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Wo macht Hilfe der Ukraine Hoffnung?

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Von: Pitt von Bebenburg

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„Das gibt ein bisschen Hoffnung.“ Helferinnen geben Essen aus beim Projekt von Longo Mai in Transkarpatien. Foto: medico international.
„Das gibt ein bisschen Hoffnung.“ Helferinnen geben Essen aus beim Projekt von Longo Mai in Transkarpatien. Foto: medico international. © medico international.

Till Küster von der Hilfsorganisation medico international über einen Besuch in der Westukraine, die Stimmung unter Geflüchteten und den Austausch mit der russischen Friedensbewegung.

Herr Küster, was trägt die Zivilgesellschaft zum friedlichen Leben in der Ukraine bei?

Sehr viel. Ich war im Mai vor Ort in der Ukraine, in Transkarpatien. Es ist nicht direkt betroffen von Kampfhandlungen, ist aber Ankunftsort für mehrere hunderttausend Flüchtlinge aus dem Osten. Menschen tun sich zusammen und reagieren ganz spontan, um anderen zu helfen und entwickeln kollektive Ideen, der Krise Stand zu halten.

Auf welche Partner treffen Sie?

In Transkarpatien unterstützen wir ein größeres Projekt, das von dem europäischen Netzwerk Longo Mai getragen wird, einer Kooperative für nachhaltige Landwirtschaft. Es geht um die akute Versorgung der Flüchtlinge in der Region, aber auch um die Frage, wie sich die Menschen langfristig versorgen können – mit Unterkünften, Schulbildung für die Kinder, Arbeitsmöglichkeiten und Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig organisieren Freiwillige Hilfstransporte in den umkämpften Osten der Ukraine und Evakuierungen aus den Kampfgebieten heraus.

Wer engagiert sich?

Es sind Menschen, die vorher beruflich etwas ganz anderes gemacht haben und die jetzt am Bahnhof von Uschgorod stehen, Leute mit Essen versorgen und versuchen, Unterkünfte für sie zu finden. Ebenso auf den Dörfern, wo Menschen Zuflucht finden. Das passiert jetzt schon seit fünf Monaten, und daraus entsteht etwas für die Gemeinschaft, für die dörfliche Struktur. Das gibt ein bisschen Hoffnung. Wenn dieser Krieg irgendwann einmal vorbei ist, dann sind dort Strukturen entstanden, auf die man aufbauen kann.

Welche Strukturen unterstützt medico international noch in der Ukraine?

Wir unterstützen ein humanitäres Projekt unseres Partners „Mirnoe Nebo Kharkova“ in Charkiw, einer Großstadt im Osten der Ukraine, die unter Beschuss steht. Dort haben sich Leute zusammengetan, um Menschen in Altenheimen, in Krebsstationen von Krankenhäusern oder in Bunkern und U-Bahn-Schächten täglich mit warmen Mahlzeiten zu versorgen. Das ist mittlerweile zu einer großen, kraftvollen Hilfsstruktur geworden – getragen komplett von Freiwilligen. Wir haben gerade die Nachricht bekommen, dass ein Mitarbeiter der Küche von einer Bombe verwundet worden ist, die ganz in der Nähe eingeschlagen ist.

Zur Serie

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. Alle Artikel finden Sie auf fr.de/friedensfragen

Der nächste Beitrag erscheint am Dienstag. FR

Welche Projekte fördern Sie außerdem?

Wir unterstützen noch mehrere weitere Projekte, zum Beispiel das Medienkollektiv Zaborona, das eine unabhängige Berichterstattung aufrecht zu erhalten versucht. Es ist eine der wenigen Informationsquellen, die nicht abhängig ist von Oligarchen. Dabei geht es auch um die Veröffentlichung von Informationen über Kriegsverbrechen. Zusammen mit einer unseren Partner:innen „FemFund“ aus Polen helfen wir außerdem Frauen und Mädchen, Trans-Personen, Menschen mit Behinderungen und anderen marginalisierten Gruppen in der Ukraine.

Gibt es so etwas wie eine Friedensbewegung in der Ukraine, mit der Sie kooperieren ?

Eine Beendigung der ukrainischen Verteidigung fordert dort niemand. Die Stimmung bei vielen unserer Partnerinnen und Partner ist, dass der Krieg nur enden kann, wenn Russland seine Angriffe einstellt. Aber natürlich gibt es Stimmen, die den Dialog aufrecht erhalten wollen.

Till Küster ist Politikwissenschaftler und bei medico international Leiter der Abteilung für transnationale Kooperation.
Till Küster ist Politikwissenschaftler und bei medico international Leiter der Abteilung für transnationale Kooperation. © Foto: medico international

Gibt es auf der Ebene der Zivilgesellschaft Kooperation zwischen ukrainischen und russischen Organisationen?

Mit der marginalisierten russischen Friedensbewegung gibt es einen Austausch. Wir wissen von Treffen in Berlin und Paris, wo Partnerinnen und Partner von uns, die aus der Ukraine kommen, mit russischen Aktivistinnen und Aktivisten zusammengekommen sind.

Wie verändern solche Erfahrungen Ihren Blick auf politische Diskussionen in Deutschland?

Hier dominiert die Frage: „Wie viele Waffen hat Deutschland geliefert?“ und „Ist das zu wenig?“ Für die Leute, mit denen wir in der Ukraine sprechen, ist aber nicht die erste Frage: „Werden Panzerfäuste geliefert?“, sondern sie sagen: „Wir brauchen Pickups, um Leute zu evakuieren.“

Kann Ihre Hilfe etwas beitragen zum Frieden?

Die Hilfe kann das Leid der Menschen etwas lindern, sie wird aber diesen Krieg nicht beenden. Der Krieg wird erst beendet, wenn die Waffen endlich schweigen. Unsere Hilfe kann aber neben der Versorgung Notleidender zu einer besseren Organisation und Vernetzung der ukrainischen Zivilgesellschaft beitragen, gerade auch zwischen der russisch orientierten und der europäisch orientierten Bevölkerung, obwohl das gerade jetzt so utopisch erscheint.

Interview: Pitt von Bebenburg

Till Küster ist Politikwissenschaftler und leitet bei der Hilfsorganisation medico international die Abteilung für transnationale Kooperation.

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