach-in" an der Universität von Michigan auf. Damals ging es um Vietnam ? und das Ereignis, bei dem auch ein deutscher Philosoph zu den Rednern zählte, wurde später sogar in der New York Times besprochen.

Am 24. März 1965 versammelten sich mehrere Hundert Studenten auf dem Campus der University of Michigan und protestierten gegen den Vietnam-Krieg. Nach einem Vortrag des deutschen Philosophen Walter Arnold Kaufmann – er war erstaunlicherweise kein Vertreter der Kritischen Theorie, sondern von Haus aus eher Nietzscheaner – schloss sich eine über zwei Tage währende Diskussion der Studenten jenseits von klassischer Hörsaaldisziplin und Rollenverteilung an. Am Ende stand sogar eine gemeinsam verabschiedete Schlusserklärung. Bis Ende des Jahres 1965 fanden ähnliche Veranstaltungen an rund 120 weiteren amerikanischen Hochschulen statt. Eine neue Protestform war geboren: das Teach-in!

Die erste vergleichbare Aktion in Westdeutschland gab es ein Jahr später an der Frankfurter Goethe-Universität. Herbert Marcuse und Rudi Dutschke sprachen 1966 vor über 2000 Studenten auf einem Teach-in des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS): „Vietnam – Analyse eines Experiments.“

Selbstverständlich gab es auch hier entsprechend der Übernahme US-amerikanischer Traditionen eine Abschlusserklärung, in der davon gesprochen wurde, dass der Vietnamkrieg nicht nur die Existenz des vietnamesischen Volkes bedrohe, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf das Leben und die Gesellschaften der am Krieg beteiligten Nationen habe. Der Protest schwappte über den Atlantik.

In die Geschichte der Studentenbewegung ging aber in erster Linie der große Vietnamkongress 1968 in Berlin ein. Bis zu 6000 Personen fanden sich im Audimax und anderen Orten beim größten Teach-in dieser Zeit ein – weitgehend dominiert von den Genossen aus Frankfurt.

Schon die Begleitumstände waren reichlich spektakulär. 3000 Teilnehmer trafen aus Westdeutschland und dem Ausland ein – in der Regel über die Transitstrecken durch die DDR mit den bewährten 5 Mark für die Grenze in der Tasche. Doch die Hunderte Fahrzeuge wurden erstaunlicherweise vom Ost-Zoll als Verbeugung der DDR hinsichtlich der gemeinsamen Solidarität mit dem Vietcong ohne diese eigentlich übliche Visagebühr (im Westjargon: „Eintrittspreis“) durchgewunken. Allerdings nicht ohne den nachdrücklichen Hinweis, man möge doch bitte einzeln fahren und nicht im Konvoi. Den Anblick von aufbegehrenden, Autocorso fahrenden Studenten wollte man der eigenen Bevölkerung trotz aller Solidarität wohl eher nicht zumuten – diese hätte ja auf unziemliche Gedanken kommen können.

Der Kongress begann am 17. Februar 1968 mit mehrminütigen Ho-Chi-Minh-Rufen, bevor KD Wolff als SDS-Vorsitzender die Tagung eröffnete, neben ihm saßen Johannes Agnoli von der Freien Universität Berlin und Reiner Meschkat vom Republikanischen Club. Es sprachen – aus Frankreich angereist – Daniel Cohn-Bendit, Ernest Mandel, der chilenische Schriftsteller Gaston Salvatore und der gebürtige Iraner Bahman Nirumand, Stuttgarter Waldorfschüler, Mitbegründer der gegen den Schah opponierenden Studentenorganisation CISNU (Confederation of Iranian Students, National Union) und von 1990 bis 2001 Geschäftsführer der Kommunalen Ausländervertretung Frankfurt. 

Im Mittelpunkt der wichtigsten Reden stand – auch damals schon – das Thema Globalisierung und internationale Solidarität. Hans-Jürgen Krahl forderte unter großem Jubel die Zerschlagung der Nato und gemeinsame Kampagnen zur Wehrkraftzersetzung in Europa, doch unumstrittenes Idol dieser Tage war Rudi Dutschke. „Genossen, Antiautoritäre, Menschen“ begrüßte er die Teilnehmer, um schnell zum Kern zu kommen, die Zeiten eines rein kulturellen Aufbegehrens seien vorbei, es gehe nun um den globalen Widerstand: „Jede radikale Opposition gegen das bestehende System, das uns mit allen Mitteln daran hindern will, Verhältnisse einzuführen, unter denen wir schöpferisches Leben ohne Krieg, Hunger und repressive Arbeit führen können, muss heute notwendigerweise global sein.“

Und auch das Verhältnis zu den verschiedenen Untergrundbewegungen wurde Thema. Auf den Zwischenruf eines in der Diktion noch unsicheren Kommilitonen: „Arbeitest Du auch mit Gorillas zusammen“, führte Dutschke spontan aus, „zwar nicht mit Gorillas direkt“, aber die Revolutionäre in Westeuropa müssten die Guerilleros in der sogenannten Dritten Welt mit ihrem Widerstand unterstützen.

Die Abschlusserklärung des Kongresses sprach später dann auch vom Aufbau einer zweiten „revolutionären Front gegen den Imperialismus in den Metropolen“ – eine Formulierung, auf die sich Jahre später dann auch selbst ernannte „Stadtguerilleros“ wie die RAF bezogen.
Doch auch wenn viele Redner die nächste Konsequenz vom kulturellen Aufbruch dieser Zeit zur politischen Tat einforderten, war es doch letztlich mehr das kulturpolitische Signal als das programmatische; es waren die Bilder, die Sprache, die diesen Kongress so nachhaltig wirken ließen. 

Das zeigte sich auch schon in den Tagen danach. Der Kongress mündete in eine Großdemonstration am 18. Februar. Nachdem das Verwaltungsgericht ein Verbot des Senats aufgehoben hatte, gingen mehr als 12 000 Menschen gegen den Vietnamkrieg auf die Straße, zogen zur deutschen Oper, wo wenige Monate zuvor Benno Ohnesorg erschossen worden war, und forderten unter anderem – das Musical „Hair“ hatte gerade wenige Wochen zuvor Vorpremiere in einer Off-Broadway-Produktion – die amerikanischen GIs zur Desertation auf.

Die medialen Wellen schlugen hoch. Berlin wurde als Tummelplatz der Extremisten etikettiert. Und der Westberliner Senat rief für den 21. Februar zur Gegendemonstration auf. Die Angestellten des Öffentlichen Dienstes wurden extra freigestellt. „Stoppt den Roten Rudi jetzt“ titelte die „Bild“-Zeitung. Mehr als 80 000 Berliner folgten diesem Aufruf – fünf Mal mehr, als die Studenten auf die Straße brachten. Doch während die Demonstration des Establishments kulturell und auch symbolisch ohne Nachhall blieb, setzte der Vietnam-Kongress Zeichen weit über die Stadt hinaus.

In ihrem Buch erinnern sich FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert und Politiker Bernd Messinger an das Jahr 1968 in Frankfurt am Main.

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