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Vermisst auf der Flucht nach Europa: „Wo sind unsere Kinder?“

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Latifa Walhazi (vorn) auf einer Kundgebung. Aufgeben werde sie niemals, sagt sie. privat
Latifa Walhazi (vorn) auf einer Kundgebung. Aufgeben werde sie niemals, sagt sie. privat © Privat

Anonyme Gräber säumen Europas Küsten: Viele, die im Mittelmeer zu Tode kommen, gelten offiziell nicht als verstorben, sondern als vermisst – und das jahrzehntelang. In Tunesien kämpfen ihre Familien für Aufklärung

Von Sophie Tiedemann

Ertrinken ist ein stiller Tod. Umso stiller ist er, wenn es weder Retter:innen noch Zeug:innen gibt, die im Nachhinein von der Tragödie berichten können. „Unsichtbare Schiffswracks“ nennt man die Boote, deren Insassen bei der Flucht über das Mittelmeer allesamt ums Leben gekommen sind. Ihre Reise bleibt undokumentiert und Menschen, die ihren Tod mit vollständiger Sicherheit bestätigen können, gibt es nicht. Die Namen dieser Verstorbenen werden nie in einem Sterberegister erscheinen. Ihr Tod ist Teil der enormen Dunkelziffer, die Migrationsforscher:innen jeder Statistik zu den Fluchtrouten über das Mittelmeer hinzufügen.

Aber: Jede und jeder von ihnen hinterlässt trauernde Angehörige. Und diese Angehörigen organisieren sich seit einigen Jahren zunehmend politisch und tragen ihre Verzweiflung gemeinsam auf die Straße. So auch Latifa Walhazi, Mitbegründerin der „Association des Mères de Migrants Disparus“(Verein der Mütter verschwundener Migrant:innen) in Tunesien.

Ihr jüngerer Bruder Ramzi, damals 26 Jahre alt, begab sich 2011 auf die Überfahrt von Tunesien in Richtung Italien. Seitdem gilt er als verschollen. „Sein Traum war es, die Situation unserer Familie zu verbessern, insbesondere die unseres pflegebedürftigen Vaters“, erzählt Latifa Walhazi. Gemeinsam mit anderen Hinterbliebenen kämpft sie dafür, die Wahrheit darüber herauszufinden, was mit ihrem Bruder und all den anderen jungen Menschen geschehen ist, von denen seit ihrer Überfahrt jegliches Lebenszeichen fehlt.

Seit 2014 sind die Überreste von mehr als 12 000 Menschen, die während der Flucht über das Mittelmeer ihr Leben verloren, nicht geborgen worden, so heißt es in der Datensammlung der Internationalen Organisation für Migration. Die Dunkelziffer dürfte aufgrund der vielen undokumentierten Schiffsunglücke deutlich höher liegen. Dabei könnte, so die Organisation gerade eine valide Datenmenge aus der andauernden humanitären Katastrophe auf dem Mittelmeer eine in Zahlen fassbare Tragödie machen – und zu dem Eingeständnis führen, dass Menschen aufgrund von politischen Entscheidungen sterben.

EU-Außengrenzen: Angehörige bekommen keine Informationen zu verstorbenen Geflüchteten

Simon Robins setzt sich als Wissenschaftler an der Universität York mit Menschenrechten und „Transitional Justice“ auseinander, also Handlungsansätzen, die die Folgen von Gewalt und Leid nachhaltig aufzuarbeiten und zu überwinden suchen. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat er verschiedene internationale Organisationen in humanitären Fragen beraten, zum Beispiel das Flüchtlingskommissariat der UN und die Internationale Organisation für Migration. Mittlerweile ist er als „Research Advisor“, Berater also, beim Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes beschäftigt.

Er bestätigt: „Die allermeisten Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, werden nie gefunden. Und selbst wenn ihre Körper geborgen werden und ihnen DNA entnommen wird, machen sich europäische Behörden nicht die Mühe, Hinterbliebene zu benachrichtigen.“ Für jeden vermissten Menschen gebe es eine trauernde Familie im Hintergrund, so Simon Robins. Deshalb lege er Wert auf einen Ansatz, der die Angehörigen vermisster Migrant:innen in den Mittelpunkt stellt: „Zu sehen, wie wenig an die Betroffenen gedacht wird, hat mich zu der Entscheidung gebracht, langfristig mit den Familien vermisster Personen arbeiten zu wollen.“

Der Wissenschaftler Simon Robins berät Flüchtlingsorganisationen. privat
Der Wissenschaftler Simon Robins berät Flüchtlingsorganisationen. privat © Privat

Dass Hinterbliebene darüber im Unklaren gelassen werden, was mit ihren Verwandten passiert ist, sei auf die Politik der Europäischen Union zurückzuführen, sagt Robins: „Es gibt von Seiten europäischer Staaten keinerlei politischen Willen, das Leid der hinterbliebenen Familien zu lindern.“ Das spiegele sich auch in dem Umgang mit verstorbenen Geflüchteten wider: „Vor zehn Jahren bin ich noch auf Massengräber auf Lesbos gestoßen, heute werden verstorbene Geflüchtete wenigstens individuell bestattet und ihre DNA in einer Datenbank gespeichert“, berichtet der Forscher. Bemühungen, betroffenen Familien auch Zugang zu diesen Daten zu gewähren, gebe es jedoch nach wie vor nicht. In Italien und Griechenland reihten sich deshalb seit Jahren unzählige Gräber aneinander – mit Körpern, die vermutlich niemals von Angehörigen identifiziert werden.

Tunesien: Traueraktivisten verlangen Aufklärung

Aktivistinnen wie Latifa Walhazi möchten die Staaten nördlich und südlich des Mittelmeers zur Rechenschaft ziehen. Ihr Slogan ist dabei so einfach wie eindrücklich: „Wo sind unsere Kinder?“ Ihre Versuche, über tunesische Behörden an Informationen zu gelangen, liefen immer wieder ins Leere. Latifa Walhazi berichtet: „Seit dem Tag von Ramzis Abreise sind wir als Familie in tiefer Trauer. Aber wir leben in der Hoffnung, ihn eines Tages wiederzufinden. Das gibt uns Kraft.“ Ramzi sei der jüngste Sohn der Familie gewesen: „Der schönste, lustigste und wunderbarste meiner Brüder“, erinnert sie sich.

„Er hat sich im traditionellen tunesischen Kupferstich ausbilden lassen. Sein Diplom hatte er schon, und er träumte davon, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Irgendwann wollte er ein kleines eigenes Geschäft gründen, das war der Plan.“ Ihre Beziehung zueinander sei eine ganz besondere gewesen: „Ich habe noch zwei andere jüngere Geschwister, Hossam und Lamia. Aber mit Ramzi habe ich mich verstanden wie mit einem guten Freund.“

Internationaler Aktivismus

Initiativen von Hinterbliebenen vermisster Migrant:innen gibt es nicht nur in Tunesien, sondern in mehreren afrikanischen Ländern. So haben sich etwa algerische Hinterbliebene 2007 im „Collectif des Familles des Harragas“ zusammengeschlossen. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, ob ihre Kinder in libyschen Internierungslagern oder italienischen Abschiebegefängnissen festgehalten werden.

In Kamerun organisieren sich Familien in der Initiative „Ô Pays Human Migrant Association“, gegründet im Jahr 2017, und unterstützen sich gegenseitig bei der Suche.

Der 6. Februar gilt als sogenannter „Global Day of CommemorAction“, an dem Gedenkveranstaltungen in verschiedenen Ländern stattfinden. Der Hintergrund: Am 6. Februar 2014 versuchten mehr als 200 Geflüchtete, schwimmend die spanische Enklave Ceuta zu erreichen. Der spanische Grenzschutz und die marokkanische Polizei beschossen sie mit Gummipatronen. 15 Menschen ertranken. Im Jahr 2022 fanden am 6. Februar in verschiedenen Ländern Gedenkaktionen statt, beispielsweise in Mauretanien, im Niger und in Mali. Doch der Aktivismus der Angehörigen vermisster Migrant:innen geht weit über diesen Tag hinaus.

Im Jahr 2017 kam es zu einem Treffen einer Delegation des Europäischen Parlaments in Brüssel mit algerischen und tunesischen Hinterbliebenen. 2020 tauschten sich algerische, marokkanische und kamerunische Hinterbliebene in Marokko mit Müttern aus Mexiko aus, deren Kinder verschwunden sind. All diese Initiativen eint die Forderung nach Aufklärung und die unaufhörliche Suche nach ihren verschollenen Familienmitgliedern. st

Ihr Bruder habe gerne Rap-Musik gehört, erzählt sie. Der Familie habe er nichts von der geplanten Überfahrt gesagt. „Ich vermute, dass sein bester Freund ihn dazu überredet hat, und dass er das Exil schon lange vor Augen hatte“, sagt Latifa Walhazi. Seit dem Tag seiner Abreise sei nichts mehr so, wie es war: „An dem Verlust ist unsere Familie zerbrochen.“

Fünf Jahre nach Ramzis Verschwinden, im Jahr 2016, habe sie dann gemeinsam mit anderen Betroffenen die Association des Mères de Migrants Disparus gegründet: „Wir haben uns als Verein zusammengefunden, um eine bessere Grundlage für unsere Suche zu schaffen“, erinnert sie sich. „Ohne den Verein hört man uns einfach nicht zu.“

Die meisten hinterbliebenen Familien, mit denen der Verein im Lauf der Jahre gearbeitet habe, litten vor allem an der Ungewissheit, sagt Forscher Simon Robins. Diese mache es ihnen unmöglich, wirklich mit dem Trauern zu beginnen. Der englische Begriff „Ambiguous loss“ bezeichnet den Verlust, den die Angehörigen durchleben, und die Unmöglichkeit, damit abzuschließen. Politischer Aktivismus werde in dieser Situation lebensnotwendig, so Robins: „Viele Mütter, mit denen ich gesprochen habe, sagen: ‚Ich muss das für meinen verschollenen Sohn tun. Und wenn ich dafür durch das ganze Land reise und jedem einzelnen Gerücht folge, das irgendwie Aufschluss über sein Verschwinden geben könnte.‘” Ähnlich geht es Latifa Walhazi: „Noch immer verspüre ich jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, die Hoffnung, dass Ramzi wieder da ist“, sagt sie.

Anonyme Todesfälle im Mittelmeer: Angehörige wünschen sich Gewissheit

Gemeinsame Aktionen, so Simon Robins, helfen dabei, mit anderen Hinterbliebenen den Schmerz über den Verlust des vermissten Familienmitglieds zu durchleben. Die Chance, dass die Suche wirklich erfolgreich verläuft, sei jedoch sehr klein: „Selbst, wenn morgen jemand auf seiner Überfahrt verschwindet, ist es sehr unwahrscheinlich, mehr über seinen Verbleib herauszufinden. Wenn die Abreise schon Jahre zurückliegt, ist es quasi unmöglich.“ Das liege vor allem daran, dass erst seit kurzem DNA-Proben entnommen und in Datenbanken registriert würden, eine europäische Zusammenarbeit in dieser Hinsicht gebe es jedoch nach wie vor nicht.

Latifa und Ramzi Walhazis Mutter mit einem Banner, das ihren Sohn zeigt. privat
Latifa und Ramzi Walhazis Mutter mit einem Banner, das ihren Sohn zeigt. privat © Privat

Das deckt sich auch mit den Empfehlungen, die die Internationale Organisation für Migration an die europäischen Staaten richtet: Demnach ist es an der Zeit, europaweit geltende, klare Richtlinien für den Austausch von Daten zu vermissten Migrant:innen zu formulieren und außerdem länderübergreifende forensische Standards einzuführen. Eine zentrale Organisation, an die sich suchende Familien wenden könnten, um mehr über ihre vermissten Verwandten herauszufinden, gebe es nach wie vor nicht – stattdessen lande jegliche Information über vermisste Migrant:innen in unzähligen Einzelarchiven.

Demonstrationen, Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen. Die Terminliste der Aktivist:innen der Association des Mères de Migrants Disparus ist lang. „Wir möchten klarstellen, dass unsere Kinder ihre Heimatländer nicht verlassen hätten, wenn sie dort seitens der Regierungen Rücksicht und Würde gefunden hätten“, heißt es in der Pressemitteilung des Vereins. Auf großen Bannern tragen die Mitglieder die Gesichter ihrer vermissten Angehörigen auf die Straßen Tunesiens.

Simon Robins sagt: „Ich war immer der Meinung, dass die Geschichten von Betroffenen das europäische Grenzregime verändern können.“ Sein Glaube werde aber immer mehr auf die Probe gestellt, nicht zuletzt durch den Wahlsieg der Post-Faschistin Giorgia Meloni in Italien. „Menschen erzählen ihre Geschichten seit zehn Jahren, und nichts hat sich verändert. Aber ich gehe trotzdem immer noch davon aus, dass es der einzige Weg ist, der Entmenschlichung von Migrant:innen in Europa etwas entgegenzusetzen.“

Fest steht auch für Latifa Walhazi, dass sie niemals klein beigeben wird. Nicht, solange sie nicht weiß, was ihrem kleinen Bruder Ramzi und all den anderen Menschen, die auf dem Weg nach Europa verschollen sind, wirklich zugestoßen ist: „Ich werde nicht aufgeben, bis ich die Wahrheit über alle Vermissten herausgefunden habe.“

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